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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.05.2013

"Eine Vielzahl von Geschlechterstereotypen"

Forschungsnetzwerk kritisiert Verharmlosung von Frauen

Juliane Lang im Gespräch mit Frank Meyer

Beate Zschäpe im Gerichtssaal in München.  (dpa / pa / Peter Kneffel)
Beate Zschäpe im Gerichtssaal in München. (dpa / pa / Peter Kneffel)

Frauen gelten als friedfertig, schreckliche Taten wie die NSU-Mordserie werden ihnen nicht zugetraut - und dahinter verstecken sie sich oftmals, kritisiert Juliane Lang vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Zu beobachten sei dieses Muster auch bei Beate Zschäpe.

Frank Meyer: Medien und Behörden verharmlosen noch viel zu häufig rechtsextreme Frauen und ihre Taten. Das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus ist dieser Ansicht und hat sie in einem offenen Brief zum NSU-Prozess artikuliert. Mit dem heutigen Verhandlungstag endet die erste Phase dieses Prozesses, er geht in eine zweiwöchige Pause. Bei uns im Studio ist jetzt die Erziehungswissenschaftlerin Juliane Lang, seit fünf Jahren gehört sie zum Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Seien Sie herzlich willkommen!

Juliane Lang: Guten Tag!

Meyer: Wenn Sie sich den Verlauf des Prozesses bisher ansehen, haben Sie da Anhaltspunkte dafür gesehen, dass die Rolle von Beate Zschäpe verharmlost wurde?

Lang: Im Prozess selbst nicht. Es gibt eine Anklageschrift, die ganz klar auf die Mittäterinnenschaft von Beate Zschäpe abzielt. Der Bundesstaatsanwalt, ihm war ganz klar daran gelegen, auch die zentrale Rolle von Beate Zschäpe für das Funktionieren dieses nationalsozialistischen Untergrunds als Zelle zu betonen. Wenn man sich allerdings die Berichterstattung anschaut zu Beate Zschäpe, und wenn man sich die Hinweise auf verschiedene andere Frauen im Unterstützerinnennetzwerk des Nationalsozialistischen Untergrunds anschaut, dann ist ganz klar davon zu reden, dass dort die Rolle von Frauen verharmlost wird, dass sie nicht wahrgenommen werden oder dass sie als in Anführungsstrichen "unpolitische Anhängsel" verharmlost werden.

Meyer: Das hatten Sie auch in Ihrem offenen Brief schon artikuliert, dass zu befürchten wäre, dass über Beate Zschäpe hinaus andere Frauen, die das NSU-Netzwerk unterstützt haben oder gebildet haben, dass diesen Frauen zu wenig Beachtung geschenkt wird. Warum befürchten Sie das?

Lang: Wir beobachten als Forschungsnetzwerk, dass der Fokus derzeit sehr stark auf Beate Zschäpe liegt. Das heißt, wir sehen uns insofern in unseren Einschätzungen bereits seit vielen Jahren bestätigt, dass der Rolle von Frauen, die oftmals eher in der zweiten Reihe agieren, die Unterstützerinnen, die Hilfeleistung ganz zentral tragen, dass diesen nicht genug Beachtung geschenkt wird. Das heißt, es sind vor allem eine Vielzahl an Frauen gewesen, die Beate Zschäpe unterstützt haben, indem sie ihr Identitäten geliehen haben, indem sie Fahrzeuge angemietet haben, indem sie Wohnungen zur Verfügung gestellt haben, indem sie ihr mit einer Vielzahl von Hilfeleistungen entgegenkamen, die so sich natürlich nicht in der juristischen Anklageschrift wiederfinden.

Meyer: Wenn Sie aber jetzt beschreiben, dass es hier Sachverhalte gibt, die Unterstützung praktisch einer terroristischen Zelle, aber es für bestimmte unterstützerische Aktionen keine Gesetze gibt, mit denen man das bestrafen könnte, erreichen könnte, was sollte man dann tun? Wie kann man dieses Problem lösen, Ihrer Ansicht nach?

Lang: Die Erwartungen an diesen Prozess sind ja sehr hoch. Neben einer juristischen Aufarbeitung des Geschehenen geht es in erster Linie auch um eine politische Aufarbeitung, etwas, was sehr strittig ist, inwiefern ein juristisches Verfahren dies überhaupt leisten kann. In einer politischen Aufarbeitung geht es nicht nur darum, welche Waffe Beate Zschäpe in der Hand gehabt hat, sondern es geht auch ganz klar darum, welche Rollen, welche Funktionen sie und auch andere Frauen im Unterstützerinnenumfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds ausgefüllt haben.

Meyer: Und da müsste die Aufarbeitung über den Prozess selbst hinausgehen, meinen Sie?

Lang: Genau, und genau an der Stelle sind die Medien, ist die Öffentlichkeit aufgefordert, ist auch die Politik aufgefordert, noch mal dezidierter hinzuschauen.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sprechen mit Juliane Lang vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Sie haben ja in ihrem offenen Brief zu diesem Prozess auch über die Medien eben gesprochen, und auch den Medien vorgeworfen, dort würden Taten und Haltung von rechtsextremen Frauen verharmlost. Können Sie uns dafür Beispiele geben, wo die Medien das getan haben?

Lang: Es findet sich eine Vielzahl von Geschlechterstereotypen in der Medienberichterstattung. Es war von Anfang an so, dass Beate Zschäpe sich den Behörden gestellt hat und von Anfang an geschwiegen hat. Das heißt, es gab keinerlei Informationen zunächst über ihr Handeln, über ihre Beteiligung an den Morden, an den Straftaten. Die Medien zogen sich sehr stark zurück auf bestimmte Stereotype, das heißt, es wurde berichtet über ihre Beziehungskonstellationen, es wurde spekuliert über ihr Sexualleben, es wurde darüber spekuliert, ob sie nur die Wäsche gewaschen oder ob sie gekocht hat, und in welcher Beziehung sie zu den Nachbarn und Nachbarinnen stand. Das alles sind ganz zentrale Aufgaben, die es überhaupt erst ermöglicht haben, dass die drei so lange unerkannt leben und morden konnten.

Meyer: Ja, ist es deshalb nicht auch logisch, dass die Medien darüber – wie Sie ja auch sagen, man wusste einfach ja sehr wenig, gerade am Anfang - dass man dann darüber nachdenkt, welche Rolle sie wohl gespielt hat?

Lang: Man denkt schon darüber nach, man denkt allerdings in keiner Weise über die Rolle von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach. Das heißt, bei Beate Zschäpe wird darüber geschrieben, dass sie ein unpolitisches Anhängsel gewesen sei, dass sie aus blinder Liebe in den Untergrund gegangen sei, dass sie lediglich die sozialen Aufgaben übernommen hätte. Und genau dieses "lediglich" ist es auch – wir weisen immer wieder darauf hin, dass genau diese Aufgaben sozialer Natur ganz zentral für das Funktionieren gewesen sind, und das Beate Zschäpe allerdings auch schon lang vor ihrer Zeit, 1998, wo die drei sich in den Untergrund verabschiedet haben, dass Beate Zschäpe auch schon vorher fester Teil der rechten Szene war. Wir sehen uns darin bestätigt, das, was wir als doppelte Unsichtbarkeit von rechten Frauen schon seit vielen Jahren herausgearbeitet haben, das heißt, Frauen und Mädchen wird weitläufig, das heißt, gesamtgesellschaftlich, noch selten eine eigenständige politische Meinung zugetraut, und wenn überhaupt, dann doch keine so radikale wie die rechtsextreme, denn Rechtsextremismus wird sehr stark mit Gewalt in Verbindung gebracht.

Meyer: Sie schreiben aber – das habe ich gelesen in einem Beitrag von Ihnen für die Zeitschrift "Femina Politica" - auch, dass Frauen auch in der rechten Szene statistisch gesehen weniger Straf- und Gewalttaten begehen. Also von daher gibt es im Fall jetzt von Beate Zschäpe auch Anlass dafür, zunächst erstaunt zu sein, erstaunt darauf zu reagieren, dass eine Frau verwickelt ist in diese extreme, einmalige Mordserie.

Lang: Es ist nicht so, dass Frauen nicht beteiligt sind an Straf- und Gewalttaten, Frauen sind in anderen Rollen daran beteiligt. Das heißt, in den Statistiken findet sich eher wieder, dass Frauen eher applaudierende Funktionen übernehmen, dass Frauen verbal radikal werden, dass Frauen andere dazu animieren, zu Straf- und Gewalttaten, dass sie allerdings seltener selber zuschlagen. Auf der anderen Seite sprechen wir von so etwas wie einer Unsichtbarkeit, wenn es darum geht, sich zum Beispiel auch die Zahlen der Behörden noch mal anzuschauen. Das heißt, erste Beobachtungen von uns lassen den Schluss zu, dass Frauen, sofern sie an besonders Gewalttaten beteiligt sind, seltener dafür vor Gericht landen.

Meyer: Das heißt, dieses gesellschaftliche Vorurteil, Frauen sind friedfertig, bietet rechtsextremen Frauen auch eine Art Schutz?

Lang: Und das nutzen sie ganz explizit, das heißt, sie sagen, von uns geht keine Gewalt aus, wir wollen einfach nur eine politische Meinung vertreten, wir distanzieren uns natürlich nicht von unseren gewalttätigen Ehemännern, aber das wird einfach ausgeblendet.

Meyer: Jetzt haben wir gesprochen vor allem über die medialen Reaktionen damals, als der Nationalsozialistische Untergrund aufgeflogen ist. Wie ist das in der Entwicklung bis heute? Gibt es da auch einen Lernprozess bei den Medien, das genau das, was Sie beschreiben über die Rolle von rechtsextremen Frauen, dass das auch stärker in den Blick genommen wird heute?

Lang: Das wird stärker in den Blick genommen. Wir haben das ganz stark gemerkt nach unserem ersten offenen Brief, dass auch ein Interesse bei den Medien entstanden ist nach einem dezidierteren Blick auf die Rolle von rechten Frauen, sowohl im Nationalsozialistischen Untergrund als auch in anderen Organisationen. Da entstand auch noch das Interesse auch noch mal stärker an Beate Zschäpe, an ihrer Rolle. Beate Zschäpe hat sich unseres Wissens nach nie in expliziten Frauenorganisationen bewegt, sondern immer in gemischtgeschlechtlichen Zusammenhängen, was auch dem Bild der Szene aus den 1990er-Jahren entspricht. Während in den ersten Wochen sehr stark über ihr Beziehungsleben spekuliert wurde, sehr stark über ihre Rolle im sozialen Zusammenleben des NSU, war es doch später so, dass noch mal dezidierter geschaut wurde, welche Rolle hat sie eigentlich in der Kameradschaftsszene der 1990er-Jahre eingenommen, welche Rolle hat sie in diesem Trio eingenommen.

Meyer: Aber wenn Sie sich vorstellen, an ihrer Stelle würde ein zarter, intellektuell wirkender junger Mann sitzen, den man überhaupt nicht in Verbindung bringt mit den Taten, über die da gesprochen wird – eben diese Mordserie –, denke Sie nicht, dass die Medien dann genau so darüber nachdenken würden, wie man diese Erscheinung mit dem, was an Taten dahintersteht, zusammenbringt?

Lang: Sie sprechen einen ganz wichtigen Punkt an, das ist das Thema Männlichkeit in der rechten Szene. Das heißt, wir arbeiten seit vielen Jahren zu Frauen, zu Geschlechterverhältnissen in der rechten Szene. Was oftmals hinten runterfällt, ist das Thema Männlichkeit. Und die rechte Szene vermittelt auch ein Außenbild von sich als stark, als wehrhaft, und da zählt so ein Bild des soldatischen Mannes mit hinein.

Meyer: Viele Zeitungen haben auch darüber geschrieben, dass, wenn sich Beate Zschäpe da präsentiert als normale, unauffällige, adrette junge Frau, dass uns das ja gerade zeigt, da steht kein Monster, niemand, der völlig fremd auf uns wirkt, sondern da steht ein Mensch wie du und ich, der aber diese Taten begangen hat, und genau das muss einen ja noch stärker nachdenklich machen, als wenn da jemand stehen würde, der uns völlig fremd ist, dessen Tat sich jeder Rationalität entzieht. Darüber haben viele Zeitungen geschrieben – ausgehend von der äußeren Erscheinung Beate Zschäpes. Das ist doch ein legitimes Nachdenken über solche Taten.

Lang: Ich glaube, da steht nicht nur ein Mensch wie du und ich, sondern das Bild auch einer Frau, einer vermeintlich ganz normalen Frau, die trotzdem so gewalttätig agiert hat, die trotzdem ein so extremes Weltbild vertritt. Sie sprechen selbst von einem Monster, es wurde ja bereits in der ersten Berichterstattung immer wieder auch auf ihre vermeintlich abnormale Beziehungskonstellation eingegangen. Dass die drei sich allerdings ganz gut auch darauf zurückziehen konnten, genau auf diese Familienkonstellation, auf eine heterosexuelle Familienkonstellation, das findet doch relativ selten noch Beachtung.

Meyer: Der NSU-Prozess in München geht heute in eine längere Pause. Über den Umgang mit rechtsextremen Frauen in diesem Prozess und in den Medien haben wir gesprochen mit Juliane Lang vom Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Lang: Ich danke, vielen Dank!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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