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Feiertag / Archiv | Beitrag vom 03.10.2011

"Einheit in Vielfalt - Kann Kirche vom Staat lernen?"

Von Ralf Birkner, Bonn

Am Tag nach der Öffnung am 9. November 1989 steigen Menschen  auf die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (AP)
Am Tag nach der Öffnung am 9. November 1989 steigen Menschen auf die Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in Berlin. (AP)

Am 3. Oktober feiert die Bundesrepublik das Fest der Deutschen Einheit mit einem Fest der föderalen Vielfalt in Bonn. Gemäß der föderalen Verfassung findet die nationale Feier immer im Bundesland des amtierenden Ratspräsidenten statt. Die Kirchen suchen nach Einheit, sicher auf einem anderen Niveau und unter anderen Prämissen. Können die Kirchen von der Verfassung der Bundesrepublik lernen? Gibt es auch in der Theologie ein Modell eines "Kirchlichen Föderalismus für eine Einheit in Vielfalt"? Dieser Frage möchte die Sendung nachgehen und Spuren des Föderalismus in Staat und Kirche auf- und untersuchen auf ihre Einheitstauglichkeit.

Einigkeit und Recht und …, so wird heute an vielen Stellen im ganzen Land gesungen, heute am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit. Viele Menschen denken heute ganz besonders an den Fall der Mauer im Jahr 1989, an den Weg zur Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands. Heute, am 3. Oktober feiert die Bundesrepublik das Fest der Deutschen Einheit mit einem Fest der föderalen Vielfalt in Bonn. Gemäß der Verfassung findet die nationale Feier immer im Bundesland des amtierenden Bundesratspräsidenten statt. In Verbindung mit dem Landesfest Nordrhein Westfalen wird in Bonn ein großes Bürgerfest gefeiert mit viel Information, Spiel, Spaß und Musik.

Beginnen wird die offizielle Feier heute Morgen um 10 Uhr in der evangelischen Kreuzkirche in Bonn. Im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes wird die Staatsspitze sich gemeinsam mit 1200 geladenen Gästen zum Dankgottesdienst versammeln. Der Präses der evangelischen Kirche in Deutschland Nikolaus Schneider und der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner werden diesen Gottesdienst feiern, den Sie ab 10 Uhr auch in der ARD live am Fernsehen verfolgen können. Weil dieser nationale Feiertag heute in Bonn gefeiert wird, habe ich Musik von Bonns berühmtestem Sohn ausgesucht. Sie hören Teile der Messe in C-Dur von Ludwig van Beethoven, aufgeführt vom Chor und Orchester der Bonner Münsterbasilika.

Es ist der Tag nach dem kirchlichen Erntedankfest. Danken steht auf der Tagesordnung und ist angebracht. Die Christen richten ihren Dank am heutigen Tag zuerst an Gott. Die friedliche Revolution in Deutschland ist ein historisches Wunder, an dem natürlich viele Menschen beteiligt waren. Aber Wunder kommen nicht allein durch menschliches Handeln zustande, natürlich auch nicht ohne. Das Wunderbare, so glauben wir Christen, kommt durch Gottes Hilfe, durch seinen Geist zustande. Eine schöpferisch kreative Kraft, die sich einmischt, die durchmischt und aufmischt. In der Bibel ist immer wieder davon die Rede, dass Gottes Geist etwas Neues macht, nicht nur das Alte verbessert, sondern etwas ganz Neues geschaffen wird.

Nun ist die deutsche Einheit Wirklichkeit geworden und die christlichen Kirchen haben daran einen großen Anteil. Das ist in den vergangenen Jahren hinreichend aufgearbeitet worden. Meine Frage heute ist, was können die Kirchen heute zum Gelingen einer gesellschaftlichen Verfassung in Freiheit und Frieden beitragen?

Der ehemalige Berliner Bischof und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber hat in seinem Buch "Kirche in der Zeitenwende" den Kirchen vorgeschlagen, ihr Verständnis als "Mutter Kirche" neben "Vater Staat" zu ändern und sich als vermittelnde, intermediäre Instanz zu verstehen, also eine neue Rolle als Gemeinschafts- und Sinnstifter im Zentrum der Gesellschaft einzunehmen. Auf die Frage, wie weit die Kirchen damit gekommen sind antwortet er in einem Interview mit dem Predigtpreis-Newsletter.

Es gibt in beiden Kirchen immer noch viele staatsanaloge Strukturen. Sie machen es schwer, die öffentliche Verantwortung der Kirche im Dreiecksverhältnis Staat - Gesellschaft - Kirche zu verstehen und nicht nur im Verhältnis Staat-Kirche. Aber es geht voran. Der Fortschritt wird weniger durch eine Reflexion über die intermediäre Funktion der Kirchen vorangetrieben als vielmehr durch die pluralistische Situation, die sich mit einem Duopol Staat - Kirche gar nicht mehr verträgt. Wichtig ist, diesen Übergang so zu gestalten, dass vom öffentlichen Auftrag der Kirche nichts zurückgenommen wird, sondern dass wir auch künftig öffentliche, offene Kirche sind. Die Staatsanalogie muss weiter zurücktreten. Doch die zentrale Aufgabe bleibt: die Vermittlung zwischen dem einzelnen und dem gesellschaftlichen Zusammenhang tritt im kirchlichen Auftrag neben die Vermittlung zwischen dem einzelnen und Gott.

Die Alternative dazu wäre, sich angesichts eines steigenden Pluralisierungsdrucks auf den Binnenbereich derjenigen zu beschränken, die intensiv am Leben der Kirche teilnehmen. Der Gedanke der intermediären Institutionen stellt ein Gegengewicht dar gegen die Gefahr des Rückzugs in geschlossene Milieus. Denn dieser Rückzug kann nicht funktionieren. Milieus verändern sich, Milieuüberschneidungen werden stärker, so dass die Identifikation der Kirche mit einem bestimmten Milieu keine Zukunft eröffnet.


Die Kirche als eine offene, intermediäre Instanz als Gegenbild zu einem sich in geschlossenen Milieus abgeschotteten religiösen Bollwerk. Das könnte, so Wolfgang Huber, eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe der Kirche sein und ein wichtiger Beitrag, eine auseinander driftende, sich im Pluralisierungsstrudel verlierende Gesellschaft zusammen zu halten. Ich habe mich in der Vorbereitung auf diese Sendung aber auch gefragt, ob das Wiedervereinigte Deutschland nicht auch umgekehrt eine Klammer sein kann, die die Kirchen zusammenhält und zusammen bringt? Gibt es etwas, was die Kirchen von dem Prozess der Einheit Deutschlands lernen können?
Ich habe mich im Gespräch mit Politikerinnen und Theologinnen bemüht, Spuren einer Antwort zu finden.

Katrin Göring Eckhard, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland und Vizepräsidentin des deutschen Bundestages antwortete mir auf diese Frage:

Begibt man sich auf die Suche, worin Staat und Kirche sich in Struktur und Aufbau ähneln, so mag man am ehesten Parallelen in der Verfasstheit der Evangelischen Kirchen in Deutschland feststellen. Doch bei näherem Hinsehen beginnt der Vergleich zwischen Synode und Parlament, Kirchenkonferenz und Bundesrat, Rat der EKD und Regierung schnell zu hinken. In Bundesrepublik und evangelischer Kirche habe sich den jeweiligen Erfordernissen entsprechend und damit je verschieden Strukturen entwickelt, die dem Grundprinzip von Demokratie und Mitbestimmung entsprechen. Das ist die Gemeinsamkeit. Die Katholische Kirche ist, hierarchisch organisiert, davon deutlich weiter entfernt.

Natürlich braucht Kirche als Institution Strukturen, braucht festgelegte Abläufe und Ämter mit Entscheidungskompetenzen. Aber das ist nur stützendes Gerüst ihres eigentlichen Kerns und Auftrags: nah bei den Menschen zu sein und die frohe Botschaft des Evangeliums zu verkünden. Die Ebene des Glaubens geht über die des Menschen hinaus. Und der, der geglaubt wird, der Herr ist, bedarf keiner Legitimation.

Wie geglaubt wird und wie Glauben gelebt wird, das kann sich unterscheiden in Praxis und Tradition. Doch die Rede von "Einheit in Vielfalt" bezieht sich nicht in erster Linie auf Strukturen, sondern vielmehr auf Inhalte. Die gemeinsame Glaubensgewissheit eint und sie kann und darf Ausdruck finden in unterschiedlichen Formen. Das ist auch der Punkt, an dem Ökumene ansetzt: sich zu vergewissern, dass die eine Taufe und der eine Glaube gemeinsam ist. Und davon ausgehend, danach zu suchen, welchen gemeinsamen Ausdruck dieser Glaube nach 500 Jahren Reformation finden kann und wo die Form verschieden bleibt.

Auf dem Weg zur Einheit der christlichen Kirchen werden sich womöglich auch gemeinsame Organisationsstrukturen entwickeln, die keine anderen als demokratische und förderale werden sein können. Nicht aber, weil Kirche hier etwas vom Staat lernen müsste, dessen Strukturen kein Selbstzeck sind, sondern der freien Entfaltung des Einzelnen dienen und diese gleichzeitig schützen sollen. Vielmehr, weil es das Organisationsprinzip ist, das der Mündigkeit und Selbstbestimmung des Menschen entspricht, die schon im Brief des Apostels Paulus an die Galater klar formuliert wird: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit". Freiheit in Verantwortung ist die Quintessenz des demokratischen Miteinanders, im christlichen Verständnis ist sie ein Geschenk: Eine Gabe Gottes an den Menschen.


Katrin Göring Eckardt ist sicher, dass die Kirchen auf dem Weg zur Einheit auch gemeinsame föderale und demokratische Strukturen entwickeln können, die dem Grundprinzip der Freiheit dienen, wie es der Apostel Paulus immer wieder betont, nicht eine Freiheit, wie die Welt sie versteht, sondern die Freiheit, zu der Christus uns befreit hat. Der kirchenpolitischer Sprecher der Grünen Bundestagsfraktion und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken Josef Winkler betont in seiner Antwort , dass Religion ja gerade etwas beansprucht, das Staatlichkeit nicht mehr leisten kann und glücklicherweise auch nicht mehr darf: Aussagen über die letzten Dinge zu machen und aus dieser Perspektive den Glaubenden Verhaltenspflichten aufzuerlegen.

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, ob und inwieweit die Kirche vom Staat lernen kann, darf man nicht verkennen, dass der moderne neuzeitliche Nationalstaat von anderen Funktionsbedingungen lebt und auf andere Weise organisiert ist als religiöse Institutionen. Die Funktionsweise von Demokratien ermöglicht im Idealfall die Partizipation praktisch aller Bürgerinnen und Bürger an den Entscheidungen der Parlamente. Persönliche Meinungen und Haltungen oder religiöse Überzeugungen der Regierenden spielen weit weniger eine Rolle als in früheren Zeiten. Partizipation und Mitbestimmung sind wichtige Elemente politischer Meinungsbildung geworden. Politik bedeutet ja nicht nur, Meinungen zu bilden und Interessen zu artikulieren, sondern auch in die Gesellschaft hinein die Bedeutung konkreter Entscheidungen zu vermitteln. In diesem Sinne ist der politische Prozess nicht ohne Verlust auf die Sphäre des Religiösen zu übertragen. Denn Religion beansprucht ja gerade etwas, das Staatlichkeit nicht mehr leisten kann und glücklicherweise auch nicht mehr darf: Aussagen über die letzten Dinge zu machen und aus dieser Perspektive den Glaubenden Verhaltenspflichten aufzuerlegen.

Religion beansprucht, im Besitz der heilswirksamen Wahrheit zu sein. Eine solche ließe sich aber nicht unter Verweis auf demokratische Prozesse nivellieren oder relativieren. Deshalb ist die Möglichkeit, demokratische Prozesse in kirchliche Entscheidungen zu implementieren, äußerst beschränkt. Aber sie ist nicht ausgeschlossen. In Fragen beispielsweise, die das Dogma selbst wenig oder gar nicht betreffen, ist es durchaus denkbar, die Gläubigen stärker in die innerkirchlichen Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Dies führt dann nämlich auch dazu, dass die Ergebnisse solcher Prozesse mit breiterer Unterstützung rechnen können. In manchen Bereichen geht gerade die katholische Kirche noch immer von einem vormodernen Menschenbild aus, des Menschen nämlich, der in Anbetracht seiner Endlichkeit der moralischen und praktischen Führung durch eine Glaubensinstanz bedarf, um am Leben nicht irre zu werden. Diese Widerständigkeit ist nicht per se schlecht, denn sie steht kaum in der Gefahr, beliebig zu werden oder dem Zeitgeist zu huldigen. Trotzdem muss Kirche heute wahrnehmen, dass in Politik und Gesellschaft das Bild mündiger Bürgerinnen und Bürger vor-herrscht, die bewusste Entscheidungen treffen, auch darüber, was sie glauben und wie sie leben (möchten).

Das kann zu schwierigen Situationen führen: In allen Bereichen der Gesellschaft wird die Autonomie des Einzelnen betont, in der Kirche wird sie kritisch gesehen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, diesen Gegensatz etwas zu verringern und damit vom Staat zu lernen, was die Möglichkeiten, aber auch die Gefahren der Mitverantwortung und Mitbestimmung angeht. Dabei geht es nicht um die Relativierung des Glaubens an den dreieinigen Gott. Aber im wohlverstandenen Ringen um das beste Verständnis dessen, was Glaube heute bedeutet, wäre es ein Verlust für die Kirche, auf die Meinung der sogenannten Laien überwiegend zu verzichten.


Der Erfurter Bischof Joachim Wanke erläutert in seinem Beitrag seine Vorstellung von der Einheit der katholischen Kirche als Ellipse, die zweipolig Welt- und Teilkirche umfasst.

Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 wurden im Osten Deutschlands bald die alten Bundesländer neu errichtet, die in der DDR-Zeit aufgelöst waren. Die dafür eingerichteten so genannten "Bezirke" waren faktisch gegenüber der Regierung in Ostberlin nur Verwaltungsbereiche und hatten keine politische Selbständigkeit. Mit der Neuerrichtung der Bundesländer war das Prinzip des Länderföderalismus, das für die Bundesrepublik Deutschland gilt, wieder hergestellt. Die Organisation der katholischen Kirche kennt von alters her eine vergleichbare Bipolarität zwischen Ortskirche (hier verstanden als Bistumskirche) und Universalkirche. Insofern gibt es eine formale Analogie zwischen dem Aufbau mancher demokratischer Staaten und der katholischen Kirche. Historisch gesehen dürfte es eher so sein, dass hier die Kirche der staatlichen Entwicklung entsprechende Leitvorstellung geben konnte. Dabei gab es ein interessantes unterschiedliches Gefälle. Das politische Gewicht und die Bedeutung der Länder innerhalb eines Staatsgebildes hat im Prozess der Herausbildung der heutigen Demokratien mehr und mehr an Bedeutung gewonnen. Zuvor lag ja der Akzent meist auf der Zentralgewalt, zumal in der Zeit des Absolutismus, in der alle Gewalt vom König ausging. In der katholischen Kirche hatte sich dagegen im faktischen Vollzug der Kirchenorganisation aus verschiedenen Gründen am Ende des 19. Jahrhunderts umgekehrt eine starke Verlagerung auf die zentrale Leitung der Kirche durch den Papst und seine Kurie in Rom ergeben. Hauptursache dieser Entwicklung war das Bestreben, die örtlichen Kirchen vor dem Machtanspruch der neuzeitlichen Staaten und ihrer Kirchenministerien zu schützen. Die technische Entwicklung in der Moderne, die Beschleunigung der Verkehrsverbindungen und eine globaler werdende Medienkommunikation trug zu diesen zentralistischen Tendenzen in der Kirche noch das Ihre bei. Hier hat das 2. Vatikanische Konzil wieder das vom alten Selbstverständnis der Kirche vorgegebene Gleichgewicht zwischen universaler Kirche und den Ortskirchen betont. In der Kirchenkonstitution des Konzils ist von den Teilkirchen und der Gesamtkirche die Rede, die jeweils von den zuständigen Bischöfen in Verbindung mit dem Papst als Petrusnachfolger geleitet werden. Jede Teilkirche ist wirklich Kirche, aber keine Teilkirche kann für sich allein bestehen. "In ihnen (sc. Den Teilkirchen) und aus ihnen besteht die eine und einzige katholische Kirche" (Nr. 23)
Man könnte von einer Gleichzeitigkeit und Gleichursprünglichkeit von Universalkirche und Ortskirche sprechen. Das Gesamt der Kirche hat wie eine Ellipse zwei Pole, die man nicht gegeneinander ausspielen darf. Solche Versuchungen hat es in der Geschichte natürlich immer gegeben. Doch zeigt sich, dass – wie in der Kirche – auch in einem demokratisch verfassten Staatsgebilde die Eigenständigkeit der kleineren Einheiten, also der Länder, wesentlich zum Gelingen des Ganzen eines Gemeinwesens beiträgt. In der Föderalismusdebatte können also Staat und Kirche voneinander manches lernen, unbeschadet der Tatsache, dass die Kirche in ihrem Wirken auf religiöse Zielstellungen hingeordnet ist.


Einheit in Vielfalt und Freiheit, das ist nicht nur das Motto des heutigen Deutschlandfestes in Bonn, Es sind die Grundpfeiler unserer gesellschaftlichen Verfassung. Die Beiträge zu dieser Sendung haben deutlich gemacht, dass auch das Reich Gottes mit diesen Begriffen elementar beschrieben werden kann, aber unter eben ganz andern Vorzeichen. Im Johannesevangelium wird die Einheit der Kinder Gottes in seiner Nachfolge als das zentrale Anliegen Jesu beschreiben: alle sollen eins sein, wie du Vater in mir und ich in dir bin, so sollen sie in uns eins sein. Die Grundlage der Einheit sind nicht Staatsverträge oder gesellschaftlicher Konsens, es ist die Einheit, die zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist gelebt wird. Mit Freiheit ist die Freiheit in Christus gemeint. Die Aufgabe der Kirchen wird sein, die Strukturen gesellschaftlichen und privaten Lebens der Menschen von dieser Dimension von Freiheit und Einheit durchdringen zu lassen, und – was auf dem Weg der Einheit der Kirchen ganz wichtig ist – sich als irdische Institutionen auch selbst davon durchdringen zu lassen. Mit den Worten von Dorothee Sölle wünsche ich Ihnen einen guten und frohen Tag der Deutschen Einheit in Freiheit und Freude.

Den Himmel erden
Es ist eine Illusion anzunehmen,
Menschen gingen in die Kirche, um dort Gott zu finden.
Solche Begegnungen und Treffen finden statt,
um Gott zu teilen:
Jeder bringt etwas mit von Gott,
um es in der Gemeinsamkeit miteinander zu teilen:
Du bringst deinen Hunger nach Gott mit,
dein Stückchen Freude im Leben hast du in der Tasche,
was du bereits weißt von Gott,
der schon mal mit »Strömen der Liebe«
auf dich geregnet hat –
das alles bringst du mit.
»Das von Gott«, wie die Quäker es nennen,
das in jedem Menschen steckt,
vielleicht ganz klein, zerknittert, verschrumpelt –
du bringst es mit.
Ohne dich ist Gott kleiner!
Und mit dir feiern wir den geteilten Gott,
wir loben, schimpfen, klagen, wir rufen Gott näher herbei.
Den Himmel erden - in uns und mit uns
und nicht ohne dich, die da neben mir sitzt,
und dich, der nicht ganz genau weiß, was das soll.
Feiern, teilen, erden - das ist ein Vorgang.



Musik und Literatur dieser Sendung
• CD: L. van Beethoven, Messe in C-Dur, Bonner Münsterchor, Orchester der Münsterbasilika Bonn, Leitung Markus Karas, Bonner Münster Edition
• www.predigtpreis.de

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag hat Pfarrer Lutz Nehk, der katholische Senderbeauftragte für Deutschlandradio Kultur.

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