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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 13.06.2008

Einen Affenzahn draufhaben …

Von Rolf-Bernhard Essig

Diesmal geht es um die Redensarten: Einen Affenzahn draufhaben, Sich benehmen, wie Graf Koks von der Gasanstalt, Das sind böhmische Dörfer für mich, Das ist ein echter Kotzbrocken, Jemanden hinwünschen, wo der Pfeffer wächst u.a.

Einen Affenzahn draufhaben

Ach, der Affe, er hat es nicht leicht im Deutschen. Wie das Schwein muss er für allerlei herhalten, was ihn eigentlich nicht besonders kennzeichnet. Und dann gleicht er noch dem Menschen, ist ihm ähnlich und unähnlich. Seit alter Zeit sah man in ihm deswegen eine Art teuflische Karikatur der göttlichen Menschennatur. Sein rasches Umherspringen, seine Wendigkeit und Geschicklichkeit brachten schon Autoren des Mittelalters darauf, ihn mit der Kategorie der Schnelligkeit zu verbinden. Die "affenartige Geschwindigkeit" kommt daher, was natürlich gut zum "Affenzahn" passt. Der Zahn in der Wendung geht dagegen auf die Redensart "einen Zahn zulegen" zurück, was mit den alten Dampflokomotiven und ihren Zahnstangen-Temporeglern sowie mit der technisch simplen Vorstellung zusammenhängt, ein Zahnrad mit einem Zahn mehr, treibe schneller an. So verbinden sich gleich zwei Geschwindigkeitsredensarten zu einer neuen, der vom Affenzahn.

Sich benehmen, wie Graf Koks von der Gasanstalt

Im 19. Jahrhundert wuchsen mit der Zahl des Industriebetriebe die Vermögen der Besitzer ins Unermessliche. Deswegen und weil sie für die Entwicklung des Landes so wichtig waren, erreichten nicht wenige von ihnen, geadelt zu werden. Diese "Schlotbarone" genannten Neureichen und Neuadligen wurden wegen ihrer angeblichen Emporkömmlingsmanieren verspottet und sprichwörtlich. Sie galten als arrogant, ungehobelt und rücksichtslos stolz.

"Graf Koks" ist ebenfalls so ein Schmähtitel für einen angeberischen, unhöflichen Kerl. "Koks" bot sich als Ausdruck an, weil er mit dem Umgangssprachewort für Geld "Kohle" zusammenhing, die so einer im Übermaß besaß, und weil im Geldadel nicht wenige Kohlegrubenbesitzer zu finden waren. In den Eisenerzhütten eines Krupp spielte Koks zur Befeuerung ebenfalls eine unverzichtbare Rolle. Den ganz üblichen Ausdruck "Graf Koks" konnte man freilich noch steigern, indem man ihm die Gasanstalt anhängte mit einem "von" ergänzt. Auch diese Betriebe standen für eine moderne Art schnellen Gelderwerbs, doch außerdem parodierte man mit der Ergänzung "von der Gasanstalt" die häufigen Anhängsel an alten Adelsnamen wie "Freiherr von und zu der Tann-Rathsamhausen".

Das sind böhmische Dörfer für mich

Böhmen gehörte Jahrhunderte lang zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, doch die Ortsnamen dort wollten deutschen Ohren und Zungen nicht so recht passen. Man konnte sie schwer aussprechen und schwer verstehen, weshalb bereits im 16. Jahrhundert sich der Ausdruck "böhmische Dörfer" einbürgerte, wenn einem etwas spanisch vorkam, also unverständlich.
Eine Bedeutungserweiterung erfuhr die Wendung, als gerade Böhmen im Dreißigjährigen Krieg übel verwüstet wurde, so dass kaum ein Dorf übrig blieb. Danach konnte man mit "böhmische Dörfer" etwas sehr Seltenes, ja Unbekanntes bezeichnen.

Das ist ein echter Kotzbrocken

Nein, so jemandem möchte man nicht begegnen. Mit einem derart ekelhaften Kerl ist nicht gut Kirschen essen. Er ist so ekelhaft, dass man ihn mit einem der widerlichsten Vergleiche belegt, der denkbar ist. Tatsächlich geht es um die halbverdauten Speisereste, die eine Übelkeit wieder zu Tage fördert. Was in der Lache des Erbrochenen nicht gänzlich zu Speisebrei geworden, was die Zähne nur unvollständig zerkleinert haben, das sind die "Kotzbrocken". Ekelhaft! Fast so wie dieser Kerl.

Jemanden hinwünschen, wo der Pfeffer wächst

So etwas besonders Kostbares, dazu äußerst Beliebtes und Gesuchtes war der Pfeffer über lange Zeit, dass er die deutsche Sprache mit sehr vielen Redensarten würzen konnte. Hierzulande wächst er üblicherweise nicht, weshalb man ihn importieren musste. Als "Land, wo der Pfeffer wächst", galt seit dem frühen Mittelalter Indien. Die Entfernung dorthin galt dem gewöhnlichen Menschen damals als nahezu unausdenkbar weit. Wenn man also von jemandem gar nichts mehr wissen wollte, dann wünschte man ihn dorthin. Immerhin war es noch netter, als ihn, was ja gleichfalls gern geäußert wurde, "zum Teufel zu schicken".
Als die Franzosen in ihrem Überseegebiet Guyana die Teufelsinsel zum schrecklichen Verbannungsort machten, dessen mörderisches Klima bald berüchtigt wurde, bildete sich die Vorstellung heraus, mit dem Pfefferland sei diese Art von tödlicher Gegend und Haft gemeint, schließlich gedeiht Piper nigrum auch in Südamerika.

Das ist starker Tobak

Gar nicht so selten hört man auch die Variante "das ist harter Tobak", was allerdings falsch ist und wohl entstanden, weil man die Tabaksredensart mit der von den harten Bandagen oder mit dem "harten Brot", das jemand zu kauen hat, verknüpfte.
Der Ausdruck geht wie bei den Kastanien, die man aus dem Feuer holt, auf eine nette Geschichte zurück, die man sich vom Teufel erzählt. Den fürchtete man zwar, aber vielleicht wurden gerade deshalb Schwänke und Sagen im Mittelalter beliebt, in denen der Teufel betrogen wird. Die Tobaksgeschiche geht so:
Es geschah in der Zeit, da die Schießprügel noch sehr selten waren. Da ging einmal ein Räuber seines Weges, die Büchse über die Schulter gelegt. Dem begegnete plötzlich der Teufel, was einen Menschen seines Schlages wenig verwunderte und erst recht nicht ängstigte. Der neugierige Höllenfürst grüßte den Räuber freundlich und fragte: "Was trägst du da für ein seltsames Ding auf der Schulter?" "Es ist eine neuartige Tobakspfeife", antwortete der Räuber. "Wollen Eure teuflische Gnaden mal einen Zug daraus versuchen?" "Ei gewiss doch!" Da nahm der Räuber das Gewehr von der Schulter, steckte dessen Mündung dem Teufel in den Mund und drückte ab. "Teufel auch", sagte der Teufel, doch dann musste er gewaltig niesen und stöhnte: "Das ist aber ein starker Tobak!" Und seitdem sagt man ebendiese Worte, wenn einem eine Zumutung oder eine Unverfrorenheit widerfährt.
Ach ja, die alte Form "Tobak" kommt über das Spanische von dem indianischen Ursprungswort "tobacco" und veränderte sich im Laufe der Zeit erst zu unserem "Tabak".

Mit harten Bandagen kämpfen

Boxhandschuhe gehören zu den segensreichen Erfindungen, denn sie machen aus dem Faustkampf eine wesentlich weniger blutige Angelegenheit, ja eigentlich erst aus dem wilden Schlagabtausch einen echten Sport. Das sahen die alten Griechen schon so, die ihre Boxer, beispielsweise bei der so genannten Pankration (dem Allkampf) nur mit bandagierten Händen gegeneinander antreten ließen. Diese Sitte wurde in der Neuzeit wieder aufgenommen, und unter den Boxhandschuhen bandagiert man ja auch eine Regina Halmich oder einen Wladimir Klitschko immer noch. Der Sinn liegt natürlich darin, die empfindliche Hand mit all ihren Knöchelchen zu schützen. Das Binden muss mit Könnerschaft vorgenommen werden und ist ein Vertrauensjob. In der Zeit vor den Boxhandschuhen konnte man mit härteren Bandagen auch die härteren, schlimmeren Schläge ausführen. Das galt als recht rücksichtslos, weshalb sich die Redensart als Gegensatz zu dem Ausdruck "jemanden mit Samthandschuhen anfassen" herausbilden konnte.

Blau sein

Steht die Säufermelancholie an der Wiege der Redewendung, der Blues des Trinkers? Nein, Blau schillert von Hause aus besonders und eignete sich, die schwere Trunkenheit zu bezeichnen, da es auf den Himmel, die Weite, die Lüge, das Vergehen verwies. Wenn einem blümerant zumute wird, spielt das "Sterbensblau" aus dem Französischen hinein, und auch im Deutschen gab es den Ausdruck "mir wird blau vor Augen" für das Schwinden der Sinne, wie es im Rausch ja vorkommt. Lange lebt der Ausdruck übrigens noch nicht im Deutschen, so dass man auch überlegte, die Säufernase im Endstadium spiele hinein. Wer je einmal das zersoffene Riechorgan eines schweren Alkoholikers gesehen hat, wird wissen, warum das so ist. Die geplatzten Äderchen, die verschwollenen Gewebeteile tendieren tatsächlich dazu, das Rot eines heftigen Trinkers zugunsten des Blaus eines fatalen Säufers aufzugeben.
Ein Arzt meinte dann noch, es könne sogar eine Spur in die Antike geben.
"Blau sein" komme seines Wissens nach von "blau wie ein Veilchen". Schon in der Antike hätten sich die Menschen Veilchenkränze um die Stirn gebunden, um der Wirkung des Alkohols vorzubeugen.

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