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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.11.2009

"Eine rein populistische Initiative"

Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel kritisiert Abstimmung über Bauverbot für Minarette

Peter Bichsel im Gespräch mit Katrin Heise

Bichsel: "Der Schweizer hält sich nach wie vor für ein Weltwunder." (AP)
Bichsel: "Der Schweizer hält sich nach wie vor für ein Weltwunder." (AP)

In der Schweiz wird über ein Bauverbot für Minarette abgestimmt. Vor hundert Jahren habe es bereits einen Aufstand gegen die ersten katholischen Kirchtürme gegeben, so der Schriftsteller Peter Bichsel.

Katrin Heise: Am Sonntag also wird in der Schweiz über ein Bauverbot muslimischer Minarette abgestimmt. Sie hörten Informationen darüber von Claudia Witte. Und jetzt begrüße ich den Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel. Schönen guten Tag, Herr Bichsel!

Peter Bichsel: Guten Tag, Frau Heise!

Heise: Herr Bichsel, stimmen Sie ab am Sonntag?

Bichsel: Ja sicher, das heißt, die meisten Schweizer und Schweizerinnen werden bereits abgestimmt haben. Man hat ja die Möglichkeit der Briefwahl. Ich habe also meinen Brief vor drei Wochen schon eingeworfen.

Heise: Und wie haben Sie abgestimmt?

Bichsel: Ja, das ist ja gar keine Frage. Selbstverständlich lehne ich das Minarettverbot ab.

Heise: Wie nehmen Sie die Diskussion in der Bevölkerung wahr? Wenn eben die Zahl genannt wurde, so knappe 50 Prozent sind noch nicht entschieden oder vielleicht sogar dafür – wird viel drüber diskutiert?

Bichsel: Ich habe in der Öffentlichkeit, also in der Kneipe und … wenig davon gehört, einzelne Sätze, vielleicht mal einen Witz, der fehl am Platz war. Aber ein riesiger Wirbel natürlich in den Medien, und immer ist es dafür und dagegen, wobei das ist nun wirklich ein rein populistisches, eine rein populistische Initiative. Ich glaube nicht, dass es den Initianten so wahnsinnig wichtig ist, dieses Minarettverbot. Aber es ist ein Thema, das jeden Wählenden aufwühlt und im Grunde genommen ist es nicht eine Abstimmung, sondern es ist die alte Wahlpropaganda, sich im Gespräch halten, die starke Partei spielen. Und halt diese vaterländische, rechtsextreme vaterländische Partei, die überall, die zwar immer von weniger Staat spricht und nicht sehr staatsfreundlich ist. Und ihr Slogan ist das Vaterland und das Vaterland ist halt andauernd in Gefahr.

Heise: Ja, und diesmal offenbar von islamischer Landnahme – davon schreibt nämlich in der "Weltwoche" Roger Köppel. Die Minarette seien das Symbol der islamischen Landnahme, schreibt er, die Initiative gegen die Minarette argumentiert, nach den Minaretten würde in der Schweiz die Scharia eingeführt werden. Verfangen solche Parolen bei den Schweizern?

Bichsel: Es wird knapp werden mit dem Resultat. Aber es gibt wirklich große Hoffnung, die große Hoffnung, dass es abgelehnt wird.

Heise: Wie stark würden Sie denn sagen ist die Fremden-, ja, -feindlichkeit oder Fremdenangst in der Schweiz verbreitet?

Bichsel: Sie ist natürlich nicht neu. Xenophobismus ist eine uralte Sache in der Schweiz, die Angst vor dem Fremden, die Angst vor den fremden Intellektuellen, die Angst vor den fremden Deutschen sind um die Jahrhundertwende, 1900 herum, 1910 herum, wurde im Kanton Bern, der damals noch rein evangelisch war, wurde im Kanton Bern die zweite katholische Kirche gebaut. Und da hatte man genau denselben in Anführungszeichen "Volksaufstand" gegen diesen Kirchturm der katholischen Kirche. Es wurde dann von den Behörden verlangt, dass der Kirchturm höchstens und soundso weit sichtbar sein darf. Also auch dort die Angst vor dem Fremden, also vor den fremden Mitbürgern damals.

Heise: Wie erklären Sie sich solche, ja, so diese Angst oder durch Abschottungsreflexe, die ja dann doch auch sehr hart sind?

Bichsel: Sehen Sie, wenn Sie eine Schweizer Zeitung aufschlagen, dann gibt es eine Abteilung Inland und eine Abteilung Ausland. In Deutschland heißt das Deutschland und international bei uns heißt es Inland, Ausland. Das sieht dann so aus, wie wenn wir die Hälfte der Welt wären. Und Ausland hat bei uns immer noch den Klang von Elend. Das sind die Leute, die aus dem Elend, das Elende hieß das mal, Ausland, im Mittelhochdeutschen. Und die schleppen dieses Elend da hin und so weiter und so weiter.

Heise: Die Schweizer sind sich ja im Allgemeinen ihrer Verantwortung beim Urnengang, bei den Abstimmungen sehr bewusst, sie gehen ja sehr bewusst damit um – wie wichtig ist ihnen denn das Bild, was sie international verbreiten? Sie haben jetzt gerade gesagt, Ausland gleich Elend, aber ist einem trotzdem wichtig, wie jetzt so was im Ausland ankommt, wenn man also da gegen Minarette, gegen den Islam ja fast eigentlich abstimmt?

Bichsel: Wie die Schweizer inzwischen auch die Schweiz sind absolut überzeugt von ihrer Beliebtheit im Ausland. Und jeder hat dann zwei Freunde in Österreich oder in Deutschland oder sogar in Italien, die ihm bestätigen, ihr habt recht, ihr Schweizer, ihr macht es richtig. Natürlich möchte jeder Schweizer nicht nur als Freund behandelt werden im Ausland, sondern sogar als Weltwunder. Und davon rückt er nicht ab. Also all die Leute, die besorgt sind über dieses Image der Schweiz im Ausland und zu Recht besorgt sind, haben da wenig Chancen. Der Schweizer hält sich nach wie vor für ein Weltwunder.

Heise: Sagt der Schriftsteller Peter Bichsel über seine Schweizer Mitbürger und ihre Fremdenangst. Herr Bichsel, ich danke Ihnen recht herzlich!

Bichsel: Ich danke Ihnen!

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