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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.05.2006

Eine Schicksalsgestalt

David Grossman: "Löwenhonig. Der Mythos von Samson"

Rezensiert von Marius Meller

Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (AP Archiv)
Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (AP Archiv)

David Grossman konstruiert in "Löwenhonig" psychologisch subtil den Charakter von "Samson des Helden", wie er jedem israelischen Schulkind geläufig ist. Für ihn ist Samson eine Schicksalsgestalt der aktuellen Situation Israels. Ohne den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, sieht er in Samson den ersten "Selbstmordattentäter", der 3000 Philister mit in den Tod reißt.

Einer Initiative des Berlin Verlags verdanken sich eine Reihe von in diesem Frühjahr erschienenen Büchern international renommierter Autoren zum Thema Mythos: von Margaret Atwood über Viktor Pelewin bis Janette Winterson. Ob Odysseus' geduldige Gattin Penelope, das Ungeheuer Minotaurus (halb Stier, halb Mensch) oder der universale Gewichtheber Atlas - sie alle sind den Autoren Gelegenheit, über das Mythische im Allgemeinen und über ihre jeweiligen mythischen Schützlinge im Besonderen literarisch nachzudenken, dem Mythischen nachzuschreiben, nachzuschaffen.

Dass hiermit geistesgeschichtlich ziemlich heißes Terrain betreten wird, ist dem Leser von heute vielleicht nicht mehr allzu präsent. 1983 löste ein Suhrkamp-Sammelband, herausgegeben von "Merkur"-Chef Karl Heinz Bohrer, mit dem Titel "Mythos und Moderne" einen kleinen Skandal aus. Wilhelm Nestle hatte das Problemfeld 1940 mit seinem berühmten Buchtitel "Vom Mythos zum Logos" den Begriff gegeben, Adorno und Horkheimer hatten in ihrer "Dialektik der Aufklärung" die zeitgemäße Aktualisierung geleistet: Durch die Faschismen des 20. Jahrhunderts sei es zu einer Re-Mythisierung der zum Logos sublimierten Zivilisation gekommen. Durch den Mythos falle die Welt in eine blutrünstige Vorstufe zurück. Noch 1983 war die Erinnerung daran, dass der Mythos der unverzichtbare Urstoff der Dichtung und mit ihr auch des zivilisatorischen Impulses sei, auf dem Hintergrund des allenthalben herrschenden, Habermas' schen Vernunftsglaubens eine Provokation.

Der in 25 Sprachen übersetzte israelische Schriftsteller David Grossman, Jahrgang 1954, hat sich in einem Interview einmal als "nicht religiös, aber sehr jüdisch" beschrieben. Seine Annäherung an den Samson-Mythos, an die biblische Geschichte von dem Mann mit Riesenkräften und Riesenmähne, ist genuin jüdisch, weil er den Urtext aus der Thora Satz für Satz interpretiert wie die Talmudisten in ihren Auslegungen, den so genannten Midraschim. Wie diese schafft Grossman den Spagat zwischen minutiöser Auslegung und lebendiger, poetischer Darstellung. Eigentlich ist dieses Verfahren aber geradezu unmythisch, anti-mythisch: Denn der Buchstabe der Thora ist unumstößlich, und nur aus den Lücken im Text darf der Geist der Fantasie aufblühen.

Für Grossman ist der Geist der Samson-Geschichte die psychische Qual des "von Gott Gesegneten", eines so genannten Nasiraeers, der Zeit seiner Existenz Außenseiter bleibt, weil er besonders begabt ist (im Falle Samsons mit übermenschlichen Kräften) und seine unausweichliche Funktion im Heilsplan Gottes hat (im Falle Samsons die Tötung der mit Israel verfeindeten Philister).

Grossman konstruiert psychologisch subtil den Charakter "Samson des Helden", wie er jedem israelischen Schulkind geläufig ist. Für ihn ist Samson eine Schicksalsgestalt, sogar eine Allegorie der aktuellen Situation Israels. Ohne den Leser mit Gewalt darauf zu stoßen, sieht er in Samson den ersten "Selbstmordattentäter", der 3000 Philister mit in den Tod reißt. Er verweißt ohne großes Aufhebens darauf, dass in dem israelischen Atombombenprojekt der Samson-Mythos eine gruselige Wiederbelebung erfahren hat. Die Militärs tauften es "Samsons Entscheidung". Im Unabhängigkeitskrieg hießen Kampftruppen die "Füchse Samsons", während der ersten Intifada hieß eine Einheit "Samson", aber auch eine Fitnesscenterkette im modernen Israel heißt "Samson Institut".

Das sind alles aufschlussreiche Details, mit denen Grossman nicht etwa den Staat Israel denunzieren will. Im Gegenteil: Er zeigt die schwierige kollektivpsychische Konstellation seiner Nation zwischen religiöser oder sogar politischer Auserwähltheit, Kampf gegen vielfältige Bedrohungen und der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Aber auch Samson, der muskelstrotzende Held, hat kreative Potentiale, deren Fortentwicklung langfristig, über die Jahrtausende, friedlich wirken: nämlich durch Grossmans luzid-poetische Exegese. Samson ist, das ist Grossmans Pointe, eine frühe, hochbegabte Künstlerfigur, eine Art Installationskünstler als Superman, dessen Kräfte der HERR allerdings damals – SEINE Wege sind unergründlich - zum "Clash of Civilizations" einsetzte.

Heute, so überzeugt uns David Grossman Schritt für Schritt, "ist es an der Zeit" solche allzu menschlichen Kräfte für eine friedliche Welt einzusetzen, so wie es Grossman vorlebt, wenn er seit über 20 Jahren für die Versöhnung Israels und Palästina eintritt.


David Grossman: Löwenhonig. Der Mythos von Samson.
Übersetzt von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling
Berlin Verlag, Berlin 2006.
127 Seiten, 16 Euro.

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