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Lange Nacht / Archiv | Beitrag vom 09.01.2016

Eine Lange Nacht des Dylan ThomasLass uns niemals erwachsen werden

Von Kerstin Kilanowski

Dylan Thomas wurde am 27. Oktober 1914 in Swansea in Wales geboren. (imago stock & people)
Dylan Thomas wurde am 27. Oktober 1914 in Swansea in Wales geboren. (imago stock & people)

Ein Künstler, wie er im Buche steht. Schon mit 18 Jahren widmet sich Dylan Thomas mit großer Ernsthaftigkeit der Erschaffung einer Lyrik, wie man sie zuvor nicht gehört hatte. Schulabbrecher, gescheiterter Jungreporter, ohne Berufsausbildung - aber die literarische Welt Großbritanniens erkennt auf Anhieb das großartige Talent des unbekannten jungen Mannes aus der walisischen Provinz.

Bis heute gilt Dylan Thomas als einer der wichtigsten und anspruchsvollsten Lyriker des 20. Jahrhunderts. Seine schwer übersetzbaren Gedichte spielen mit metaphysischen Bildern aus der Natur, handeln von der Stellung des Menschen in einem unbegreiflichen Kosmos, der Vergänglichkeit von Liebe. Gewürzt mit prallem Humor sind dagegen seine Essays und Kurzgeschichten, die den absurdkomischen Alltag der kleinen Leute aus Südwales wiedergeben.

Da wimmelt es von griesgrämigen Kapitänen, religiösen Eiferern und tratschenden Dorfweibern. Über dem allzu menschlichen Miniatur-Welttheater schwebt die Meeresatmosphäre von Ebbe und Flut, voller Seevögel, die sich im brechenden Licht spiegeln. Das Hörspiel "Unter dem Milchwald" mit seinen über 60 Stimmen gehört zu den großen Klassikern der Radiokunst. An ein Leben zwischen Sauftouren in den Dorfkneipen und der stürmischen Ehe mit seiner ebenso unkonventionellen Frau Caitlin erinnern Dylan Thomas‘ Briefe und die Memoiren von Zeitgenossen.

Welche Spuren das literarische Werk bis heute hinterlassen hat, erfuhr die Autorin dieser Langen Nacht auch in spannenden Interviews: Die Enkelin von Dylan Thomas verwaltet den Nachlass ihres berühmten Großvaters; ein Bauer aus Thomas‘ Heimatdorf hat auf seinem Grundstück einen Poesiespaziergang angelegt; ein Pensionär verwandelte Thomas‘ Geburtshaus mit viel Liebe in ein lebendes Museum. Und Elke Heidenreich, Literaturkritikerin und Fan des walisischen Dichters, wirft mit großer Leidenschaft einen verständnisvollen Blick auf die Schattenseiten von Dylan Thomas.


Buchtipps, Links und Auszüge aus dem Manuskript der Sendung:

Dylan Thomas:

Ich kann nicht viel dazu sagen, was die Gedichte bedeuten. In einigen Fällen wusste ich es selber nicht. Ich hoffe, dass das nur für einige meiner ganz frühen veröffentlichten Gedichte zutrifft – explosive Blutausbrüche eines Jüngelchens, der in die Gestalt und den Klang von Worten verliebt ist. In den Tod, unbekannte Liebe und die Schatten auf seinem Kopfkissen."

Zwei Generationen später – Hannah Ellis ist eine zierliche, dunkelgelockte Frau Ende 30.
Sie lebt mit Ehemann und kleinem Sohn im englischen Northampton. 
Von ihrer verstorbenen Mutter Aeronwy hat sie die Aufgabe übernommen, sich um den literarischen Nachlass von Dylan Thomas zu kümmern. Der gefeierte Schriftsteller war Hannahs Großvater, der drei Kinder und eine psychisch zerbrochene Frau hinterließ.
Hannah Ellis wollte sich viele Jahre mit dem Werk ihres berühmten Vorfahren nicht beschäftigen. Die Gedichte zu kompliziert –die Familiengeschichte zu schmerzhaft.


Erst als ihre Mutter starb, begab sich Hannah in das Innere des Kosmos von Dylan Thomas.

Hannah Ellis:


Meine Mutter ist vor 5 Jahren gestorben und zur selben Zeit kam mein Sohn auf die Welt.
Ab da begann ich, mich mit seinem Werk zu beschäftigen.
Vielleicht fängt man am besten mit seinen bekanntesten Gedichten an wie "Fernhill"
oder "Geh nicht gelassen in die gute Nacht". Und nach und nach begibt man sich dann in die komplexere Dichtung. Auch wenn man nicht alles komplett versteht, wird man ihre Schönheit erkennen und was für ein sorgsamer Handwerker er war.
Eines meiner Lieblingsgedichte ist "Die Kraft, die durch die grüne Kapsel Blumen treibt".
Es gehört nicht zu seinen einfachsten Gedichten – aber es ist so komplex und so schön und handelt von Leben und Tod, von Schöpfungskraft und Zerstörung.
Zwei Drittel seiner Dichtung schrieb er als Jugendlicher vor seinem 20. Lebensjahr.
Er experimentierte, war auf der Suche nach seinem eigenen Stil, lernte über das Leben,
stellte sich all jene schwierigen Fragen über Dinge, die wir bis heute nicht verstehen,
in unserer Jugend aber verstehen wollen.
Er benutzte einmal ein positives Wort, kontrastierte es dann mit einem negativen Begriff.
In seiner späteren Dichtung hatte er wirklich seinen eigenen Stil entwickelt – die Art, wie die Wörter klangen, wie sie zusammengesetzt wurden.
Er hat seine Gedichte nicht eben mal kurz in der Kneipe runtergeschrieben.
Es hat ihn Jahre gekostet, sie zu vollenden.

Elke Heidenreich, Tom Krausz
Dylan Thomas
Waliser. Dichter. Trinker.
in englischer und deutscher Sprache.
2011 Knesebeck


Es ist eine kultivierte Hass-Liebe, die Dylan Thomas zu seiner Heimatstadt Swansea pflegt.
Oder auch gleich zu ganz Wales, dem Hinterhof Großbritanniens. 
Eine der Aficionadas von Dylan Thomas ist die Autorin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich. 
Sie hat zusammen mit dem Fotografen Tom Krausz ein melancholisches Foto-Text-Buch über Dylan Thomas veröffentlicht. In schwarz-weiß, denn farbig war es im Wales der 30er-Jahre nicht.
Und das ist es auch bis heute nicht. Elke Heidenreich, ein Kind des Ruhrgebiets, erinnert sich an Dylan Thomas‘ Elternhauses in Swansea, wie es bis vor wenigen Jahren ausschaute.
 Nummer 5, Cwmdonkin Drive, wo er innerhalb weniger Jahre zwei Drittel seiner Gedichte schrieb. 

Elke Heidenreich:

Sein Elternhaus ist ganz klein, im Hof stehen Kohleneimer – es war kläglich. Ich bin auch so kläglich aufgewachsen, ich kenne das, eine Gegend, die nach Kohlen riecht. Und ich habe zum ersten Mal seit meiner Kindheit in Wales täglich wieder große Kohlenautos rumfahren sehen. Ich kannte das gar nicht seit den 50er Jahren. Ich kann mir das vorstellen, diese Art Leben. Das prägt einen fürs ganze Leben. Es gibt immer zwei Sorten Menschen: Die 
eine Sorte schämt sich dafür, will das vergessen und nie wieder dahin zurück, will von diesen Wurzeln nichts wissen und ist froh, dass das vorbei ist. Und die andere Sorte( ...),– wissen, alles, was sie überhaupt an Kraft und Talent haben, kommt daraus. Ich bin heute noch gerührt, wenn ich sehe, wie ein Rentner Kaninchen auf seinem Balkon hält. Wir hatten Hühner auf dem Balkon, im zweiten Stock, die hatten Namen, kein Mensch konnte die essen, aber die brachten Eier.
Diese Armut, diese Enge, ist etwas, was man entweder hasst oder als Kraftquelle 
nimmt. Und er hat es immer geliebt, hat es nie als hässlich beschrieben. 
Ich glaube gar nicht, er hatte den vergoldenden Blick, es war einfach schön. 
Es war nah, eng, vertraut, man kannte einander, guckte sich in die Fenster, man half sich, beschimpfte sich. Die Anderen kriegten die Räusche mit, die Familienkräche, Beerdigungen, Hochzeiten. Alles war so nah aufeinander, keiner hatte viel Geld, man gehörte zusammen, es war so eine Einheit, es war eben Elend, aber eine Einheit. So elend war es gar nicht, der Vater war Lehrer, aber es war trotzdem klein, eng. Er hat nie nach den großen Villen geschielt, das hat ihn nicht interessiert. 

The Dylan Thomas Centre also hosts a range of events throughout the year, including the annual Dylan Thomas Festival during October and November. The Official Website

The Dylan Thomas Centre celebrates Dylan Thomas, Swansea's world famous poet. The building itself is managed by the University of Wales.

Zwei Drittel seiner Lyrik schrieb Dylan Thomas in seinem Elternhaus in Swansea.
Number five, Cwmdonkin Drive – ein schmales viktorianisches Reihenhaus auf einer 
Anhöhe mit Blick zur Hafenbucht. Das Haus existiert noch heute – aber hätte ein Privatmann sich vor ein paar Jahren nicht Dylan Thomas‘ Geburtshaus angenommen, wäre es mit Sicherheit inzwischen verfallen. 

Weder die Stadtverwaltung noch das walisische Kulturministerium zeigten Interesse, das Geburtshaus eines der bedeutendsten britischen Lyriker des 20.Jahrhunderts zu erhalten.
Der Mann, der aus einer Bruchbude ein Lebendes Museum machte, heißt Geoff Haden und ist pensionierter Bauingenieur. Wie viel Geld er in das heruntergekommene Haus investierte, mag er nicht erzählen. Und die Arbeitsstunden, besser gesagt die Monate und Jahre, die er verbrachte, um Cwmdonkin Drive number five originalgetreu zu restaurieren und einzurichten, lassen sich nicht nachrechnen.

Geoff Haden:
Auf Dylan Thomas stieß ich zum ersten Mal, als ich noch auf das Swansea Gymnasium ging. 
Ich kannte zwar seinen Namen, konnte damit aber nicht viel anfangen, außer, dass er ein
berühmter Dichter war.

15 Jahre später schenkte mir jemand eine Ausgabe seiner Kurzgeschichten "Porträt des Künstlers als junger Hund". Die Geschichten spielten alle in Swansea, an jenen Orten, wo ich selber ebenfalls als Kind gespielt hatte. Ich lebte nur eine halbe Meile vom Cwmdonkin Park entfernt. Seine Erlebnisse in diesem Park waren dieselben wie meine – aber er konnte das alles in prägnanten Sätzen zusammenfassen – und das weckte meine Erinnerungen. 
Ich begann mich für ihn zu interessieren. 
Später dann, anlässlich seines 50.Todestags im Jahr 2003, habe ich auf meiner Farm ein Freiluft-Theater eröffnet. Wir gaben "Unter dem Milchwald" und "Eine Kindheit in Wales", eine Geschichte über Dylans Leben. 
Zur selben Zeit wurde dieses Haus hier zwei Wochen lang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ebenfalls anlässlich seines 50.Todestags.
Ich dachte, ach das gucke ich mir mal an. Und ich war absolut entsetzt! Zu Hause sagte ich zu meiner Frau: "Der Zustand des Hauses ist einfach unglaublich. Dies ist also das Geburtshaus und für 23 Jahre das Zuhause des berühmtesten Menschen aus Wales. 
Es sieht aus wie eine miese Studentenunterkunft."
Und das war es auch zwanzig Jahre lang bis 2004.
So ein Haus, wenn du das als neuer Student in Swansea auf einer Liste mit zehn Unterkünften hast – dann steht dieses hier an letzter Stelle. Und du kannst nur hoffen, dass Nummer 9 zusagt. 
Viele ehemaligen Studenten, die hier später zurückgekommen sind, haben erzählt, dass es das kälteste Haus war, das sie jemals bewohnt haben. 
Sie können es heute kaum wiedererkennen. 

Der Bauingenieur und Dylan-Thomas-Fan Jeff Haden restaurierte das marode Geburtshaus vom Dach bis zu den Fundamenten. Wie man allerdings die Möblierung und Innenausstattung originalgetreu rekonstruieren sollte, war eine ungelöste Frage. Es gab nur ein einziges historisches Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Dylan Thomas‘ Vater an seinem Schreibtisch sitzt. Ein Aufruf in der lokalen Zeitung würde vielleicht zu Hinweisen führen über die typische Einrichtung eines bürgerlichen Haushalts Anfang des 20. Jahrhunderts. Was daraufhin passierte, war ein riesiger Glücksfall.

Jeff Haden:
Wir bekamen einen Telefonanruf: "Meine Großmutter hat bei der Familie Thomas als Hausmädchen gearbeitet ..." Wir trafen daraufhin Emely, sie ging gerade auf die 90 zu. 
Mit 15 begann sie im Haushalt der Thomasens zu arbeiten, Dylan war damals 16. 
Sie war dort fünf Jahre beschäftigt und konnte uns alles über das Haus erzählen, über die Farben, die Möblierung, den Alltag im Haushalt, sie hat sich an alles erinnert. 
Sie war damals dabei, als Dylan den größten Teil seines Werks schrieb, huschte durch die Gegend, während Dylan an seinen halb-pornografischen Gedichten schrieb. 
Sie hatte ein sehr gutes Verhältnis zu ihm, mochte die Witze, die er riss.
Einmal bat er seine Mutter, für Emely einen Pullover zu stricken, weil sie die selbe Größe wie er hatte. Die Mutter strickte Emely also einen Pulli, den sie wie einen Schatz hütete. 
Sie hat uns viele kleine Geschichten erzählt.
Einmal sagte ich zu ihr: "Da muss doch zwischen dir und Dylan was gelaufen sein."
Und sie antwortete: "Das erzähle ich niemanden und auch dir nicht."
Es war großartig. Als Emely auftauchte, passte einfach alles zusammen und wir waren zuversichtlich, das Jahr 1914 wieder zum Leben erwecken zu können. 
Das gesamte Mobiliar stammt aus einem Umkreis von 20 Meilen, von Auktionen, Wohnungsauflösungen, aus Secondhand-Läden. 

Deutschsprachige Website zu Leben und Werk von Dylan Thomas

Dylan Thomas
Die Liebesbriefe
Aus d. Engl. v. Margit Peterfy. Mitarbeit: Heidenreich, Elke
2008 Fischer 

Einem regelmäßigen Brotjob sind weder Dylan Thomas noch seine zukünftige Ehefrau Caitlin bisher nachgegangen. 
Sie hat mit ihren Ambitionen als Revue-Tänzerin ein paar kleine Engagements in London und Paris hinter sich. 
Er erregt einige Aufmerksamkeit mit seinen schmalen Gedichtbänden. 
Geld bringen sie allerdings kaum ein.
Ein lukrativer Auftrag, den er als 23-Jähriger bekommt, wird nicht realisiert.
"Welsh Journey" sollte ein persönlich geschriebenes Reisetagebuch werden, das den Dichter durch unbekannte Gegenden von Wales führt - zu Fuß, mit Bus oder Bahn. 
Dylan Thomas bricht diese Recherche-Reise nach wenigen Tagen ab und vertröstet den Verleger auf den Sankt Nimmerleinstag. Aus dem Reisetagebuch durch Wales wird nichts.
Den Vorschuss von damals stolzen 25 britischen Pfund hat der Autor bereits ausgegeben.
Ein Jahr nach dem denkwürdigen ersten Treffen heiraten Dylan und Caitlin. 
Die Braut im blauen Baumwollkleid, der frisch gebackene Ehemann in Cordhose und Tweedjacke. Pläne machen, eine Zukunft bauen, gilt nicht. Nur der Augenblick zählt.

Lieber Vernon,
"Die Neuigkeiten von meiner Seite sind sehr einfach und sehr großartig.
Ich habe vor drei Tagen geheiratet. Caitlin Mcnamara. Am Standesamt von Penzance. 
Ohne Geld, ohne Aussicht auf Geld, ohne andere Freunde oder Verwandten - und in vollkommenem Glück.
Wir sind seit dem ersten Tag, an dem wir uns trafen, für einander bestimmt.
Auf immer,
Dein Dylan

Kritiker haben den Schriftsteller später als chronisch verantwortungslos und chaotisch 
bezeichnet, Zeit seines Lebens ein kindischer Traumtänzer. 
Elke Heidenreich sieht das anders:

Elke Heidenreich:
Eine Geschichte, er sitzt in der Schule, ist 12. langweilt sich, steht auf: Ich gehe nach Hause, to my poetry. Mit zwölf! Man gibt diesem Jungen Wörter und er kann alles. Er hat sehr früh gewusst, was er kann und hat daran gefeilt und gearbeitet ... Er war übrigens in allen Dingen des Lebens schlampig, schlampig mit Geld, Terminen, mit seinen Klamotten. Er war nicht zuverlässig, wenn er bei Freunden wohnte, klaute er die Nähmaschine, versetzte sie, um weiter zu saufen zu können. Aber er war GANZ gründlich mit seinen Worten und seinem Werk und es gibt diesen berühmten Satz von ihm: 
Es gibt nur eine Stellung für den Künstler: aufrecht!
In der Kunst gibt es keine einzige Lüge, keinen Trick, nichts – dafür bewundere ich ihn und dafür verzeiht man ihm, wenn man großherzig denkt, viel anderes. 
Wenn er meine Nähmaschine geklaut hätte ... doch, wenn ich dann gesehen hätte, was er daraus macht, aus dem Rausch, dem Gedicht, dann hätte ich gedacht, es ist die Nähmaschine wert. Ich glaube, seine Freunde dachten auch so, denn sie blieben alle seine Freunde. 
Und auch seine Frau blieb ein Leben lang bei mir, obwohl es sehr, sehr schwierig war, mit ihm zu leben.
Ich glaube, er war ein guter Mensch, aber unfähig in den bürgerlichen Alltagsdingen. 
Das ist bei vielen Künstlern so. Ich kenne solche Leute. Und ich bewundere sie, denn alles das, was uns immer wieder zwingt, "ich muss Weihnachten zur Mutter", und "ich muss die Gardinen waschen und die Blumenkästen in den Keller bringen" – Scheiß drauf. Wichtig ist, ich muss was Gescheites in meinem Leben hinterlassen. Nicht eine aufgeräumte Wohnung, sondern ein paar gute Geschichten oder eine gute Musik oder ein gutes Bild oder Freundschaften erhalten. Aber ich muss bestimmt nicht so funktionieren, wie man es von mir erwartet. Und er ist einer, der das bis zum Exzess gelebt hat, der DT. Und natürlich ist das kein gutes Vorbild für eine gute Ehe, für einen Vater, für einen Ehemann. Aber sie haben ihn – auch wenn sie an ihm gelitten haben – gesehen, es entstand etwas daraus. Zwar auf ihren Knochen und ihre Kosten, aber es war was, was Bestand hat bis heute. 

Caitlin: wife and muse of Dylan Thomas, Every poem, one way or another, is about love – and every poet needs a muse. Dylan Thomas was no exception

Seit Anfang der vierziger Jahre ist Dylan Thomas regelmäßig für die BBC tätig. 
Es kommen gut dotierte Aufträge rein – unter anderem Drehbücher für Propagandafilme gegen Nazi-Deutschland. 
Der gefragte Autor zieht wieder nach London, um in der Nähe seines Auftraggebers zu sein.
Wie in jungen Jahren wirft er sich ein weiteres Mal Hals über Kopf in die sogenannte Bohème-Szene in Fitzrovia und Chelsea, dreht exaltierte Kneipenrunden, bei denen er das Geld zum Fenster rauswirft. Diverse Liebschaften pflastern seinen Weg.
Seiner Ehe tut das nicht gut. 
Allein in Wales zu sitzen, während Dylan sich in der Hauptstadt mit anderen Frauen die Zeit vertreibt und die Honorare vertrinkt - Caitlin hatte sich ihr Leben einmal anders vorgestellt. Mitten im Krieg, während England von den Deutschen bombardiert wird, zieht sie ihrem Mann nach London hinterher.
Im März 1943 bringt sie ihr zweites Kind, die Tochter Aeronwy während eines Luftangriffs in einer Londoner Klinik zur Welt. Jahrzehnte später schreibt Caitlin in ihren autobiografischen Erinnerungen voller Bitterkeit über jene Zeit:

Caitlin, aus: Mein Leben mit Dylan Thomas:
Dylan besuchte mich im Krankenhaus erst eine Woche, nachdem das Baby zur Welt gekommen war. Es war für mich sehr peinlich, weil er den Mütterbesuchstag verpasst hatte.
Ich war die einzige Frau dort, die keinen Mann vorführen konnte.
Ich war darüber sehr unglücklich. Als Dylan dann schließlich eine Woche später erschien, kam er herein geschlurft und trug einen alten Morgenrock, der offensichtlich nicht sein eigener war, und Schlafzimmerpantoffeln: er war unrasiert, und seine Haare waren zerwühlt. Er sah völlig verwahrlost aus. Dylan hatte eine höllische Woche voller Ausschweifungen durchgemacht, während ich in den Wehen lag. Ich kann mich an meine Worte nicht mehr erinnern, aber bestimmt habe ich ihn ausgeschimpft und gefragt, wo in aller Welt er gesteckt habe. Er schien kaum Anteil daran zu nehmen, weder an mir noch an dem Baby.
Dylan holte mich nicht ab, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Ich betrat mit meiner Tochter Aeron auf dem Arm unser Zimmer, und es gab keinen Platz, wo ich sie hätte hinlegen können. Nie zuvor hatte ich einen Ort in einem solch verheerenden Zustand gesehen. Aeronwy war in weiße Babysachen eingewickelt und so hübsch, dass ich in all dem Schmutz nicht wusste, wohin mit ihr.
Überall standen leere Bierflaschen und schmutziges Geschirr herum, Zigarettenkippen waren über den Teppich verstreut, alte Zeitungen hierhin und dorthin geworfen. 
Ich musste nur einen Blick auf unser zerwühltes Bett werfen, um zu wissen, dass Dylan, während ich im Krankenhaus war, eine andere Frau mit nach Hause genommen hatte.


Dylan Thomas Boathouse. Even if the poet, writer and broadcaster Dylan Thomas (1914-1953) hadn't lived at the Boathouse in Laugharne for the last four years of his tragically short life, it is a truly remarkable place to visit.

The Dylan Thomas Walk, created by Bob Stevens

Auch in Laugharne hat ein Mann der Tat sich des literarischen Erbes von Dylan Thomas angenommen. 

Bob Stevens ist Farmer und Bürgermeister des Dorfes.
Auf seinen Ländereien hat der 67-Jährige einen "Geburtstagsspaziergang" angelegt, der sich auf Gedicht "Poem in October" bezieht.

Dylan Thomas schrieb es anlässlich seines 30. Geburtstags an sich selbst. 
Nun führt Bob Stevens die Besucher von Laugharne von Strophe zu Strophe zu verschiedenen Stationen. Man wandert über Hügel, zwischen schattigen Waldstücken, bis der Weg hoch über der immer breiter werdenden Flussmündung endet. 
Das Meer ist nicht mehr weit. 
Liebevoll gestaltete illustrierte Tafeln mit Auszügen aus dem Gedicht und historischen Fotos machen das "Poem in October" sinnlich erfahrbar. 

Bob Stevens:
Ich habe einige seiner Gedichte gelesen, auch wenn ich mit Literatur nicht viel zu tun habe. 
Und da bin ich auf "Gedicht im Oktober" gestoßen – ich habe selber im Oktober Geburtstag. 
Ich las das also und sagte mir: " Ich weiß, wo das ist! Das ist ein Teil meiner Farm!!" 
Ich erkenne wieder, worüber er spricht. Einige seiner Gedichte sind so schwierig, dass es über meinen Verstand geht. Aber dieses hier war so schön und schlicht. Ich dachte, das überprüfe ich mal. Damals lebte Dylans Tochter Aeronwy noch. Wir gingen zusammen spazieren und sie erzählte mir, dass sie als Kind an seiner Hand hier entlang gegangen war. Genau auf diesem Spazierweg war das Gedicht angesiedelt. ( ...) Dadurch kam ich auf die Idee, dass es schön wäre, wenn andere Menschen ebenfalls daran Freude haben könnten, seine Gedichte zu lesen und zugleich darin spazieren zu gehen. Meine Tochter war damals 9 Jahre alt, wir saßen auf der anderen Seite von Sir John's Hill, und ich werde nie vergessen, wie sie zu mir sagte: "Wieso willst du hier andere Leute hinbringen ? 
Das ist doch unser kleiner Ort."
 Ich musste also abwägen: will ich das für mich allein haben oder soll ich es mit anderen Menschen teilen. 

Reisebericht: Die Poesie von Wales: Elke Heidenreich auf Dylan Thomas' Spuren 


Dylan wurde in Laugharne beerdigt, auf einer Anhöhe mit Blick auf das Dorf. 
Es ist ein kleines, grasbewachsenes Grab mit weißem Holzkreuz, auf dem nichts weiter als Name, Geburts- und Todesdatum steht. 
Ohne marmorne Engelsstatuen oder pompöse Inschriften.
In der "Dichterecke" von Westminster Abbey - zwischen Lord Byron und George Eliot-
 wird er mit einem Gedenkstein geehrt. Darauf zwei Zeilen aus seinem Gedicht
"Fern Hill”. Eine melancholische Hymne an seine Kindheit in Wales. 

"Time held me green and dying
Though I sang in my chains like the sea."

"Die Zeit hielt mich grün und sterbend,
Ob ich doch sang wie das Meer in meinen Ketten."


Dylan Thomas's daughter: ‘I still get angry with the self-destruction of my father'
As the daughter of iconic Welsh poet Dylan Thomas, Aeronwy's childhood was overshadowed by his roisterous behaviour and her parents' fiery relationship. Here, in her final interview before her death last month, she recalls her father's unruly life and reveals to Louette Harding why, despite her feelings, she dedicated herself to keeping his legacy alive.


Aeronwy Thomas
My Father's Places: 
A Memoir by Dylan Thomas' Daughter
E-Book
2009 Constable & Robinson
When Aeronwy was six, her parents Dylan and Caitlin Thomas moved to the boathouse at the edge of the small Welsh village Laugharne. Through a child's eye, she recalls the chaos and joy of living with Dylan Thomas while the poet was at the height of his creative powers, composing Under Milk Wood. Through a series of beautifully evocative episodes, village and family life are explored. Emerging from the narrative, Aeronwy tells a moving memoir of growing up in Wales in the 1940s and a new portrait of Dylan Thomas as a father from the only person who could tell that story. This literary sensation includes never-before-seen photos of Dylan Thomas and his family, will get widespread attention, and features personalities like Augustus John, A.J.P. Taylor, as well as the villagers who would eventually be transformed into the characters from Llareggub.

Dylan Thomas's granddaughter, Hannah Ellis: 'I won't let my family be defined by lurid stories'

Hannah Ellis, die Enkelin von Dylan und Caitlin, weiß um diese tiefe Verbindung zu seiner walisischen Heimat. 
Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies der Kindheit. 
Nach einer Zeit, die nicht zurückgeholt werden kann. 
Vielleicht hatte sich Dylan in seinem kurzen Leben gerade deshalb etwas Kindliches bewahrt,
davon ist Elke Heidenreich überzeugt.

Elke Heidenreich: 
Ich glaube, was er erlebt hat in seiner Kindheit, in dieser engen Straße in Cwmdonkin Drive, in Swansea, das hat er auch immer in den Geschichten geschrieben. Das hat ihn für sein ganzes Leben geprägt, weil alle menschlichen Leidenschaften, Abgründe und Fehler, aber auch Glück, so nah beieinander lagen wie später im Leben nie wieder. 
Das Kind hat das alles gesehen und gespeichert. 
Daraus wurden seine Wortkaskaden und seine Gedichte. 
Das war für ihn eine Zauberatmosphäre, andere Kinder gehen bei sowas vielleicht kaputt.
"Der Ball, den ich geworfen habe." Da hat er selber zugegeben, ich bin immer noch ein Kind, ich spiele noch, der Ball ist noch in der Luft , ich gucke ihm noch nach. Ich bin noch gar nicht verwurzelt oder gesettelt. Oder "When I was young ..." Ist das nicht schön?"
"Als ich jung war und grün unter den Apfelzweigen" – und so ist er immer geblieben. 
Er ist immer das Kind, das unter den Apfelbäumen liegt und träumt.

Auch die Nachgeborenen zieht es Generation um Generation immer wieder nach Laugharne zurück. Als hätte sich Dylan Thomas‘ poetischer Blick auf diesen bescheidenen Ort in die Gene der Nachfahren eingeschrieben. Die Tochter Aeronwy schrieb ein Prosagedicht über
ihre Kindheit in Laugharne. 

Aeronwy Thomas:
" ...die Namen kommen zurück gepurzelt ... Und wer könnte vergessen, wie wir
bei Ebbe das schlammige Ufer runter schlidderten, hinein in die Rinnsale, 
zurückgelassen vom schwindenden Wasser ...
Oder den Klippenweg entlang rannten und vor dem Schreibschuppen meines Vaters
herum lärmten. Die Erinnerungen rasen rückwärts ... 
Und die Spannung, durch das Schlüsselloch zu gucken
und meinem Vater zuzuschauen, wie er Gedichte schreibt über Möwen, Hügel und
Kormorane und die Flussmündung.
Wie er durch sein Panoramafenster sah, dort gebeugt saß, mit Krabbenschrift schrieb,
sich gegen den harten Küchentisch drückte, der sein Schreibtisch war ...
Wir waren arm in jenen Tagen – Obwohl ich mich nicht entsinnen kann,
in Laugharne arm gewesen zu sein. In jenen sanften, unvergesslichen Tagen,
grün und golden ...

Auch für Hannah Ellis, Aeronwys Tochter und Enkelin von Dylan und Caitlin ist Laugharne zu einem Fixpunkt in ihrem Leben geworden.

Hannah Ellis:
Ich komme schon mein ganzes Leben lang nach Laugharne und Swansea. 
Die Asche meiner Mutter ist beim Bootshaus verstreut. 
Ein Zitat meiner Mutter ist: "Seltsam, ich merke, wie ich immer wieder hierhin zurück komme." Wir haben es beim Bootshaus auf einer Bank angebracht.
Die Thomas-Familie hat dort gelebt, meine Mutter kam mit ihren Kindern dorthin, und nun bringe ich meinen Sohn mit. Meine Großmutter Caitlin konnte unglaublich gut schwimmen. 
Auch für sie war das Meer sehr wichtig. Meine Mutter liebte das Meer, ich liebe das Meer – und ich habe sehr glückliche Erinnerungen. Wir haben hier mal einen ganzen Sommer verbracht, als ich elf Jahre war. Wir sind zu den vielen Stränden auf die Halbinsel Gower gefahren – und ich habe eine ganz starke Erinnerung daran, wie ich in die Wellen gesprungen bin. Es war eiskalt, die Britischen Sommer sind nie besonders ... 
Es regnete, es war kalt, das Meer war voller Quallen – und wir sprangen rein!
Ich war so glücklich – es war wunderbar. Und ich sehe, wie sehr mein Sohn das Meer mag.

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