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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 19.01.2012

Eine Hausfrauenehe ist so teuer wie ein Eigenheim

Warum das Ehegattensplitting nicht mehr zeitgemäß ist

Von Simone Schmollack

Putzen, kochen, Kinder hüten - soll der Staat die Hausfrauenehe weiter subventionieren? (picture alliance / dpa /  Vojtech Vlk)
Putzen, kochen, Kinder hüten - soll der Staat die Hausfrauenehe weiter subventionieren? (picture alliance / dpa / Vojtech Vlk)

Über eine halbe Million Euro kostet eine Frau, die sich vor allem um Heim, Herd und Hund kümmert, den Steuerzahler - dank des Ehegattensplittings und anderer Vergünstigungen. Statt das Hausfrauenmodell weiter zu finanzieren, sollte der Staat mehr in Kitas und Bildung investieren, meint Simone Schmollack.

Für den Mann ist sie billig, für die Gesellschaft aber teuer: die Hausfrauenehe. Über eine halbe Million Euro kostet eine Frau, die sich vor allem um Heim, Herd und Hund kümmert. Bezahlen müssen das all jene, die jeden Morgen ins Büro, in die Fabrik oder auf die Pflegestation hetzen: Vollzeit tätige Frauen und Männer, darunter auch prekär Beschäftigte und Alleinerziehende, die selbst jeden Cent umdrehen müssen.

Über eine halbe Million Euro - so kostenintensiv wie ein luxuriöses Eigenheim. Wie kommt diese enorme Summe eigentlich zustande?

Zum Beispiel durch das Ehegattensplitting. Wenn der Mann 5000 Euro im Monat verdient, spart er für diese Zeit fast 500 Euro Steuern. In 30 Ehejahren sind das über 170.000 Euro. Das hat die Finanzberaterin Heide Härtel-Herrmann ausgerechnet. Sie hat auch herausgefunden, wie viel die Gesellschaft dafür zahlt, dass Hausfrauen in der Krankenkasse ihres Gatten kostenlos mitversichert sind: Für die besagte 30-jährige Ehe sind das 46.000 Euro.

Und dann ist da noch die Witwenrente. Dafür muss die Rentenversicherung schnell mal 300.000 Euro für eine Frau berappen, die selbst nie etwas in die Rentenkasse eingezahlt hat. Und jetzt könnten Frauen, die gar nicht oder nur wenig gearbeitet haben, auch noch von der sogenannten Zuschussrente profitieren, die Arbeitsministerin Ursula von der Leyen plant. Bezahlen müssen das ebenfalls die Steuerzahler.

Das alles ist ungerecht. Und es wird nicht besser mit dem gern und oft herangezogenen Argument, dass die Hausfrauen doch die Kinder großziehen. Denn fast die Hälfte aller Ehepaare, die vom Modell des männlichen Alleinverdieners profitieren, hat gar keine Kinder. Nur eine Einschränkung muss gemacht werden, nämlich dann, wenn in Familien behinderte Kinder oder andere Angehörige rund um die Uhr gepflegt werden müssen.

Warum wurde das nicht längst geändert? Vorschläge gibt es nämlich reichlich. Alle Oppositionsparteien plädieren dafür, das Ehegattensplitting zu reformieren. In Frankreich beispielsweise werden Menschen mit Kindern steuerlich entlastet - egal ob die Eltern miteinander verheiratet sind oder nicht.

Deutschland ist eines der letzten Länder in Europa, das noch am Ehegattensplitting festhält. Warum? Weil es über Gesetzesänderungen nach wie vor mehr Männer als Frauen entscheiden. Und viele ältere Männer haben gar kein Interesse daran, dass ihre Frau arbeitet. Es ist ja ganz praktisch, wenn zu Hause immer alles schön sauber ist und das Essen pünktlich auf dem Tisch steht.

Die Sache hat nur einen Haken – für die Frauen. Und zwar dann, wenn die Beziehung in die Brüche geht. Jede dritte Ehe wird heute geschieden, die Lebensgemeinschaften dauern auch nicht mehr so lange wie früher. Und dann trägt in der Regel die Frau die Kosten dafür, dass sie ihrem Mann vorher jahrelang den Rücken frei gehalten hat: Sie hat schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt und eine miese Rente.

Es ist aberwitzig: Noch nie war eine Frauengeneration so gut ausgebildet wie heute und noch nie war sie auf dem Arbeitsmarkt so gefragt wie jetzt. Allerorten wird über den Fachkräftemangel geklagt, aber die weiblichen Fachkräfte hocken zu Hause.

Wie ändert man das? Eigentlich ganz einfach: weg mit den unzeitgemäßen Subventionen. Statt das Hausfrauenmodell weiter zu finanzieren, sollte der Staat mehr in Kindertagesstätten, Ganztagsschulen und Bildung investieren. Davon haben alle etwas: Kinder, Frauen und – ja - auch Männer.

Übrigens: Ein Studium kostet durchschnittlich 30.000 Euro. Das zahlt zunächst einmal der Staat. Aber er hofft darauf, dieses Geld zurückzubekommen, später, wenn aus den Studierenden Steuerzahler geworden sind. Eine Hausfrau mit Hochschulabschluss indes zahlt keinen einzigen Cent zurück. Wie wäre es denn, wenn alle Männer, die gern eine Hausfrau möchten, die 30.000 Euro direkt ans Finanzamt überweisen?

Simone Schmollack (Dietl)Simone Schmollack (Dietl)Simone Schmollack, geboren 1964 in Berlin, ist Redakteurin bei der "Tageszeitung" in Berlin und Autorin zahlreicher Bücher, darunter "Kuckuckskinder. Kuckuckseltern", "Deutsch-deutsche Beziehungen. Liebe zwischen Ost und West" und "Damals nach der DDR. Geschichten von Abschied und Aufbruch". Sie beschäftigt sich vor allem mit Themen an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Privatheit. Sie studierte Germanistik, Slawistik und Journalistik in Leipzig, Berlin und Smolensk.


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