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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.03.2011

Eine ironisch-melancholische Erinnerung

Colson Whitehead: "Der letzte Sommer auf Long Island", Carl Hanser Verlag, 336 Seiten

Colson Whitehead besucht den Bücherfrühling auf der Leipziger Buchmesse
Colson Whitehead besucht den Bücherfrühling auf der Leipziger Buchmesse (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Mitte der 80er-Jahre, ein Naherholungsgebiet bei New York und eine Familie wie aus der Bill-Cosby-Show: Colson Whitehead schildert den Kosmos schwarzer Mittelschicht-Kids, die in Strandhäusern herumgammeln, Hip Hop hören und mit der Pubertät ringen.

Ben Cooper ist 15 und leidet darunter, dass er immer noch "Benji" gerufen wird. "Doc Puberty" hat ihn fest im Griff, sein Hormonhaushalt spielt verrückt, und er leidet unter "chronischer Tölpelhaftigkeit": darunter, zu schüchtern zu sein, um auf der "Rollschuhdiscoparty" oder in der Eisdiele, in der er während der Ferien jobbt, ein Mädchen anzusprechen.

Wir schreiben das Jahr 1985, und ein Teenager verbringt bei Horrorfilmen, nicht ungefährlichen Spielereien mit der Luftdruckpistole und der Musik von Run-D.M.C. die Sommermonate in der Sag Harbor Bay - auf jener Seite des New Yorker Naherholungsgebiets Long Island, die den Schwarzen vorbehalten ist. In den Hamptons leben die Weißen und am Azurest Beach in einer Enklave die Schwarzen.

Und dort auch nur die, die es geschafft haben und zu einigem Wohlstand gekommen sind. Bens Mutter ist Justitiarin bei einem Nahrungsmittelkonzern, sein Vater Arzt, die gesamte Familie samt jüngerem Bruder und älterer Schwester mehr oder minder genau so wie die in der Bill-Cosby-Show im Fernsehen.

Nein, Colson Whitehead hat kein weiteres Buch über Rassentrennung und -diskriminierung geschrieben. Vielmehr eine ironisch-melancholische Erinnerung an die halkyonischen Tage der Jugend, die man in der Sommerstille beim Grillen mit den Eltern oder bei sturmfreier Bude mit den Freunden verbrachte. Am Horizont dämmert schon das Erwachsenendasein, aber momentan hindert einen noch die Zahnspange am ersehnten ersten Kuss. Außerdem ist es äußerst wichtig, die vertrackte Choreografie des gerade angesagten coolen Grußes per Handschlag zu beherrschen.

Die Atmosphäre jener Zeit zu evozieren gelingt Whitehead meisterhaft. Er erzählt im Rückblick von dem Kosmos schwarzer Mittelschicht-Kids, die in Strandhäusern herumgammeln, Hip Hop hören und sich selbst "Nigger" nennen: "Und was für spießige, angepasste Neger waren wir, mit BMW in der Einfahrt (Black Man’s Wagon, falls Sie’s noch nicht gewusst haben) und Privatschulen, in denen man uns beibrachte, mit Messer und Gabel zu essen und auf gute Aussprache zu achten?"

Mit dem von Whitehead so genannten "großen Narrativ der schwarzen Pathologie", mit Politik und Emanzipationsbewegung haben diese Jungen und Mädchen wenig bis gar nichts am Hut. Wenn ihre Eltern sich brüsten, 1963 bei Martin Luther Kings "Marsch auf Washington" mit dabei gewesen zu sein, ruft das bei deren Kindern nur ein Schulterzucken hervor. Ihnen geht es um eine Identitätsfindung abseits der "Berühmten Schwarzen Männer".

Ungemein sinnlich in der Beschreibung der Details, vermag Colson Whitehead die "crap culture" der 80er-Jahre zu neuem Leben zu erwecken. Dieser kongenial übersetzte Roman (dessen deutscher Version man es sofort nachsieht, dass darin einmal von einem gewissen "Jason Pollock" die Rede ist) überzeugt vor allem dadurch, dass er nichts nostalgisch verklärt. Von den "’Ich-weiß-noch-wie’-lern mit ihrem muffigen Katalog von längst Vergangenem" ist Colson Whitehead meilenweit entfernt. Er macht auf grandiose Weise Paradies und Hölle seiner Kindheit erfahrbar und lässt uns Leser sich in seinem Ben wieder erkennen.

Besprochen von Knut Cordsen

Colson Whitehead: Der letzte Sommer auf Long Island
Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl
Carl Hanser Verlag
336 Seiten, 21,90 Euro

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Bücherfrühling 2011 <br> Autoren stellten auf der Buchmesse ihre Neuerscheinungen vor

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