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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 26.10.2010

Eine Verschwendung geistiger Energie

Joseph Epstein: "Neid", Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010, 124 Seiten

Schönheit kann Neid auf sich ziehen. (AP)
Schönheit kann Neid auf sich ziehen. (AP)

Seit Jahrhunderten ist in der Philosophie vom Neid die Rede, in der Hierarchie der klassischen Todsünden steht er an exponierter Stelle. Mit rhetorischer Eleganz und reichlich Humor widmet der US-Romancier Joseph Epstein dem Neid nun einen brillanten Essay.

Für den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard war "Invidia", der Neid, ein kleinbürgerliches Vergnügen, das gerade in nivellierenden Systemen erstarkt. Immanuel Kant sah im Neid eine natürliche Empfindung, die sich gegen den Neider selbst richtet. Und für Friedrich Nietzsche steckte in der "vergoldeten Scheide des Mitleides" stets auch der "Dolch des Neides". Seit Jahrhunderten ist vom Neid die Rede, und in der Hierarchie der klassischen Todsünden steht er an exponierter Stelle, da er auf heimtückische Weise die anderen Hauptsünden (Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Trägheit) durchdringt.

Warum also eine weitere Publikation über diese, wie sie der amerikanische Romancier und Verleger Joseph Epstein nennt, "böseste Todsünde"? Zumal Epstein seinen Essay mit dem Gedanken eröffnet, dass der Neid "überhaupt keinen Spaß macht" und den eigenen Geist vergiftet. Doch sein Text durchzieht eine Frage, deren Aktualität heute auf der Hand liegt: "Wo endet das Gefühl, dass die Welt ungerecht ist, und wo beginnt der Neid?"

Seit der Jahrtausendwende kursieren Begriffe wie "Neidgesellschaft", "Sozialneid" oder "Generation Neid" im alltäglichen Sprachgebrauch. Man scheint sich einig, dass eine Gesellschaft ohne Neidgebaren undenkbar ist. Und doch greift, wer Neid öffentlich eingesteht, noch immer die Norm einer Kultur an und sorgt für Aufregung. Gemäß der klassischen Theologie entstehen die Sünden aus negativen Charaktereigenschaften.

Neid wird der Eifersucht zugerechnet und deshalb oft mit ihr verwechselt. Epstein markiert einen wesentlichen Unterschied: "Eifersüchtig ist man auf etwas, das man selber hat, neidisch auf etwas, das andere haben." Für ihn stellt sich mit dem Neid die zentrale Frage moderner Gesellschaften: "Und was ist mit mir?" Wo alles für alle scheinbar zu erreichen ist, findet der Neider Macht, Reichtum, Talent, aber auch Schönheit beim Nachbarn, Arbeitskollegen oder gar bei Familienangehörigen, während er sich selbst in ohnmächtig-gehässiger Weise benachteiligt fühlt.

Joseph Epstein unterteilt seinen Essay in 15 kleine Kapitel. Sie ermöglichen Perspektivwechsel, um viele Facetten des Themas zu beleuchten: Macht Schönheit einsam? Was hat Schadenfreude mit Neid zu tun? Wie verhält es sich mit dem Neid auf die Jugend? Gedeiht der Neid im Sozialismus besser als im Kapitalismus? Zum Schluss kommt Epstein zu dem erlösenden Fazit, dass der Neid eine "große Verschwendung an geistiger Energie" ist, eine "schlechte Psychohygiene", die nur durch ehrliche Selbstanalyse zu bekämpfen sei. Mit rhetorischer Eleganz und reichlich Humor gelingt Epstein ein brillanter Essay.

Besprochen von Carola Wiemers

Joseph Epstein: Neid. Die böseste Todsünde
Aus dem Englischen von Matthias Wolf
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010
124 Seiten, 9,90 Euro

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