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"Eine Leuchte für alle Menschen"

Künstler Eliasson über seine Solarlampe "Little Sun" und seine neue Ausstellung in London

Olaf Eliasson im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Olafur Eliasson mit einer "Little Sun"
Olafur Eliasson mit einer "Little Sun" (dpa / picture alliance / Tomas Gislason)

Olaf Eliasson hat eine solarbetriebene Leuchte entwickelt, mit der er Licht in Weltgegenden ohne Strom bringen möchte. "Little Sun" sei ein kleines Kunstwerk, sagt Eliasson, der ab Samstag die Lichtinstallation "The Weather Project" in der Londoner Tate Modern zeigt.

Stephan Karkowsky: Nächsten Samstag hat ein neues Lichtprojekt von Olafur Eliasson Premiere in der Tate Modern, dem weltweit größten Museum für moderne Kunst in London. Genau dort hatte der Künstler bereits 2003 einen großen Erfolg gefeiert mit der Lichtinstallation "The Weather Project", einer überdimensionalen Sonne in der eigens verspiegelten Turbinenhalle.

Nun kehrt Olafur Eliasson zurück zur Kulturolympiade 2012 mit einer nur handtellergroßen gelben solarbetriebenen Plastikleuchte namens "Little Sun" - kleine Sonne. Was er damit vorhat, soll er uns selbst erzählen. Herr Eliasson, guten Morgen!

Olafur Eliasson: Guten Morgen, Stephan!

Karkowsky: Licht für die Welt, Helligkeit ins Dunkel bringen von 1,6 Milliarden Menschen ohne Strom, das ist das Konzept. Ist diese kleine Leuchte womöglich das größte Kunstwerk, das Sie je geschaffen haben?

Eliasson: Ja, so ist es, wenn es natürlich dann auch klappt, weil das Ziel ist natürlich dann auch, die Lampen tatsächlich da hinzubringen, wo die tatsächlich da hinzubringen, wo die einen Unterschied bringen kann, und daher haben wir erst gerade angefangen. Und das Projekt in London an der Tate ist sozusagen ein kleiner Anschubser in die richtige Richtung, so groß ist es, ja.

Karkowsky: Sie betrachten nicht nur die Konzeption der Lampe selbst als Kunstwerk, also ihr Design, sondern auch den Vertrieb dieser Lämpchen in Länder der Dritten Welt, denn Sie wollen sie ausdrücklich nicht verschenken. Wem nutzt es denn, wenn Ihre Lampe Geld kostet?

Eliasson: Ja, tatsächlich ist es ja einfach so, dass ich und mein kleines Netzwerk, wir können uns das nicht leisten, die Lampe zu verschenken, einerseits, und andererseits ist es meine Erfahrung jetzt aber auch, dass die Leute wollen es auch gerne kaufen, und da gibt es schon so einen grundsätzlichen Unterschied, ob man eine Art von Nothilfeprojekt daraus macht oder ob man das als Mikrogeschäftssystem aufbaut.

Die zwei müssen jetzt nicht gegenseitig polarisiert werden, aber daher haben wir uns ganz von Anfang an dafür entschieden, dass das hier ist im Prinzip ein Nothilfeprojekt. Das ist im Prinzip ein Produkt oder eine Idee, wo der Vertrieb soll das Projekt auch tragen, und daher muss der Vertrieb Teil des Projekts sein. Das ist jetzt nicht so, dass da gibt es ein Kunstwerk, die kleine Leuchte, und dann gibt es den Vertrieb außen rum. Das muss insgesamt als ein Projekt gesehen werden.

Karkowsky: Damit die Händler vor Ort auch damit Geld verdienen können?

Eliasson: Ja, weil die Idee ist natürlich, wir können das produzieren, wir können es dann auch liefern an so eine Art von Großvertreiber. Und der Großvertreiber muss ja dann auch ein Profit davon haben, dass dieser dann einen kleinen Vertreiber, einen sogenannten Retailer, er muss es vielleicht sogar an eine Art von Straßenkiosk oder einen Straßenhändler weiterverkaufen. Und der Straßenhändler, der letzte in der Kette, der muss ja auch dran was haben. Und da haben wir so eine Art von Finanzprojekt, oder wie sagt man, ein Business Model entwickelt, das nennen wir Profit to the Point, nennen wir das, wo dann der Letzte den eigentlich größten Profit hat. Wir verkaufen dem ein (…) für etwa fünf Dollar, und der Marktpreis sollte um die zehn Dollar sein.

Und diese zehn Dollar sollen dann so organisiert sein, die letzten zwei, also von acht bis zehn, soll der letzte Verkäufer haben, optimalerweise. Und so verdienen wir als Produzent am wenigsten, gerade genug, um die Firma am Leben zu halten, und der nächste sozusagen verdient vielleicht einen halben Dollar, und der nächste einen Dollar, aber der Letzte verdient dann am meisten, der Letzte ist ja dann auch oft derjenige, der dann mit Fahrrad 20 Kilometer fahren muss jeden Tag, um eine Lampe zu verkaufen. Das heißt, also der Letzte muss mit vielleicht fünf verkauften Lampen in einer Woche ernähren können, sonst bricht das System zusammen.

Karkowsky: Da bleibt die Frage, die Sie auch nicht zum ersten Mal hören: Wie sollen denn gerade die Ärmsten der Armen sich diese Leuchten leisten können? Zehn Dollar ist ja eine Menge für jemanden, der weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung hat.

Eliasson: Ja, tatsächlich ist es viel Geld, aber wir haben es so genau ausgerechnet, dass eine normale Familie verbraucht innerhalb eines Monates etwa drei bis fünf Dollar in Kerosin, um Licht zu machen. Das heißt, innerhalb von zwei Monaten hat sich schon die Leuchte profitiert. Und die Leuchte hat ja eine Lebensdauer von drei Jahren, und diese Lebensdauer ist natürlich sehr profitabel, und das müssen die Leute dann, also das müssen wir dann den Leuten auch erklären. Und unsere Erfahrung ist jetzt, das verstehen die sehr gut, insbesondere weil es natürlich sehr großen Einfluss hat auf eine Familienökonomie, also einen Einfamilien-Haushalt.

Und unsere Erfahrung ist ja, das ist nicht so unrealistisch mit zehn Dollar, weil das sogenannte Ein-Dollar-Segment, was einen Dollar am Tag verdient – oft ist es ja bei denen so, dass 70 Prozent deren Haushaltsgelder ist in Naturalien, und die ein Dollar entsprechen – oder ein bis zwei Dollar entspricht im Prinzip nur das Cash. Und so ist es jetzt nicht so unrealistisch laut unserer Erfahrung.

Karkowsky: Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit GIZ hat Ihnen ausdrücklich davon abgeraten, Ihrer Leuchte ein schickes Design zu geben. In Afrika, sagt die GIZ, brauche man vor allem robuste und funktionale Geräte. Sie haben trotzdem eine schöne Lampe gemacht. Warum?

Eliasson: Ja, grundsätzlich hat ja GIZ in vielen Recht, aber wir haben am Anfang ziemlich oft die Situation, wo wir also quasi vom Westen in ein Gebiet reinkamen, wo die Kulturunterschiede falsch interpretiert sind von uns selber, und ziemlich schnell ist es uns klar geworden, dass natürlich wollen alle Leute das genau gleich, wie wir haben. Die wollen glücklich sein, die wollen miteinander freundlich sein, und die wollen schöne Sachen währenddessen auch um sich herum haben.

Und in der Testphase – das war dann südlich von Äthiopien, auf dem Weg von Addis Abeba nach Awash – haben wir mit ziemlich vielen gesprochen, und alle Leute fanden zwar die Lampe ganz nett, gutes Licht, auch wichtig, kann man gut verstehen, aber die Schnur, womit wir die um den Hals hingen, den hat man damals aus Leder gemacht, den fanden die aber ganz toll. Und dann natürlich haben wir Notizen auf unserem Telefon gemacht und auf unseren Smartphones, und die fanden die noch toller, weil das Design so toll war.

Und da ist es uns klar geworden, wir machen hier was ganz Falsches. Und schon beim nächsten Entwurf hatte ich ein viel aufwendigeres Design und so eine Symbolik reingelegt, und ich habe auch gleich gesagt, das ist ein kleines Kunstwerk, und das fanden dann natürlich die Leute unglaublich toll: Ja, ein Kunstwerk, ja, das wollen wir unbedingt, und dass es auch leuchtet, finde ich auch toll, und so. Und daher ist es im Prinzip eine Leuchte für alle Menschen geworden, also nicht eine Leuchte von den Reichen zu den Armen. Wir sind davon komplett weggegangen.

Karkowsky: Sie hören im "Radiofeuilleton" den Lichtkünstler Olafur Eliasson. Nächsten Samstag beginnt in der Tate Modern in London sein neues Projekt "Little Sun". Herr Eliasson, Sie selbst sind von Licht fasziniert als ein Künstler, der in Island aufgewachsen ist, also in einem Land, in dem im Winter die Sonne nicht scheint. Ihre Leuchte "Little Sun" würde die langen isländischen Wintertage aber auch nicht beleuchten können, oder?

Eliasson: Nein, wahrscheinlich würde mein kleines Projekt hier in Island keinen großen Erfolg haben, im Winter insbesondere. Und im Sommer scheint ja die Sonne die ganze Nacht, und da würde es auch nicht gut laufen. Das ist aber, muss ich noch sagen, das ist ja auch interessant, dass es dann schon jetzt inmitten des Sommers, zum Beispiel in Afrikas Horn – um sechs geht da die Sonne auf, und auch in Deutschland kennen wir das ja gar nicht –, die Sonne geht ja runter senkrecht zum Horizont. Und das heißt, dass in dem einen Moment ist es ja also blitzhell, Tageslicht, und nach fünf Minuten ist es einfach komplett schwarz. Und das ist, wie Sie sagen, das ist natürlich in Island überhaupt nicht der Fall. Das ist aber auch unglaublich faszinierend, wenn es auf einmal so stockdunkel wird.

Karkowsky: Das ist ein schönes Stichwort, denn Sie wollen die Leuchte "Little Sun" weltweit bekannt machen mit verschiedenen Projekten in der Tate Modern, und eines heißt "Tate Blackout". Was steckt dahinter?

Eliasson: Ja, die Tate ist eigentlich in einem alten Energiekraftwerk gemacht, eine Power Station, und so fand ich es ganz lustig, erst mal eine Art von Blackout zu organisieren. Schließlich ist es mir schon klar, dass man kann jetzt viel über die "Little Sun" reden, so wie wir das jetzt auch eben gerade tun, aber der Bezug zum Projekt überhaupt läuft ja oft über eine physische Auseinandersetzung, die Tatsache, dass man die Lampe in die Hand nimmt und tatsächlich auch in einem dunklen Raum sich bewegt.

Und so dachte ich erst, machen wir in der Tate einen Blackout und lassen dann die Leute durch das dunkle Museum quasi laufen mit der Lampe in der Hand. Und einerseits ist das ja als Geste ganz lustig und so weiter, und das finde ich ganz gut, aber andererseits geht es mir auch darum, dass die Leute dann tatsächlich auch in einem dunklen Raum stehen und auf einmal das Licht mit herumtragen. Und so entsteht dann eine Beziehung zu diesem Kunstwerk über die Bewegung, über die Handhabung – dein Auge wird sozusagen in deine Hand verlegt.

Karkowsky: Eine Frage habe ich dann doch noch: Sie schätzen, haben Sie gesagt, die Lebensdauer Ihrer Leuchte auf mindestens drei Jahre. Mal angenommen, Ihre kühnsten Träume werden wahr, und Sie können davon 50 Millionen Stück absetzen. Was geschieht damit, wenn sie nicht mehr leuchten?

Eliasson: Dann müssen wir die wiederaufladbare Batterie natürlich wechseln. Die ist so gemacht, dass man die aufschrauben kann, und hoffentlich, falls ich 50 Millionen verkaufe, dann gibt es auch ein Vertriebsnetzwerk, was so was auch zulässt.

Und natürlich ist es wichtig, dass man die Lampe dann wiederverwenden kann. Oder wir planen so eine Art von Eintausch. Das heißt, man kann die alte Lampe gegen eine neue mit einem Mehrpreis dann wieder eintauschen und so weiter. Wir sind ja jetzt im Frühstart, und wir haben jetzt schon die ersten 30.000 geplant, wovon 15.000 in Simbabwe, Kenia und Äthiopien gebracht werden Anfang August. Und die nächsten 30.000 sind gerade auch in der Bestellung, und das läuft eigentlich jetzt schon fantastisch.

Karkowsky: Sie ist auch für jeden bestellbar, der zuhause einen Stromanschluss hat, über die Internetseite littlesun.com, ein echter Olafur Eliasson für 20 britische Pfund. Über sein jüngstes Kunstprojekt ab Samstag in der Tate Modern und von da aus dann in die ganze Welt, der Künstler selbst. Herr Eliasson, danke für das Gespräch!

Eliasson: Vielen Dank, Stephan, es war mir eine Freude!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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