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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2013

Eine verrückte Reise

Eduard Habsburg: "Lena in Waldersbach", C.H. Beck Verlag, München 2012, 124 Seiten

In Habsburgs Erzählung verirrt sich Lena im Wald und kann nicht mehr zwischen Text und Wirklichkeit unterscheiden. (Eva Firzlaff)
In Habsburgs Erzählung verirrt sich Lena im Wald und kann nicht mehr zwischen Text und Wirklichkeit unterscheiden. (Eva Firzlaff)

Der Theologe Eduard Habsburg schreibt Drehbücher und veröffentlichte 2008 den Roman "Die Reise mit Nella". Seiner neuen Erzählung liegt die Erzählung "Lenz" von Georg Büchner zugrunde - ein Wahrheitsfindungsstück, das gleichnishaft die Nöte unserer heutigen Welt zeigt.

Mut gehört dazu, es mit Georg Büchners Erzählung "Lenz" aufzunehmen. Generationen von Germanisten haben sich mit diesem Textfragment auseinandergesetzt, auch Filmemacher, Drehbuchschreiber, Literaten wie Gert Hofmann oder Peter Schneider. Eduard Habsburg versetzt seine Lenz-Aneignung in das Handyzeitalter, sein Wanderer "durchs Gebirg" ist die Schülerin Lena (Titelfigur in Büchners Theaterstück "Leonce und Lena"). Büchners berühmter erster Satz: "Den 20. ging Lenz durchs Gebirg" ist bis auf den Vornamen (Lena statt Lenz) identisch.

Aber bereits der zweite Satz weicht von seiner Vorlage ab und spricht von der Enttäuschung eines Menschen, der die Wirklichkeit mit dem literarischen Original vergleicht. Die Landschaft, durch die Lena wandert, hatte sich ihr beim Lesen ganz anders dargestellt. Lena hat sich im Mai ohne Handy, ohne jedes elektronische Gerät, aus der Frankfurter Wohnung, die sie mit ihrer Mutter teilt, geschlichen und sich Richtung Vogesen auf den Weg gemacht, im Rucksack die Reclam-Ausgabe des "Lenz". Unterwegs spürt sie ein "Ziehen in der Brust", nicht, weil sie Heimweh hat, sondern weil sie Internet und Facebook vermisst.

Eduard Habsburg macht auf den ersten Seiten deutlich, dass er ein Mädchen aus dem Google Earth-Zeitalter auf eine Selbstfindungsreise ins Haus des Pfarrers Schaeffel nach Waldersbach schickt. Bei Büchner heißt der Ort Waldbach, nach Büchners Pfarrer Oberlin ist dort jetzt die Straße benannt. Lena hatte sich per E-Mail angekündigt und wird vom Pfarrer-Ehepaar freundlich empfangen.

Selbstfindung, so wird bald klar, ist eine riskante Sache und führt in Lenas Fall zu einer verrückten Reise - durch die Nacht, die Geräusche, die Halluzinationen, die Einsamkeit und die Angst. "Unnennbar" nennt der Autor diese Angst und vermischt Büchners Naturromantik mit einem schmucklosen Gegenwartston. Lenas übersteigerte Verinnerlichung des Büchnerschen Textes macht sie, kaum im Pfarrhaus angekommen, zu einer Doppelgängerin des "Lenz".

Sie kann nicht zwischen Text und Wirklichkeit unterscheiden, geht auf "Lenz"-Spurensuche, verirrt sich im Wald, sieht eine Hütte und ein Kind im Sarg, kommt in Unwetter, gibt sich der Idee einer Seelenverwandtschaft hin, wird krank und trifft auf den sympathischen Motorradfahrer Jacquot, der zu ihrem Retter wird. Denn der kluge Jacquot konfrontiert sie mit der Wahrheit über den geliebten Vater.

Was hat Lena dazu veranlasst, sich auf diese Reise zu begeben? Die Antwort auf diese Frage führt zum Vater, der Mutter und Tochter ohne Nachricht, nur mit dem "Lenz" als Botschaft, plötzlich verlassen hat. Habsburg setzt Jacquot ein, um Lena aus ihrem Vatertraum zu reißen und sie mit der Realität zu konfrontieren.

Ein kleines schönes Wahrheitsfindungsstück ist Eduard Habsburg gelungen, eine Parabel mit zwei Lehren: Sie zeigt gleichnishaft die Nöte unserer heutigen Welt, erlebt durch eine übersteigerte Identifikation mit Büchners "Lenz", und beendet und kuriert sie in diesem Fall mit Mitteln der psychologischen Aufklärung.

Besprochen von Verena Auffermann

Eduard Habsburg: Lena in Waldersbach
C.H. Beck Verlag, München 2012
124 Seiten, 14,95 Euro

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