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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.09.2012

Eine zerstörte Jugend

Richard Ford: "Kanada", Hanser, Berlin 2012, 464 Seiten

Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Ford lebt heute in Maine.
Der US-amerikanische Schriftsteller Richard Ford lebt heute in Maine. (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Haben Verbrecher Kinder? Und was richten die Taten der Eltern bei ihnen an? Das ist eine Frage, die sich der gewöhnliche Krimi nicht stellt. In Richard Fords neuem Roman "Kanada" spielt sie eine zentrale Rolle: Die Schreckensgeschichte einer ruinierten Jugend, fesselnd und eindringlich erzählt.

Das Buch schaltet zwei Kriminalgeschichten hintereinander. Verbunden sind sie durch die Hauptfigur Dell Parsons. Mit fünfzehn Jahren erlebte er, wie seine Eltern zu Bankräubern wurden; wenig später wurde er zum Zeugen und gewissermaßen Mitwirkenden eines Doppelmords. Fünfzig Jahre später erzählt er davon - die Schreckensgeschichte einer ruinierten Jugend.

Der erste Teil spielt in Great Falls, Montana, im Jahr 1960. Eine ganz normale, irgendwie nicht richtig zusammenpassende amerikanische Familie: Mutter Neeva ist Lehrerin, Vater Bev Parsons hat im Weltkrieg Bomben auf Japan hageln lassen, später hat er sich glücklos als Autohändler versucht und schließlich der Familienkasse mit illegalem Fleischhandel aufgeholfen.

Aber die Indianer, mit denen er sich eingelassen hat, verstehen keinen Spaß - sie bedrohen ihn und seine Familie. So reift der Plan eines rettenden Banküberfalls. Die Beute der dilettantisch ausgeheckten Tat ist gering, die Konsequenz fürchterlich: Die Eltern müssen ins Gefängnis, die Familie ist zerschlagen.

Dell findet, vermittelt über eine Freundin der Mutter, Zuflucht in der kanadischen Prärie, bei dem Besitzer eines Jagdhotels, Arthur Remlinger. Doch wer über die Grenze geht, trifft auf andere, die über die Grenze gegangen sind. Remlinger hatte gute Gründe, sich in Saskatchewan zu verstecken: Einst war beteiligt an einem Bombenattentat, und die dunkle Vergangenheit holt den mysteriösen Mann jetzt ein. Für Dell wird Kanada bei aller landschaftlichen Faszination zum menschlichen Albtraum. Eine Atmosphäre der Angst und der ungewissen Bedrohung durchzieht diese Geschichte einer Jugend.

Meisterhaft schildert Ford die Erwachsenenwelt aus der Sicht Dells als einen nahen, aber sehr fremden Kontinent, in dem sich jederzeit - und in aller Beiläufigkeit - Entsetzliches ereignen kann.

Wie lebt ein Mensch weiter nach einer gründlich zerstörten Jugend? Wie bewältigt er traumatisch-mörderische Ereignisse? Das ist ein großes Thema, im Roman bleibt es eine Leerstelle. Dells Leben zwischen jugendlichem Chaos und ordnungsgemäßer Pensionierung als Englischlehrer wird ausgespart.

Das hat zur Folge, dass sich Ford ersatzweise ein bisschen zu oft in klischeehaften Schicksalsbeschwörungen ergeht und die nachhaltigen Wirkungen der elterlichen Verbrechensidiotie ungelenk dahinbehauptet, obwohl sie doch kein Leser in Zweifel ziehen würde: "Mit anderen Worten: Meine Kindheit war unter der Wucht ihres furchtbaren Absturzes praktisch begraben."

Eine Qualität des Romans ist dagegen Fords geradezu überpräzise Menschendarstellung - ob Dells Eltern, ob Remlinger und der Indianer Charlie Quarters, diese beiden unheimlichen Portalsfiguren in ein beschädigtes Leben, ob die Polizisten und Ermittler: Sie alle werden so plastisch auf die Erzählbühne gestellt, dass es ein Lesevergnügen ist.

Die treffende Beschreibung ist seit je die große Stärke Fords - mit ebenso leichthändigen wie raffinierten Formulierungen, die Details an einem Menschen, einem Tier, einer Landschaft, einem Zimmer lupenscharf fixieren.

Ungeachtet einiger Konstruktionsschwächen und Sprachpannen ist "Kanada" eine fesselnde, eindringliche Lektüre.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Richard Ford: Kanada
Aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert
Hanser, Berlin 2012
464 Seiten, 24.90 Euro