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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 01.08.2006

Eine schizophrene gesellschaftliche Situation

Bahman Nirumand setzt sich mit dem Iran auseinander

Rezensiert von Georg Gruber

Präsident Ahmadinedschad wäre ohne die Streit um das Atomprogramm schon längst aus innenpolitischen Gründen gescheitert, so Nirumand.   (AP)
Präsident Ahmadinedschad wäre ohne die Streit um das Atomprogramm schon längst aus innenpolitischen Gründen gescheitert, so Nirumand. (AP)

In "Iran. Die drohende Katastrophe" zeichnet Bahman Nirumand ein differenziertes Bild von den Machtkonstellationen im Iran. Der in Deutschland lebende Iraner zeigt die inneren Widersprüche innerhalb der Gesellschaft und den islamischen Gruppen auf und setzt auf einen friedlichen Wandel hin zur Demokratisierung.

Seit der Revolution 1979 und der Machtübernahme durch Ayatollah Chomeini hat der Iran die Rolle eines Außenseiters in der Staatenwelt inne. Das radikal-islamistische Regime in Teheran gilt, besonders seit das Land ein eigenes Atomprogramm verfolgt, als Gefahr für Frieden und Stabilität in der Region.

Mit dem Amtsantritt von Präsident Ahmadinedschad scheinen erste vorsichtige Reformansätze der Vergangenheit anzugehören. Auch in der aktuellen Krise in Nahost wird Teheran als Drahtzieher im Hintergrund vermutet. "Iran. Die drohende Katastrophe", heißt passenderweise das neue Buch von Bahman Nirumand.

Doch anders als der Titel vermuten lässt legt der gebürtige Iraner eine Analyse vor, die sich jenseits der bekannten Schlagwörter von "Schurkenstaat" und "Achse des Bösen" bewegt. Bahman Nirumand zeichnet darin ein beeindruckend differenzierteres Bild von den Machtkonstellationen im Lande, weist auf die inneren Widersprüche hin, in der iranischen Gesellschaft, aber auch unter den islamischen Gruppierungen und Machtzentren, von denen man sonst eher selten erfährt.

So erscheinen die aktuellen Bedrohungsszenarien in einem anderen Licht. In seiner gut lesbaren Analyse schimmert immer wieder auch durch, dass er sich einen anderen Iran wünscht, dass er auch auf einen Regimewechsel hofft, was wenig erstaunt: Nirumand selbst zählt seit vielen Jahren zu den Reformkräften des Landes - auch wenn er als Kritiker der Islamisten nicht im Iran leben kann.

Er weiß wovon er schreibt: Sein Leben ist eng verbunden mit den politischen Entwicklungen und Machtkämpfen in Iran. Geboren 1936 in Teheran, erlebte er als Jugendlicher 1953 den vom CIA organisierten Putsch gegen den demokratisch gewählten Premierminister Mossadegh. Nirumand studierte in Deutschland, promovierte über Berthold Brecht, ging dann zurück in den Iran, geriet in Konflikt mit dem Schahregime, floh 1965 wieder nach Deutschland.

1967 erschien sein Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt", das großen Einfluss auf die Studentenbewegung hatte. Rudi Dutschke lobte es als eines der Bücher, das man unbedingt gelesen haben müsse.

Ende der 70er Jahre kehrte Nirumand wieder nach Teheran zurück, kurz vor dem Sturz des Schahs, um dreieinhalb Jahre später erneut auszureisen: diesmal wegen der Radikalisierung unter Ayatollah Chomeini. Immer wieder hat sich der Autor seitdem in Artikeln und in Buchform kritisch mit dem islamischen Gottesstaat auseinander gesetzt.

In seinem aktuellen Buch geht es natürlich auch um den Streit um das iranische Atomprogramm. In einer ausführlichen Abhandlung schildert er die Genese des Konflikts: das Taktieren des Iran, vertane Verhandlungsoptionen des Westens, wobei er auch die Politik der USA kritisiert, die anderen, befreundeten Staaten, wie etwa Indien, das zugestehen, was sie dem Iran verwehren, ein eigenes Atomprogramm.

Nirumand geht dabei allerdings etwas zu sehr ins Detail, was vom Leser eine gewisse Ausdauer erfordert, die aber belohnt wird. Denn danach folgen die wirklich interessanten Kapitel des Buches, eine kluge und scharfsinnige Analyse der iranischen Gesellschaft. Bahman Nirumand gelingt es, auch für Außenstehende die innenpolitischen Ereignisse der vergangen Jahre, das Scheitern der Reformansätze, das Erstarken der religiösen anti-demokratischen Kräfte, verständlicher zu machen.

Die Wahl Ahmadinedschads zum Staatspräsidenten sei Ergebnis eines schleichenden Putsches einer radikal-islamischen Gruppierung und Zeichen eines Generationenkonfliktes: Die "jüngeren Glaubenskrieger gegen die grauen Eminenzen, die sie nicht zu Unrecht als korrupt, machtgierig und verdorben bezeichnen". Die Gruppe um Ahmadinedschad habe nun die Macht im Staat monopolisiert, in einer Art und Weise, wie es vorher nicht der Fall gewesen sei. Denn immer habe es auch so etwas wie Pluralismus im islamischen Lager gegeben.

Trotzdem, und daran konnte man in den letzten Monaten schon zweifeln, gebe es weiterhin eine lebendige Zivilgesellschaft. Es dürfe nicht übersehen werden, mahnt Nirumand, dass sich noch immer viele Menschen im Iran einen Regimewechsel erhoffen. Die Radikal-Islamisten hätten sich inzwischen weit von der Mehrheit der Gesellschaft entfernt, so der Autor, auch von denjenigen, die in der Islamischen Republik aufgewachsen sind.

Eine schizophrene gesellschaftliche Situation sei das Ergebnis:

"Was geschieht mit den Jugendlichen, die zu Hause Techno-Musik hören, Partys feiern, Alkohol trinken oder Haschisch und Heroin rauchen und in der Schule und auf öffentlichen Plätzen mit Trauermärchen und Huldigungen an Märtyrern abgespeist werden?"

Nach Nirumands Beobachtung drängt nicht das islamitisch geprägte öffentliche Leben das Privatleben zurück, sondern umgekehrt. Und es gibt auch Reformansätze im religiösen Lager, von denen man im Westen wenig weiß, selbst von Mitstreitern des verstorbenen Ayatollah Chomeini. Sie kritisieren die Ideologisierung des Islam und sprechen sich für eine Säkularisierung, also eine Trennung von Kirche und Staat aus.

Vor diesem Hintergrund warnt Nirumand vor einer "falsche Polarisierung" durch die westlichen Staaten.

"Man kann vom Westen aus nur die Fundamentalisten und Terroristen sehen und deren Verhalten und Positionen auf die ganze islamische Welt übertragen, man kann aber auch mit den Reformern einen Dialog führen und sie bei ihrem Vorhaben unterstützen, ihre Schriften verbreiten, ihre Ideen bekannt manchen, sich mit ihren Vorstellungen auseinandersetzen."

Eine Politik des Drucks von außen, die besonders die USA verfolgten, sei kontraproduktiv. Und so erklärt er auch den aktuellen Streit um das Atomprogramm, das sei die Karte, die Ahmadinedschad spiele, um Zustimmung und Rückhalt in der Bevölkerung zu erfahren. Ohne diesen Konflikt wäre er, so meint Nirumand, schon längst aus innenpolitischen Gründen gescheitert.

Nirumand misstraut den USA, deren Ziel es sei, die Region, die Energieversorgung und die Märkte der ölreichen Länder vollständig unter Kontrolle zu bekommen. Europa solle, so seine Forderung, eine eigenständige am Dialog orientierte Politik entwickeln. Es gebe keinen "Zusammenprall der Kulturen".

"Was heute aufeinander prallt, sind Vorurteile, Pauschalisierungen, Fundamentalismen. Das ist in der Tat gefährlich."

Nirumands Buch zeigt eindrücklich, wie gefährlich die Situation ist, dass der Konflikt jederzeit eskalieren kann – und er kann gute Gründe anführen, warum man trotzdem auf friedlichen Wandel setzen sollte. Ein Militärschlag würde, so meint er, die erkennbaren Veränderungstendenzen zunichte machen und eine Öffnung und Demokratisierung des Landes verhindern.

Bahman Nirumand: Iran. Die drohende Katastrophe
Kiepenhauer&Witsch
224 Seiten, 16,90 Euro

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