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Fazit / Archiv | Beitrag vom 08.02.2013

Eine "neue Mischform" im deutschen Kino

Anteilnahme ist der neue Trend der heimischen Produktionen

Von Christian Berndt

Linda Söffker, Leiterin der Sektion Deutsches Kino der Berlinale (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Linda Söffker, Leiterin der Sektion Deutsches Kino der Berlinale (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

In der Sektion "Deutsches Kino" der Berlinale, die sich dem jungen deutschen Film widmet, ist frischer Wind zu spüren: Weg von der Distanz und hin zur Anteilnahme, heißt der neue Trend. Junge Filmemacher erzählen Geschichten, die berühren und nah gehen. Das Gefühl ist zurück.

"Schön, wenn der Schmerz nachlässt. Trinke Wein und weine dann. Dann kann ich besser loslassen. Dann geht’s mir hinterher auch immer ein bisschen besser."

Silvi, 47 Jahre alt und nach fast 30 Jahren Ehe von ihrem Mann verlassen, sitzt auf dem Wohnzimmersofa und redet in die Kamera. Es wirkt wie in einer Dokumentation – aber die Interviews sind Teil eines Spielfilms. Silvi wird von einer Schauspielerin dargestellt und die Handlung ist inszeniert – auch wenn sie in ihren Alltagsgesprächen ziemlich echt wirkt

"Ich meine, vielleicht bleibt die ja nicht so lange bei ihm. Vielleicht ist er ja bald wieder… - Ja, das kann schon sein, aber die Frage ist letztendlich, willste ihn denn wiederhaben? Du musst ja immer damit rechnen, dass dann die nächste Zwanzigjährige kommt."

Die Dialoge sind manchmal so banal wie realitätsnah, manchmal zum Fremdschämen, weil man so unvermittelt zum Voyeur dieser verzweifelten Suche wird. Silvi gibt eine Kontaktanzeige auf, lernt fremde Männer kennen und gerät in teils heikle Situationen, bis hin zu bizarren Sexpraktiken. Es wirkt tragikomisch - aber Regisseur Nico Sommer meint es sehr ernst:

Nico Sommer: "Das ist ja ein Stoff nach einer wahren Begebenheit, der sich so im eigenen Familienkreis zugetragen hat. Ich kann dieses Gefühl dieser Frau gut nachvollziehen. Diese Sehnsucht nach etwas, das Glück bedeuten könnte. Das ist meine Triebfeder gewesen, dass ich das bebildern möchte, mit diesen skurrilen Momenten auf der einen Seite, und aber auch diese traurigen, melancholischen Sehnsuchtsaugenblicke auch."

Und das gelingt – gerade weil Silvis manchmal naive Sehnsüchte nicht denunziert werden. Dieser Anteilnahme an der Figur hat sich auch ein weiterer Film mit dokumentarischem Blick verschrieben. In "Mütter" versucht ein lesbisches Paar durch Samenspende ein Kind zu bekommen. Minutiös folgt der Film den zermürbenden Bemühungen – bis die Beziehung zusehends in Mitleidenschaft gerät. So realistisch die Geschichte erzählt ist – reale Ärzte und Anwälte spielen sich selbst – so sehr ist "Mütter" auch ein sorgfältig inszenierter Schauspieler- und Erzählfilm. Eine Mischung, die beim jungen deutschen Film dieses Jahr sehr präsent ist, wie die Sektionsleiterin der Perspektive Deutsches Kino, Linda Söffker, meint:

Linda Söffker: "Das ist auf jeden Fall, was man beobachten kann, dass es eine neue Mischform von Dokumentarischem und Spielfilm gibt. Und Silvi und Zwei Mütter und Wiedergänger sind Filme, die aus dem dokumentarischen Bereich kommen, aber eine Inszenierung machen und es am Ende auch als einen Spielfilm ansehen. Und da sind die drei Filme Beispiele in unserer Reihe, die ich so in dieser Häufigkeit vorher nicht beobachten konnte."

In starkem Kontrast zu diesem – manchmal bis an die Haut gehenden, empathischen Stil - stehen Filme, die dieses Jahr eher im Forum anzutreffen sind und die man der Berliner Schule zurechnen könnte. Hier gilt der kühle Blick auf die Figuren, deren Innerstes verborgen und mitunter rätselhaft bleibt. In "Halbschatten" will eine Frau ihren neuen Freund in Südfrankreich besuchen, trifft aber nur seine halbwüchsigen Kinder an – eine Begegnung, die von Irritationen bestimmt wird.

Und "Das merkwürdige Kätzchen" erzählt von einem Familientreffen, auf dem die Verwandten in verfremdeten Monologen eher neben- als miteinander kommunizieren. Dagegen zeigt die Perspektive Deutsches Kino schon im Eröffnungsfilm Schmerz und Drama, das zur Anteilnahme geradezu herausfordern will. In "Freier Fall" spürt Polizist Marc nicht ohne Neugier, dass der neue Kollege Kay – gespielt von Max Riemelt – auffällig seine Nähe sucht. Die beiden joggen zusammen – und der unangepasste Kay verführt Marc zum Kiffen:

"Wieso bist Du denn überhaupt bei dem Verein hier gelandet? – Schon mal was von Systemunterwanderung gehört? – Bist Du ein Autonomer oder was?"

Kay nähert sich Marc immer unverhohlener, dann, im Wald passiert es, die beiden fallen übereinander her. Ausgerechnet jetzt, wo Marcs Freundin ein Kind erwartet. Langsam verliert er den Halt:

"Ich hab Dich nicht gebeten, hierherzukommen und mein Leben zu versauen. – Hab ich Dich gezwungen, meinen Schwanz zu lutschen, oder was? Na komm, schlag zu! Sag mal, verstehst Du das nicht? Ich liebe Dich. Marc! – Lass mich in Ruhe, bitte. (weint)"

Auch wenn "Freier Fall" eher konventionell erzählt ist, passt er als Eröffnungsfilm der Perspektive ganz gut – vielleicht haben lange nicht mehr so viele junge Regisseure im Kino aufs Mitfühlen gesetzt. Ob dokumentarisch oder dramatisch, wie es Regisseur Stephan Lacant, dem Regisseur von "Freier Fall" vorschwebt:

Stephan Lacant: "Mich interessiert mehr der emotionale Zugang, also wirklich nah an Figuren ranzukommen. Und Figuren, die einen wirklich packen und mitnehmen und aus dem Leben gegriffen sind. Also für mich lebt Kino von Gefühlen, starkes emotionales Kino find ich toll."

Links auf dradio.de:

Die 63. Berlinale: Unser Programm am 9. Februar - Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

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