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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 30.06.2013

"Eine sehr paranoide Gesellschaft"

Regisseurin Pia Marais über eine neue Form der Apartheid in Südafrika

Moderation: Susanne Burg

Rayna Campbell (l.) als Layla Fourie und Rapule Hendricks als Kane (picture alliance / dpa Foto: Real Fiction Filmverleih)
Rayna Campbell (l.) als Layla Fourie und Rapule Hendricks als Kane (picture alliance / dpa Foto: Real Fiction Filmverleih)

Die alleinerziehende Layla arbeitet in Johannesburg für eine Lügendetektorfirma und hat selbst ein dunkles Geheimnis. In "Layla Fourie" wird ein düsteres Bild der heutigen südafrikanischen Gesellschaft skizziert, das von Misstrauen und Angst geprägt ist.

Susanne Burg: Anke Leweke über den Film "Layla Fourie" von Pia Marais. Und die Regisseurin begrüße ich jetzt in einem Studio in Köln. Guten Tag!

Pia Marais: Guten Tag!

Burg: Ja, Frau Marais, Sie sind in Johannesburg geboren worden, haben aber sehr viel Zeit außerhalb von Südafrika verbracht, Sie leben seit vielen Jahren in Berlin. Was hat Sie dazu veranlasst, für ihren dritten Film wieder nach Südafrika zu gehen? War es tatsächlich, diese Stimmungslage in Südafrika zu ergründen?

Marais: Also ich wollte schon eigentlich sehr lange einen Film in Südafrika machen. Ursprünglich war das allerdings etwas anders. Und zwar wollte ich 2006 nach Südafrika fahren, um eine Recherche zu machen über Menschen, die privilegiert waren und ihre Privilegien sozusagen im neuen Südafrika verloren hatten. Und dieser sozusagen Dokumentarfilm sollte einen sehr ironischen Ton haben. Und da hat "Paranoia" natürlich eine große Rolle gespielt. Und kurz bevor ich runtergefahren bin, hatte ich aber allerdings das Gefühl, dass das nicht mehr zeitgemäß ist, dass die Situation oder die Lage in Südafrika sozusagen nüchterner geworden ist.

Burg: Also dass die Ironie nicht mehr zeitgemäß ist?

Marais: Genau. Und dann dachte ich, ach ja, schade, weil jetzt gibt es ein bisschen Fördergeld, dass man runterfahren kann und diese Recherche machen kann, und das wäre auch schade, das jetzt zurückzugeben, ohne eine Recherche zu machen. Und dann habe ich mich praktisch entschieden, diesen Bereich von "Paranoia", also sozusagen das einfach in das Jetzt zu verlagern. Und in Südafrika ist es ja auch so: Es war früher ein Polizeistaat, zur Zeit der Apartheid, nach Ende der Apartheid, wo im Grunde genommen diese ganze Apartheid-Struktur sozusagen sich aufgelöst hat, hat sozusagen ein großer Teil sich in eine private Sicherheit sich rübertransportiert, schlecht erklärt gerade, aber ...

Burg: Ja, ja, also es geht ja darum: Leyla, die Hauptperson, die heuert ja an bei einer Firma, die sich auf Lügendetektortests spezialisiert hat.

Marais: Und das habe ich beispielsweise in dieser Zeit der Recherche in Südafrika wirklich auch dort gefunden, also eine kleine Firma von zwei Frauen, die Lügendetektortests gemacht haben. Und ich dachte, das ist doch ein polizeiliches Verfahren, also nicht wirklich für mich so interessant, aber ich habe die getroffen, und die haben mir eigentlich erzählt, dass die Hauptbeschäftigung, die die haben, ist, Pre-Empolyment-Tests zu machen, sprich, ...

Burg: Einstellungstests.

Marais: Ja. Und das ist fast wie eine Menschenrechtsverletzung, meiner Ansicht nach.

Burg: Ich habe mich dann gefragt: Diese Lügendetektortests, die tauchen ja immer wieder auf, weil Leyla eben da arbeitet. Inwieweit wird das eigentlich auch eine Art Metapher für das Land, für diesen Sicherheitswahn?

Marais: Als ich das für mich entdeckt habe, habe ich ... Ja, das ist wirklich eine Metapher für dieses Land. Es gab dieses "Truth and Reconsiliation", ...

Burg: Den Versuch der Versöhnung.

Marais: Es gab einen Versuch der Versöhnung, meiner Ansicht nach, aber wirklich eine Versöhnung gab es nicht, und alle leben parallel, also jetzt nebeneinander, und ich meine, Vertrauen – weiß ich nicht, ob es das gibt. Es herrscht immer noch so große Ungerechtigkeit, finanziell betrachtet, ja. Also der größte Teil der Bevölkerung lebt ja immer noch in Armut.

Burg: Leyla ist ja eine alleinerziehende Mutter, die haben es weltweit nicht einfach. Aber wie bezeichnend ist es, dass sie in Ihrem Film schwarz ist? Wie stark ist Armut auch eine Frage der Hautfarbe immer noch?

Marais: Es gibt eine wachsende weiße Armut auf jeden Fall, aber natürlich, allein, wenn man die Bevölkerungszahl anguckt, dann natürlich ist es noch wirklich eine Sache der Hautfarbe. Und ich meine, im Grunde genommen finde ich auch jetzt, dass die Apartheid... das hat sich jetzt im Grunde genommen eigentlich sich einfach verschoben, und jetzt ist es eine Apartheid zwischen Reichtum und Armut. Wenn man Geld hat, dann sichert man sich hinter Riesenmauern und nimmt alle diese Sicherheitsmaßnahmen vor. Also es ist schon eine sehr paranoide Gesellschaft.

Burg: Es gibt ja im Film einige Bemerkungen zur Beziehung von Schwarz und Weiß, eine davon ist, dass Constanza, die Frau des getöteten Mannes, dem Sinne nach sag – die wohnt eben hinter großen Zäunen, eingemauert: Die Menschen da draußen begehen Morde für ein bisschen Kleingeld. Kein Wunder, dass so viele von uns das Land verlassen haben. Und da ist irgendwie klar: Die Menschen, die sie sagt, das sind die Schwarzen, wir, das sind die Weißen, die das Land verlassen. Haben Sie, Pia Marais, diese Stimmung so wahrgenommen, dass sich Weiße in Südafrika bedroht fühlen?

Marais: Also ich glaube, da fühlen sich alle Menschen bedroht, das ist, glaube ich, nicht so hautfarbenspezifisch. Ich wollte keinen Film machen, wirklich, wo das um Schwarz und Weiß geht, ich wollte eigentlich Südafrika darstellen, so wie ich das heute sehe. Und eigentlich gibt es, glaube ich, durch die gesamte Bevölkerung eigentlich dieses Gefühl: Man will eigentlich nach vorne gucken, also man will gar nicht sich noch weiter beschäftigen mit dem, was... Das wird sowieso nicht ausgesprochen ganz, ja. Wenn das ausgesprochen werden würde, wahrscheinlich könnten die Leute gar nicht miteinander leben.

Ich weiß es nicht. Aber jedenfalls will man das einfach hinter sich lassen und, glaube ich, alles, was sozusagen auf einen zukommt, bewältigen. Und das finde ich eigentlich auch so ein befreiendes Gefühl. Deswegen wollte ich eigentlich keinen Film machen, wo das sozusagen um die Apartheid geht, weil da würde man besser auch einen Dokumentarfilm machen. Und die Meinung von Constanza – das ist eine Meinung, die, glaube ich, würden einige weiße Menschen in Südafrika auf jeden Fall haben. Ich glaube, im Film ist es wahrscheinlich, wenn, eher ein bisschen von meiner Seite ironisch gemeint. Ich muss aber auch dazu sagen: So wie Constanza lebt, ... Interessanterweise lebt sie... Also sie hat ja gar nicht das Geld eigentlich, um wirklich Sicherheit zu haben, also so verfällt ihre ganze Sicherheit.

Das ist ja gar kein wirkliches Bild von, wie man sich dort unten schützt, weil bei ihr funktioniert zum Beispiel der Panic Button gar nicht. Also im Grunde genommen hat die Sicherheit sich völlig privatisiert. Man verlässt sich ja gar nicht mehr auf die Polizei. Wenn eingebrochen wird oder wenn man überfallen wird und die Polizei gerufen wird, dann kann das wirklich Stunden dauern. Das heißt, die meisten Menschen oder jedenfalls die, die sich das leisten können, verlassen sich auf private Sicherheitskräfte, die sozusagen die Orte bewachen. Und wenn da eingebrochen wird, dann gibt es einen Panic Button, meistens in jedem Zimmer, die man, wenn man das schafft, drückt, und dann tauchen die auf innerhalb von 20 Minuten oder so. Und bei Konstanze funktioniert das eben gar nicht, weil sie die laufenden Kosten nicht halten kann. Also eigentlich gibt es, glaube ich, für mich eine Ironie in dieser Figur.

Burg: Deutschlandradio Kultur, die Regisseurin Pia Marais ist zu Gast. Wir sprechen über ihren neuen Film "Layla Furie". Im Film hegt ja Eugene, der Sohn des umgefahrenen Mannes, sofort Misstrauen gegenüber Layla. Einige Filmkritiker fanden das bei der Berlinale, wo der Film ja Weltpremiere hatte, nicht ganz nachvollziehbar. Ich habe mich gefragt: Wie stark – wir haben ja jetzt viel über diese Paranoia-Gesellschaft, auf gesellschaftlicher Ebene gesprochen –, wie stark wandert diese Paranoia, das Misstrauen aber, Tatsache, bis in die Beziehung hinein, bis in die persönlichen Beziehungen?

Marais: Ich meine, interessanterweise, diese Lügendetektorfirma, die ich getroffen habe – ich habe inzwischen bestimmt so 30 solcher Firmen getroffen... Es gibt auch einen Großbereich, wo die sozusagen viele Menschen, die in einer Beziehung sind, dort testen. Also beispielsweise lassen Leute sich auch testen, bevor die heiraten und so. Und wenn man das sieht, ja, dann muss es wahrscheinlich zwischenmenschlich sehr viel Misstrauen geben. Aber ich weiß gar nicht, ob sie das ... weil ich glaube, dass Eugene eigentlich ihr erst mal gar nicht misstraut besonders, sondern nur durch bestimmte Begegnungen oder weil er spürt, dass sie was zurückhält. Also eigentlich ist es ein instinktives Misstrauen, das zu was anderem führt. Und er findet auch durch ihren Sohn, also ihr Sohn ist, glaube ich, auch, wie soll man sagen... führt ihn auf eine Weise auch zu ihr in dieser Hinsicht.

Burg: Sie haben vorhin gesagt: Eigentlich haben Sie das Gefühl, Südafrikaner wollen die Vergangenheit hinter sich lassen und wollen nach vorne schauen, wollen das bewältigen. Was müsste denn Ihrer Meinung nach geschehen, dass Südafrika aus diesem Klima des Misstrauens und der Gewalt rauskommt?

Marais: Na ja, dafür hätte ich ja gar keine Lösung erst mal. Das ist wirklich, glaube ich, viel komplexer. Wenn man das so sieht, dann ist es interessant, weil es ist in Südafrika so, dass die private Sicherheit beschäftigt viel mehr Menschen als beispielsweise die Armee und die Polizei zusammen. Das heißt, es ist auch die Frage – das weiß ich gar nicht, das behaupte ich einfach mal: Vielleicht würde es sich gar nicht so gut lohnen, wenn man die Kriminalität mehr in den Griff kriegen würde. Ich weiß es nicht.

Burg: Weil da eine starke wirtschaftliche Kraft hintersteckt?

Marais: Ja.

Burg: Gerade sind die Zeitungen wieder voll mit Geschichten über Nelson Mandela, er ist ja für Südafrika oder eigentlich weltweit das Symbol für die große Vision von der Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß. Was wird denn Ihrer Meinung nach von ihm bleiben? Wie sehr glauben Südafrikaner noch an diese Vision?

Marais: Ich glaube, es gibt eine Ernüchterung. Ich glaube, es gibt den Wunsch, dass das gut ausgeht oder so, den gibt es auf jeden Fall. Ich würde fast denken, das ist so schwer, man kann Südafrika vielleicht auch gar nicht so als Gesamtes sehen, weil, ich glaube, wenn man jede sozusagen Völkergruppe dort fragen würde, dann würde wahrscheinlich jeder was anderes denken dabei. Aber man kann doch so dankbar sein, dass das trotzdem ein friedlicher Übergang damals war. Und ich denke, dass das auf jeden Fall bleiben wird. Es ist ja nicht ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Und insofern glaube ich grundsätzlich, dass man diesen Wunsch zumindest, was Legacy ist eigentlich von Nelson Mandela oder so...

Burg: Das Erbe.

Marais: Das Erbe, ja, das hat man auf jeden Fall, glaube ich, bestimmt noch als Wunsch. Ob jeder dran glaubt oder so, keine Ahnung. Aber ich meine, so viel Zeit ist ja auch nicht vergangen. Also das braucht einfach viel mehr Zeit. Auch wenn man Südafrika... Jetzt haben wir eigentlich hauptsächlich über die Probleme von Südafrika... Und trotzdem: Das ist ein großes Land mit auch sehr viel Freude auch. Also es ist jetzt nicht alles so angespannt und düster oder so. Es gibt eben, ich glaube, weil es so extrem ist, gibt es genau auf der anderen Seite einen extremen, weiß ich nicht, Lebenswillen.

Burg: Die Regisseurin Pia Marais über das soziale Gefüge Südafrikas und ihren Film "Layla Furie", der am Donnerstag in unseren Kinos anläuft. Vielen Dank, Frau Marais, dass Sie sich Zeit genommen haben, mit uns zu sprechen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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