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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.06.2006

Einer, der das Land zum Lachen brachte

Nachruf auf den Schriftsteller Robert Gernhardt

Von Lutz Bunk

Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt  (AP)
Der Dichter und Karikaturist Robert Gernhardt (AP)

Er gilt als einer der erfolgreichsten Dichter dieses Landes. Er wurde geliebt, weil er die Menschen zum Lachen brachte. Als Mitbegründer von Satireblättern wie "Pardon" und "Titanic" nannte er sich selbst am liebsten einen Humorkritiker. Robert Gernhardt ist im Alter von 69 Jahren in Frankfurt/M. gestorben.

"Wir können Goethes, Schillers, Klopstocks Hinscheiden durchaus verschmerzen, solange nur Robert Gernhardt uns nicht genommen wird."

So stand es einmal in der "FAZ". Nun ist es geschehen. Deutschlands größter zeitgenössischer Lyriker ist von uns gegangen. Heute Nacht starb Robert Gernhardt nach langer schwerer Krankheit in Frankfurt am Main, 68 Jahre alt.

Seit Jahren wusste er Bescheid über sein Schicksal, aber viele haben ihn in dieser Zeit noch erlebt als lachenden, verschmitzten, stattlichen Mann, der er war. So hielt er noch in diesem Sommersemester 2006 als Gastprofessor Vorlesungen über Lyrik an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Peter Rühmkorf nannte ihn Deutschlands erfolgreichsten Dichter überhaupt. Die "Baseler Zeitung" betrachtete ihn als " legitimen Erben Brechts", und auch mit Heinrich Heine wurde er oft verglichen. Und dass er nicht nur von einem elitären Publikum geschätzt wurde, zeigt ein Satz aus der "BILD-Zeitung" aus dem Jahr 1997:

"Verglichen wird er mit Dante und Goethe, aber eigentlich hat er mehr erreicht."

Warum ihn Deutschland so geliebt hat? Weil er dieses Land zum Lachen gebracht hat. Ja, in den 80er Jahren war Gernhardt sogar Co-Drehbuchautor und -texter der Otto-Waalkes-Filme.
Aber er war mehr, er war alles, er war Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Zeichner, Maler, Philosoph und auch ein großer Literaturtheoretiker. Oder wie er sich selbst am liebsten bezeichnete: ein Humorkritiker.

Robert Gernhardt wurde am 13. Dezember 1937 in Reval, heute Tallinn in Estland geboren. Sein Vater war Richter, er fiel 1945, die Mutter floh und kam 1946 nach Göttingen. Nach Abschluss seiner Schulausbildung 1956 studierte Gernhardt Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin.

Von April 1964 bis Dezember 1965 war er Redakteur der Satirezeitschrift "Pardon". Franz-Josef Strauss nannte das Magazin eine "gemeingefährliche Polit-Porno-Postille". Für die 68er- und Hippiegeneration hingegen war die Zeitschrift "Pardon" eine Offenbahrung, eine satirische Blutkonserve, die man sehnlichst am Kiosk erwartete, das Tagesthema einer ganzen Generation.

Mit den Satirikern und Maler-Karikaturisten F.W. Bernstein, F.K. Waechter, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid, Bernd Eilert, Peter Knorr und Hans Traxler kreierte er und war Mitinitiator der so genannten "Neuen Frankfurter Schule", eine gnadenlose Verballhornung jener bierernsten Philosophen der deutschen Linken um Adorno und Habermas, die als die "Frankfurter Schule" fungierten.

1979 war Gernhardt Mitbegründer der Satirezeitschrift "Titanic". Im Laufe der 1990er Jahre erfuhr Gernhardt dann auch allgemein jene literarische Würdigung und Öffentlichkeit, die er verdiente. Schon zu Lebzeiten galt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter deutscher Sprache.

Sein Werk hatte sich dabei von vermeintlichen Nonsens-Versen und den ausschließlich humoristischen Formen der 1960er und 1970er Jahre zu einer vielseitigen Lyrik weiterentwickelt, die über alle Register verfügt und die Gernhardt auch stets um neue Töne erweiterte. Die Liste seiner Auszeichnungen scheint schier unüberschaubar, 14 waren es an der Zahl, er erhielt, um nur einige zu nennen, den Kästner-, den Ringelnatz-, den Brecht- und den Heinrich-Heine-Preis.

Die letzte von Robert Gernhardt noch persönlich zusammengestellte und betreute Ausstellung eröffnet am 14. Juli ihre Pforten, in der Städtischen Kunsthalle in Limburg an der Lahn. Zu sehen sein werden Illustrationen Gernhardts zu Aphorismen von Christoph Georg Lichtenberg.

34 Bücher hat er herausgebracht. Und nun ist "Lützel Jeman" tot und "Norbert Gamsbart" auch, so nannte sich Robert Gernhardt auch gerne am Anfang seiner Karriere.

Robert Gernhardt, ein Mann der nicht nur die Literatur unseres Landes, sondern der auch dieses Land selbst in den letzten 45 Jahren mitentscheidend geprägt hat.

Er hat den Deutschen gezeigt, wie schön sie lachen können, und wie sehr der Humor zur Seele dieses Volk gehört. Sein einziger Roman hieß "Ich, ich, ich".

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