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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.03.2014

EinkaufsweltDas Ende der Warenhauskultur

Karstadt, Strauss und andere

Von Ralph Bollmann

Karstadt-Filiale in Düsseldorf (AP)
Kauf-Paläste in der Dauerkrise: eine Karstadt-Filiale in Düsseldorf. (AP)

Das Konzept des klassischen Kaufhauses ist in Deutschland am Ende, meint der Wirtschaftsjournalist Ralph Bollmann. Andernorts gibt es bereits Läden ohne Waren. So könnte auch bei uns die Zukunft aussehen.

Es ist erstaunlich, welche Emotionen diese Firma weckt. Wenn der Karstadt-Konzern mal wieder in der Krise steckt, dann ist das nicht bloß Thema für den Unternehmensteil der Zeitungen. Es ruft gleich das schwere Geschütz der Kulturkritik auf den Plan. In dramatischer Tonlage ist dann von sterbenden Innenstädten die Rede, von der Verödung des öffentlichen Raums und der Vereinsamung des Konsumenten auf den neuen Marktplätzen des Internets.

Was die Pessimisten dabei nicht merken: Sie verteidigen die Institution des Warenhauses mit denselben Argumenten, mit denen es einst angefeindet wurde. Früher waren es die kleinen Kaufleute, die sich von Konzernen wie Karstadt bedroht fühlten. Heute sind es die Verteidiger von Karstadt selbst, die gegen neue Vertriebsformen im Internet kämpfen. Damit unternehmen sie den vergeblichen Versuch, sich gegen den Zug der Zeit zu stemmen.

Der Aufstieg des Warenhauses begann im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Es bahnte den Weg in die Konsumgesellschaft und befreite die Verbraucher von der Diktatur des Ladenbesitzers, der sich hinter seiner Theke verschanzte. Auch die Nazis wollten auf die moderne und effiziente Betriebsform nicht verzichten, aller Propaganda für die Kaufleute zum Trotz: Sie enteigneten die meist jüdischen Besitzer, ließen die Warenhäuser als solche aber bestehen.

"Unwirtlichkeit unserer Städte" 

Die ganz große Zeit begann für die arisierten Konzerne in den fünfziger Jahren. In keinem Land auf der Welt erlebten die Kaufhäuser einen solchen Siegeszug wie in der alten Bundesrepublik. Das lag zunächst an den kriegszerstörten Innenstädten, die viel Platz boten für die Neubauten von Karstadt und Kaufhof, Hertie und Horten. Das war praktisch, aber alles andere als schön. Von der "Unwirtlichkeit unserer Städte" sprach der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich.

Der Erfolg der Warenhäuser gründete auch auf dem Mythos der nivellierten Mittelstandsgesellschaft – oder, bösartiger formuliert: auf der Idee einer formierten Volksgemeinschaft, aus der gefälligst niemand auszuscheren hatte. Hier konnten alle alles kaufen, unter einem Dach und aus einer Hand. Dinge, die es hier nicht gab, sollte der brave Bürger nicht begehren.

Das war vermutlich damals schon ein Mythos, aber einer, an den viele glaubten. Das Geschrei, das derzeit um Karstadt gemacht wird, ist Teil eines weit verbreiteten Retro-Denkens: Man sehnt sich in die vermeintliche Heimeligkeit der alten Bundesrepublik zurück, als von Globalisierung noch keine Rede war und Ludwig Erhard die Parole vom "Wohlstand für alle" ausgab.

Vielfalt passt in kein Warenhaus

Spätestens seit den achtziger Jahren konnte niemand mehr übersehen, dass sich die bundesdeutsche Gesellschaft in eine Vielzahl von Milieus aufzulösen begann. Das hat weniger mit materieller Ungleichheit zu tun. Es geht um Geschmacksfragen, um Individualität, auch um Freiheit. Die Vielfalt der Lebensstile lässt sich nicht mehr unter das Dach eines gemeinsamen Warenhauses zwingen.

Die Freiheit, die das Kaufhaus einst versprach, findet sich heute andernorts. Den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen entsprechen Shopping Malls und Internetversand viel besser – aber auch die vielen kleinen Läden in den Wohnvierteln und: Mehr noch als einst Hertie oder Wertheim verkaufen sie mit der Ware ein Gefühl.

Vorige Woche schrieb die neue Karstadt-Chefin an ihre Mitarbeiter: "Viele Menschen sind den Einheitsbrei im Einzelhandel leid." Das ist eine Kapitulation. Um nichts anderes als um die Idee der Einheit ging es im Warenhaus von Anfang an. Heute können die Konzerne mit Shop-in-Shop-Konzepten die Malls imitieren, sie können in ein paar Großstadt-Häusern wie dem Berliner KaDeWe den Luxus inszenieren. Mit der Idee des Warenhauses hat das nichts mehr zu tun.

 


Ralph Bollmann,
 geboren 1969, ist wirtschaftspolitischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin. Der studierte Historiker absolvierte die Münchener Journalistenschule und arbeitete viele Jahre für die taz, zuletzt als Leiter des Parlamentsbüros. Jüngste Buchveröffentlichung: "Die Deutsche. Angela Merkel und wir" (2013).

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