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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.05.2011

Eine Philosophie der Negativ-Abgrenzungen

Der israelische Sozialphilosoph Avishai Margalit erhält Leopold-Lucas-Preis der Universität Tübingen

Von Christian Gampert

 Avishai Margalit erhielt den mit 50.000 Euro dotierten Leopold-Lucas-Preis, eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Geisteswissenschaftler in Deutschland. (picture alliance / dpa)
Avishai Margalit erhielt den mit 50.000 Euro dotierten Leopold-Lucas-Preis, eine der höchstdotierten Auszeichnungen für Geisteswissenschaftler in Deutschland. (picture alliance / dpa)

Avishai Margalit hat sich zwar auch mit analytischer Philosophie und Logik beschäftigt, sein Hauptinteresse gilt aber einer "Theorie der Margalit Gerechtigkeit". In der Auseinandersetzung mit John Rawls hat er Kriterien aufgestellt, wie eine "decent society", eine anständige Gesellschaft, auszusehen hat.

Avishai Margalit: "Eine anständige Gesellschaft, so wie ich sie verstehe, ist eine Gesellschaft, die niemanden erniedrigt. Es gibt da zwei Ebenen: In einer zivilisierten Gesellschaft quälen die einzelnen Individuen einander nicht. Und zweitens dürfen auch die Institutionen möglichst niemanden erniedrigen, also Gefängnis, Armee und so fort. Politisch müssen wir eine solche Gesellschaft anstreben: zivilisierte Zustände auch im Erziehungssystem, in der Kultur."

Und da Margalit Israeli ist und die Welt nicht aus einem sicheren europäischen Lehnstuhl betrachtet, weitet er den Anspruch einer anständigen Gesellschaft natürlich auf die gesamte Nahost-Region aus. Israel in den Grenzen von 1967 sei eine interessante multikulturelle Gesellschaft und den liberalen Demokratien Europas sehr ähnlich, sagt Margalit; die militärische Besatzung der Palästinensergebiete aber unterminiere das israelische Selbstverständnis.

"Es gibt eine politische Einheit zwischen Jordan und Mittelmeer, die von israelischen Juden beherrscht wird. Diese politische Einheit ist definitiv nicht anständig. Erniedrigung ist ein Mittel, nach der diese Einheit organisiert ist - sowohl auf der Institutionen-Ebene als auch auf der Ebene menschlicher Interaktion."

Der 1939 im damaligen Palästina geborene Margalit engagiert sich seit Langem in der israelischen "Peace Now"-Bewegung, sieht aber natürlich auch die Probleme, die eine Verständigung mit Fatah und besonders der radikalreligiösen Hamas aufwirft.

Als Philosoph hat er sich mit einer "Ethik der Erinnerung" beschäftigt und mit der Notwendigkeit der Zeugenschaft – in Israel mit seinen vielen Holocaust-Überlebenden ein wichtiges Thema. Andererseits hat er gerade ein Buch zur Kompromiss-Theorie vorgelegt: "Über Kompromisse und faule Kompromisse" heißt es. Denn nicht jeder Kompromiss sei haltbar: Wer eine Seite unangemessen benachteilige, fördere nur den nächsten Konflikt. Manchmal aber genüge es, um nur ein Beispiel aus dem Buch anzuführen, den Konflikt neu zu definieren: Wenn man etwa den Streit um den Tempelberg in Jerusalem als Streit um die Nutzung des Ortes beschreibe und nicht als eine Frage staatlicher Souveränität (S.64), sei ein haltbarer Kompromiss viel wahrscheinlicher.

Religion sei im Nahen Osten in der Tat ein Problem, sagt Margalit, aber es sei nicht wahr, dass der Islam keine Kompromisse schließen könne.

"Religion arbeitet mit dem Begriff des Heiligen, über den man nicht verhandeln kann. Aber die Religionen schließen dauernd Kompromisse, weil sie große Institutionen sind. Sie schließen Kompromisse mit der modernen Welt ..."

Das mag, wer islamischen Führern zuhört, bisweilen bezweifeln. Aber Margalit zoomt das Problem herunter auf die Beziehungsebene: Es unterscheidet zwischen "thick and thin relations" – dicke Bande habe man zu Familie und Freunden, und hier gilt dann "Ethik"; dünnere Bindungen bestehen zur Gesamtgesellschaft, hier gibt es "Moral". Das Verhältnis von Familie und Clan zu einem übergeordneten Ganzen: Das sei gerade in den arabischen Gesellschaften schwierig.

"Sadat, als er Frieden mit Israel schloss, wurde kritisiert: Alle arabischen Staaten sind doch dagegen! Er antwortete: Was meint ihr mit arabischen Staaten? Das sind alles Stämme, die sich eine Fahne gegeben haben; das sind keine Staaten. Die Spannung zwischen einer ersten Loyalität gegenüber der Familie und dem Stamm und – andererseits – dem bürokratischen Staat, also abstrakten Entitäten, wie es sie in Europa gibt, das ist ein ungelöstes Problem in diesen Ländern, das ist sehr wahr."

Und trotzdem sehe man ja an den Aufständen in Tunesien, Libyen und Syrien, dass es auch dort ein Bedürfnis nach demokratischer Mitsprache gebe. Seine Philosophie, sagt Margalit, bestehe zum großen Teil ja aus Negativ-Abgrenzungen: was alles in einer humanen Welt nicht passieren dürfe. Aber er sei, aufgrund der jüngsten Entwicklungen in der arabischen Welt, nicht unbedingt ein Pessimist. Und er kleidet seine Sicht in einen hübschen Vergleich.

"Wenn man zu einer Hochzeit eingeladen ist, dann kauft man ein Geschenk und feiert mit dem jungen Paar. Und man wird den Hochzeitsleuten nicht erzählen, dass die meisten Ehen wieder geschieden werden und dass es den Kindern dann schlecht geht. Sondern man sagt: Jetzt lasst uns erstmal feiern und hoffnungsvoll sein!"

Seine Dankrede beim Empfang des Tübinger Leopold-Lucas-Preises hielt Avishai Margalit übrigens zum Thema "Apostasy" – also: Abfall vom Glauben. Den Glauben wechseln zu dürfen, das gehört zu den Menschenrechten – die politische Meinung zu wechseln natürlich auch. Margalit hofft auf einen Meinungsumschwung in Israel und hält große Stücke auf Barak Obama, der die Nahost-Gespräche vorantreiben werde. Gaza, das sei wirklich ein Problem, sagt Margalit. Für die Westbank habe er viel mehr Hoffnung.

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