Dienstag, 23. September 2014MESZ04:21 Uhr

Buchkritik

KrimiNew York ist der geheimnisvolle Verdächtige

Er ist ein Phantom, ein New Yorker, ein Mann mit Papiertüte auf dem Kopf - der Autor Thomas Pynchon entzieht sich dem Publikum. Nur seine Romane verraten überhaupt seine Existenz. Sein aktueller Krimi "Bleeding Edge" spielt in der Zeit von 9/11.Mehr

SachbuchAuf Angst können sich alle einigen
Eine verzweifelte junge Frau hockt auf einem Bett. Im Vordergrund: Tabletten. 

In "Gesellschaft der Angst" schlägt der Soziologe Heinz Bude vor, Angst als flächendeckende Unterströmung zu begreifen - und das 20. Jahrhundert samt Gegenwart aus dieser Perspektive neu zu sortieren. Ein gewagter, aber plausibler Zugriff.Mehr

RomanLiebe für Fortgeschrittene
Paar im Sonnenuntergang am Strand (dpa / picture alliance / Zhang Jie)

In seinem Buch "Verlangen und Melancholie" stellt Bodo Kirchhoff die Frage, wie gut man den Menschen kennt, mit dem man Tisch und Bett teilt. Ein Roman, der alles bietet: Hingabe, Treue, Eifersucht, Verrat, Seitensprung und - natürlich Liebe.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Eine literarische ErkundungLuftlinien
Ein Feld und eine Windmühle

Ohne Luft kein Leben - ein Element in der Literatur: von Don Quijotes Kampf mit den Windmühlen über Thomas Manns Lungensanatorium bis zur Luftverschmutzung in Monika Marons "Flugasche" - viele große Werke kommen ohne die Luft nicht aus.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.10.2012

Eine Märchen-Hommage

Karen Duve: "Grrrimm", Galiani Verlag, Berlin 2012, 160 Seiten

Welche Prinzessin möchte schon von einem 115-jährigen Greis wachgeküsst werden?
Welche Prinzessin möchte schon von einem 115-jährigen Greis wachgeküsst werden? (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

In "Grrrimm" montiert Karen Duve berühmte Märchen wie wertvolle Oldtimer auseinander und setzt diese dann unter Verwendung moderner Zubehörteile wieder zusammen – zu fantastischen Hybridfahrzeugen, die ordentlich Fahrt machen.

Karen Duve und die Märchen – das ist eine fruchtbare Beziehung. Schon ihr "Regenroman" verband harten Realismus mit märchenhaften Motiven. Später überraschte sie mit dem vergnüglichen Märchenroman "Die entführte Prinzessin". Jetzt hat sie sich die berühmtesten Geschichten der Brüder Grimm vorgenommen. "Schneewittchen", "Dornröschen", "Rotkäppchen", "Froschkönig" werden auseinander montiert wie wertvolle Oldtimer und dann in Duves Werkstatt unter Verwendung moderner Zubehörteile wieder zusammengesetzt – zu phantastischen Hybridfahrzeugen, bei denen nichts richtig zusammenzupassen scheint, die aber trotzdem ordentlich Fahrt machen.

Im Märchen haben einfach angelegte Figuren Prüfungen zu bestehen. Nicht Reflexion ist von ihnen gefordert, sondern der aus dem Herzen kommende Handlungsimpuls. Duve dagegen schildert in den märchenhaften Dekorationen sehr heutige und angeknackste Charaktere, die es mit den Zwiespältigkeiten des wahren Lebens zu tun bekommen. So packen den Erzähler-Zwerg in der Update-Version von "Schneewittchen" sehr konkrete Gelüste nach dem attraktiven Mädchen. Überhaupt – eine junge Frau mit sieben zu kurz gekommenen Männern? Eine ziemlich anrüchige Wohngemeinschaft. Die Zwerge verzehren sich vor Eifersucht, als der Prinz daherkommt und die vom Apfelbutzen befreite Schöne für sich beansprucht.

Die Schriftstellerin Karen Duve mit dem Huhn Rudi in ihrem Haus im brandenburgischen RingenwaldeDie Schriftstellerin Karen Duve - der Stil von "Grrrimm" kommt mit Duves gewohnter Lust an der Ernüchterung daher. (dpa)Im herkömmlichen Märchen muss nichts erklärt werden. Die merkwürdigsten Winkelzüge ergeben sich aus der erzählerischen oder moralischen Logik der Handlung. Hier setzt Duve an und appliziert Motive, oft nach Maßgabe einer sehr heutigen Küchenpsychologie, was für weitere komische Kontraste sorgt. Da ist Rotkäppchen für die Familie bloß ein "Fußabtreter", da murmelt ein düpierter Teufel "Alles nur ein Missverständnis!", da gibt die Fee, die Dornröschen in den Schlaf gezaubert hat, reumütig heulend zu, dass sie "möglicherweise etwas scharf reagiert" habe. Der geduldige Prinz, der hundert Jahre auf das Erwachen seiner Angebeteten warten muss, wird unterdessen von einem Bandscheibenvorfall und den Miseren des Alters geplagt. Zwar bringt er es dank kurioser Diäten auf 115 Jahre – aber welche Prinzessin möchte von einem solchen Greis wachgeküsst werden? Lauter "realistische" Probleme, die sich aus märchenhaften Fabeln ergeben und nach Lösungen rufen.

In "Bruder Lustig" erweckt der heilige Petrus ein totes Mädchen wieder zum Leben. Er nimmt ihren Körper wie ein Anatom auseinander, kocht das Fleisch von den Knochen, legt diese dann wieder ordnungsgemäß zusammen und träufelt das Wasser des Lebens darauf. Bei den Brüdern Grimm wird das in zwei Sätzen erzählt, ohne dass eine Reaktion auf die unerhörten Vorgänge erwähnt würde. Duve dagegen kostet die Passage aus, schildert die Details wie im Horrorfilm, bereitet eine Splatterszene aus Blut und Gestank, und den Bruder Lustig packt das nackte Grauen. Noch gruseliger ist die Werwolf-Version von Rotkäppchen.

Der Stil kommt mit Duves gewohnter Lust an der Ernüchterung daher. Wenn sich jemand in feierlicher Rede versucht, kippt das regelmäßig ins Alltagssprachliche. Der frische, ein wenig patzige Ton wirkt jedoch nie als wirkliche Störfrequenz. Jesus fährt mit dem Moped zur nächsten Wunderheilung, ein hinterwäldlerischer Ort verkommt, weil EU-Gelder ausbleiben – mit solchen Kontrasten und Anachronismen werden berechenbare Pointen erzielt. Und doch ist dies keine klamaukhafte Travestie, weil Duve ihre Geschichten mit Hingabe erzählt. "Grrrimm" ist eine Hommage.

Besprochen von Wolfgang Schneider

Karen Duve: Grrrimm
Galiani Verlag, Berlin 2012
160 Seiten, 19,99 Euro

Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Bücherherbst 2012