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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.10.2013

Eine zugeschnürte Welt

Anouk Markovits: "Ich bin verboten", Albrecht Knaus Verlag, München 2013, 288 Seiten

Ein Chasside und sein kleiner Sohn beten in einem Gebetshaus. (picture alliance / dpa / epa Sergey Dolzhenko)
Ein Chasside und sein kleiner Sohn beten in einem Gebetshaus. (picture alliance / dpa / epa Sergey Dolzhenko)

In ihrem ersten Roman folgt Anouk Markovits den Spuren einer chassidischen Familie durch das 20. Jahrhundert. Die Geschichte, die Markovits erzählt, umspannt 68 Jahre und die Lebenswege von vier Generationen in Siebenbürgen, Paris und Williamsburg in Brooklyn.

Um einer arrangierten Hochzeit zu entgehen, hat Anouk Markovits mit 19 Jahren ihre chassidische Familie in Paris verlassen. Für ihre Angehörigen und ihre Glaubensgemeinde war sie fortan dazu verflucht, ruhelos durch die Welt zu wandern, und alles sollte ihr missglücken. Markovits studierte Architektur in Havard und promovierte als Romanistin. "Ich bin verboten" ist ihr erster Roman.

Die Geschichte, die Anouk Markovits erzählt, umspannt 68 Jahre und die Lebenswege von vier Generationen in Siebenbürgen, Paris und Williamsburg in Brooklyn. In Analogie zu den fünf Büchern Mosis hat sie ihren Roman in fünf Abschnitte geteilt und diese als "Bücher" gezählt.

In knappen Szenen und in gestochenen scharfen Bildern fokussiert Markovits auf Vertreibung und Mord, den ein transsilvanischer Pöbel 1939 an jüdischen Familien beging. Beides bedingt die "Genesis" einer neuen familiären Konstellation. Sie schildert die Rettung eines jüdischen Jungen durch eine katholische Bäuerin und den Exodus rumänischer Chassiden. Nach der Shoah versuchten diese im französischen und amerikanischen Exil eine Gemeinde nach dem Vorbild der Satmarer Juden aus Siebenbürgen aufzubauen.

Befreiungsakt für die Autorin

Für die Satmarer Chassiden gebiert Bildung unreines Denken. Politik ist Sünde, Zionismus Satanswerk und die Gründung des Staates Israel reinste Gotteslästerung. Nähert man sich einer Kirche, wechselt man den Gehweg. Ausgelassene Fröhlichkeit wird als Verspottung der Toten gewertet. Der Vater repräsentiert die göttliche Ordnung und setzt sie züchtigend oder Flüche aussprechend durch. Man ahnt, dass dieser Roman ein gewaltiger Befreiungsakt für die Autorin gewesen sein muss, denn Anouk Markovits war bis zu ihrem 19. Lebensjahr selber ein Mitglied der Satmarer Gemeinde.

Sie öffnet die zugeschnürte Welt der Chassiden für Außenstehende, indem sie das bewegte Innenleben der Mädchen Mila und Atara schildert. Mila träumt davon, den Messias zu gebären. Atara fällt vom Glauben ab, als sie hört, wie ein Rabbiner den Genozid an den europäischen Juden rechtfertigt. Die Chassiden betrachten Pogrome und Vernichtung als gerechte Strafe für mangelnden Glauben und den Tod jüdischer Kinder aus säkularen Familien als Gottesgnade. Atara wehrt sich gegen die Ungeheuerlichkeit dieses Denkens. Als sie im heiratsfähigen Alter ist, steckt sie eine Zahnbürste und ein wenig Unterwäsche in eine Tüte und verschwindet aus Paris. 47 Jahre später wird man wieder von ihr hören, in Manhattan.

Ein Wunder des Herrn

Ins Zentrum des Romans stellt Anouk Markovits die Liebesehe zwischen Mila und dem frommen, aber zeugungsunfähigen Josef aus Williamsburg. Schritt für Schritt führt die Autorin die Leser ein in das orthodoxe Regelwerk. Pflicht ist es, im zehnten Jahr einer Ehe ohne Nachkommen die Frau zu verlassen. Mila wird schwanger, wenngleich von einem fremden Mann. Josef schweigt und die Gemeinde glaubt an ein Wunder des Herrn.

Das Unglück aber baut sich pyramidengleich auf, denn Mila hat die chassidische Genealogie verunreinigt. Sie ist zu einer "verbotenen" Frau geworden, und das kommt einem Bann ihrer Nachkommen bis ins zehnte Glied gleich. Schnell zieht die Autorin nun die Schlinge enger. Die ganze lebensverachtende Strenge entfaltet ihre zerstörerische Kraft.

Anouk Markovits macht - ohne je pathetisch zu werden oder eifernd, weil sie selber die unerbittliche chassidische Ordnung verworfen hat - die tonnenschwere Last eines Prinzips spürbar, das auf der Reinheit von Glauben und Blut besteht. Mit schlichten, präzisen Worten geht die Autorin das Drama zweier grundverschiedener Frauen an. Empfinden sie ihr Leben als sinnvoll und erfüllt? Die Antwort darauf hält Anouk Markovits klug in der Schwebe.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Anouk Markovits: Ich bin verboten
Aus dem Amerikanischen von Anne Rademacher
Albrecht Knaus Verlag, München 2013
288 Seiten, 19,99 Euro

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