Seit 20:03 Uhr Konzert
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 20:03 Uhr Konzert
 
 

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.10.2005

Eine Wanderung durch die Vergangenheit

Patrick Leigh Fermor: "Eine Zeit der Gaben"

Rezensiert von Georg Schmidt

Von London aus wollte Patrick Leigh Fermor Europa erkunden (AP)
Von London aus wollte Patrick Leigh Fermor Europa erkunden (AP)

Patrick Leigh Fermor brach im Jahr 1933 auf, um zu Fuß den europäischen Kontinent zu durchwandern. Von Holland nach Konstantinopel wollte er reisen. "Eine Zeit der Gaben" beschreibt eine Wanderung durch die an Kultur und Geschichte so reiche Landschaft Europas kurz vor deren Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg.

Der Aufbruch erfolgt zur Unzeit. Doch der 18-jährige Patrick Leigh Fermor, kurz zuvor zum wiederholten Mal und damit endgültig der Schule verwiesen, als Notbehelf eine wenig verlockende Ausbildung an der Militärakademie Sandhurst vor Augen, aber insgeheim von einem Dasein als Schriftsteller träumend, spürt, dass er weg muss aus dem Londoner Lotterleben, in dem er unterzugehen droht.

Sofort, "wie ein Landstreicher - auch wenn ich mich in meiner typischen Art als Pilger, Wallfahrer, wandernder Gelehrter, verarmter Ritter oder Held sah". Zu Fuß wollte der Büchernarr den europäischen Kontinent durchziehen, von Hoek van Holland aus die beiden großen Ströme entlang, den Rhein und die Donau, bis nach Konstantinopel, ein Ziel, das von den Werken eines Robert Byron bestimmt wurde – "das drachengrüne Byzanz lockte schlangenverwunschen und gongzerquält."

Und so bricht der junge Mann mitten im verregneten Londoner Dezember des Jahres 1933 zunächst mit dem Schiff zur holländischen Küste auf und zieht von dort zu Fuß durch einen europäischen Kontinent, den es so bald nicht mehr geben sollte. In der Einsamkeit der holländischen Tiefebene erkennt er Bilder wieder, der er bislang nur aus Museen kannte, was ihn prompt zu einem Vergleich zwischen flämischer und italienischer Malerei inspiriert.

In Deutschland erlebt er die ungeschlachten Aufmärsche und Fahnenparaden der SA, wundert sich, wenn er sie abends im Wirthaus bei der Pflege deutschen Liedgutes erlebt, "dass dieselben Sänger üble Schläger waren, dass sie jüdische Schaufenster zerschlugen und in nächtlichen Feuern Bücher verbrannten." Er wandert durch Wiesen und Wälder, lernt Wirtsleute und Handwerker, Flussschiffer, Arbeiter und reiche Herrschaften kennen, nächtigt in Jugendherbergen, Hospizen, Scheunen und märchenhaften Schlössern.

Erst vier Jahre später sollte er von dieser Reise zurückkehren, und weitere vierzig Jahre dauerte es, bis Patrick Leigh Fermor anhand von Tagebuchnotizen und Erinnerungen sein wunderbares Buch über eine Wanderung durch die an Kultur und Geschichte so reiche Landschaft Europas schrieb, über verwinkelte alte Städte, von Mittelalter und Renaissance gleichermaßen geprägt, die wenige Jahre nach seiner Reise für immer in Schutt und Asche versanken.

Fermor selbst war unterdessen zum Kriegsheld geworden, hatte auf Kreta als britischer Agent den Widerstand gegen die deutsche Besatzung organisiert und 1944 den deutschen General Kreipe gefangen genommen. Später bereiste er die Karibik, wo unter anderem sein einziger Roman "Die Violinen von Saint-Jacques" entstand. Er zählt zu den bedeutendsten britischen Reiseschriftstellern und wurde eines der Vorbilder Traumpfadgängers Bruce Chatwin.

Patrick Leigh Fermor: "Eine Zeit der Gaben"
Übersetzt von Manfred Allié
Dörlemann Verlag 2005
417 Seiten, 23 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur