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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.03.2010

Eine Kulturgeschichte der Gewalt

Ausstellung "Verbrechen und Strafe" im Musée d'Orsay in Paris

Von Siegfried Forster

Eine Guillotine steht im Hof eines Pariser Gefängnisses, 1946 (AP Archiv)
Eine Guillotine steht im Hof eines Pariser Gefängnisses, 1946 (AP Archiv)

Die Welt des Verbrechens und der Strafen faszinierte die Künstler und inspirierte die Maler: von Goya über Géricault bis Picasso und Magritte. Die Ausstellung deckt zwei Jahrhunderte Kunstgeschichte ab und macht die Ästhetik der Gewalt und die Gewalt der Ästhetik sichtbar – in Bildern, Literatur und Musik.

Alle Wege führen zum Schafott. Wie die Lämmer zur Schlachtbank werden die Besucher in der Ausstellung zur Guillotine geführt. Drei Meter hoch ragt das Holzgestell in den Raum hinein. Die Klinge hat im Namen der Französischen Republik noch bis 1977 Menschen den Kopf abgeschnitten. 1981 hat Frankreich die Todesstrafe abgeschafft. 30 Jahre später firmiert die Guillotine mit einem schwarzen Schleier bekleidet erstmals in einer Kunstausstellung, konzipiert von Jean Clair:

"Das ist auch eine Ausstellung, die wir gemacht haben, um damit auf heutige zeitgenössische Fragen zu antworten. Sowohl was den Status des Verbrechers anbetrifft, als auch des Verbrechens. Immer mehr Verbrechen sollen aus medizinischer Sicht beurteilt werden. Es sind Gesetze in Vorbereitung, die Menschen in Gefährlichkeitskategorien einteilen sollen. Als ob man bei Menschen ab der Geburt einen Grad an Gefährlichkeit messen könnte und sie anschließend in eine anthropomorphische Datei steckt."

Am Anfang führen uns große Ölgemälde in "Die Vertreibung aus dem Paradies" von Alexandre Cabanel, Zeichnungen in die Hölle der gesteinigten "Gotteslästerer" von William Blake oder zur unbarmherzigen "Bestrafung der Diebe" bei Johann Heinrich Füssli. Über allem thront in der Schau eine Tafel mit dem Sechsten Gebot: "Du sollst nicht töten." Versehen mit dem Zusatz: "Die Ur-Verbrechen, welche die Menschheit erschaffen haben: Kindermord, Vatermord, Brudermord, Königsmord, Göttermord, Völkermord." Was bedeutet das? Ohne Verbrechen keine Menschheit?

"Nein, aber ob man will oder nicht, die Zivilisation wurde auf dem Boden bestimmter Verbrechen gegründet. Verbrechen, die am Beginn der ganz großen Menschheitszivilisationen stehen und am Beginn der großen Verbote und Gesetze. Das erste Verbrechen beging Kronos, der Vater der Götter, der seine Kinder fraß aus Angst, von ihnen entmachtet zu werden. Anschließend haben sie Ödipus, der seinen Vater ermordete. In der Bibel ist der erste Mörder auf der Erde Kain, der seinen Bruder Abel erschlägt und anschließend haben sie alle möglichen Variationen."

Auf Verbrechen folgt Strafe. Théodore Géricault malt opulente Stilleben mit abgehackten Armen und Beinen. Antoine Wiertz studiert einen abgeschnittenen Kopf auf raschelndem Stroh. Rodin modelliert "Die Bürger von Calais", die sich freiwillig opfern wollen. Diderot philosophiert: "Was soll daran unmenschlich sein, einen Bösen zu sezieren?" Dostojewski erwidert in "Die Brüder Karamasow": "Wenn der Richter gerecht wäre, vielleicht wäre der Verbrecher dann nicht kriminell."

""Ich glaube nicht, dass die Maler dazu da sind, um etwas zu rechtfertigen oder anzuklagen. Nein, der Maler ist da, um eine Zeugenschaft abzulegen, von dem, was er sieht, was er mit seinem Kunstwerk ausdrücken kann. Man sollte auch nicht unterschätzen, dass der Maler vom Verbrechen fasziniert ist. Auch wenn das schockierend klingt, aber das Verbrechen ist eines der auserwählten Themen der abendländischen Malerei."

Schuld und Sühne folgen dabei in der kunstgeschichtlichen Darstellung auch modischen zeitgeschichtlichen Strömungen, die in der Ausstellung als Kategorien dargestellt werden: Ganoven, romantische Verbrecher, Femmes fatale, Hexen, Sexualverbrecher.

"Beispielsweise 'Die Gauner'. Das ist eine sehr spezielle Figur des romantischen Kriminellen, die gegen 1800 auftaucht und 1840 wieder verschwindet. Die 'Femme fatale' ist ebenfalls eine sehr spezielle Figur der Kriminalität, die mit den neoromantischen und klassischen Figuren rund um Füssli und Opernfiguren wie Lady Macbeth entstehen, oder Kriemhilde in den Nibelungen. Das ist immer sehr stark an die Sensibilität einer Epoche gebunden."

Edgar Degas versieht seine "Tänzerin" mit Gesichtszügen, die von der damaligen Pseudowissenschaft als Ausdruck der Unmoral angesehen wurden. Revolutionär Gustave Courbet geht für seine sexuelle Freizügigkeit ins Gefängnis und malt sich mit Hut und Pfeife hinter Gitterstäben. Honoré Daumier karikiert die Arroganz der Justizwelt. Käthe Kollwitz thematisiert Vergewaltigung, Picasso Mord und Totschlag.

"Nicht der Blick ändert sich, sondern die Art und Weise es zu sagen, es aufzuschreiben, es mitzuteilen. Der Stil ändert sich. Aber die Faszination ist immer die gleiche: egal, ob bei David, bei Victor Hugo oder bei Picasso, es ist immer die gleiche Faszination für die Gewalt und das Blut. Auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck gebracht."

Wenn Otto Dix sich beim Blick auf einen nackten Frauenhintern ertappt, dann ist er meilenweit von André Bréton entfernt. Der Surrealistenpapst schwärmte damals davon, die einfachste surrealistische Geste sei es, auf die Straße zu gehen und wahllos in die Menge zu schießen:

"In der deutschen Malerei der Neuen Sachlichkeit in den 20er-Jahren treffen sie auf einen Willen, den Zustand der Gesellschaft darzustellen: eine kranke Gesellschaft, die in vielerlei Hinsicht kriminell ist. Während zur gleichen Zeit in Frankreich bei den Surrealisten eine Art Verherrlichung des Verbrechens aufkam, die äußerst erstaunlich ist. Die Surrealisten lieben die Verbrecher, vor allem die Verbrecherinnen. Sie lieben die Gewalt, sie lieben Extremsituationen. Eine avantgardistische Malerei in Frankreich, die entzückt ist über die gewalttätigsten Aspekte der damaligen Epoche."

Fast alle Künstler beschäftigen sich mit dem Thema Verbrechen und Strafe, aber das absolute Meisterwerk gibt es dazu nicht, kommentiert Ausstellungsleiter Jean Clair:

"Ich war erstaunt über die Anzahl der Werke, die mit diesem Thema zu tun haben. Das sind keine außergewöhnlichen Werke, sondern das sind Abertausende, es gibt enorm viele. Es geht nicht um das eine oder andere Werk, sondern es ist die Vielzahl, die erstaunlich ist."

Service:
Die Ausstellung "Schuld und Sühne" ist noch bis zum 27. Juni 2010 im Musée d'Orsay zu sehen.

Kulturpresseschau

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