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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.06.2009

Eine göttliche Spritztour

William Paul Young: "Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott", Ullstein Verlag, Berlin 2009, 302 Seiten

Jesus am Kreuz: Nach scheinbar sinnlosem Tod kommen auch Gläubige ins Zweifeln.
Jesus am Kreuz: Nach scheinbar sinnlosem Tod kommen auch Gläubige ins Zweifeln. (Stock.XCHNG / Robert Aichinger)

Nachdem seine Tochter entführt und ermordet wird, fällt Familienvater Mackenzie in Depressionen. Bis er eines Tages einen Zettel im Briefkasten findet: Gott möchte ihn sehen, in einer Berghütte in Oregon. Obwohl er es für einen Trick des Mörders hält, macht sich Mackenzie auf den Weg - und trifft auf obskure Gestalten, die der Himmel schickt.

Dieser Roman wird keinen kaltlassen. Im Wortsinn nicht: Glühende Begeisterung für die warmherzige Darstellung eines unendlich liebevollen Gottes wird es geben und kalte Verachtung für den treuherzigen Religionskitsch in Disney-Bonbonfarben. Seit der Autor das Manuskript im Copyshop der Kleinstadt Gresham im US-Bundesstaat Oregon 15-mal vervielfältige , das war im Mai 2007, hat sich "Die Hütte" sechs Millionen Mal verkauft und stand 45 Wochen lang auf Platz 1 der "New York Times Bestenliste". Allein die Entstehung des Buches klingt wie eine Wundergeschichte.

Worum geht es? Der als Kind von seinem alkoholkranken Vater schwer misshandelte Mackenzie hat es zu einem typischen Mittelschicht-Familienvater gebracht, da wird seine jüngste Tochter bei einem Bootsausflug entführt und ermordet. Mackenzie muss in einer Berghütte in Oregon das blutige Kleid der kleinen Melissa identifizieren und verfällt während der Folgejahre in Depressionen. Als er einen Zettel im Briefkasten findet, Gott wolle ihn in der Hütte treffen, hält er es für einen Trick des noch nicht gefassten Mörders, fährt aber trotzdem hin - und begegnet einer lustigen dicken Afroamerikanerin, einem orientalischen Schreiner und einer verhuschten kleinen Asiatin.

Bis Mackenzie akzeptiert, dass dieses Trio tatsächlich der dreieinige Gott sein könnte ("zwei Frauen und kein Weißer?"), hat es ebenso heftige wie tiefsinnige Dialoge über die "Warum gibt es Leid"-Frage gegeben, den Ursprung des Bösen, das Wesen Gottes, den Sinn der Welt und des Lebens. Jesus wirft den ersten Stein - um ihn über die Seeoberfläche springen zu lassen, die Heilige Geistin gärtnert gern und Gottvater beziehungsweise -mutter brät Rührei mit Speck, lebt also in Ewigkeit nicht vegetarisch. In einer Höhle bittet eine wunderschöne Frau - Sophia, die Weisheit - den wütenden Mack zum jüngsten Gericht, weshalb er annimmt, bereits gestorben zu sein. Doch nicht Sophia, sondern Mack darf zu Gericht sitzen. Und der Mensch spricht Gott schuldig.

Auf der Heimfahrt wird Mackenzie bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt,
und weil dieser Unfall bereits Freitagabend passiert, könnte das "Wochenende mit Gott" natürlich auch ein sekundenkurzes Nahtod-Erlebnis gewesen sein…

Paul Youngs Stil changiert von eleganter Wortwahl ("Die große Traurigkeit schien, als wären seine Arme in schwarze Falten der Verzweiflung eingenäht. Er aß, arbeitete, liebte und träumte in einem Gewand, das wie ein Bademantel aus Blei an ihm zerrte.") über saloppes Servieren theologischer Fragen ("Du müsstet sehr viel zorniger sein, wenn Du als Gott der Allmächtige überzeugen willst." - "Ich überzeuge Dich also nicht?" - "Nein. Dein jetziges Verhalten passt nicht zu Deinem biblischen Image.") bis zu platt kitschigen Szenen ("Dann sah er sie klar und deutlich: Missy! Oh mein Gott! Missy! Missy!" - "Sie weiß, dass Du da bist, aber sie kann Dich nicht sehen.")

Es gibt in der angelsächsischen Literatur das Genre der "Inspirational Fiction" und ihre berühmtesten Beispiele - Lewis Carrols "Alice in Wonderland",
Ronald Tolkiens "Herr der Ringe" und C.S.Lewis "Chronicles of Narnia" -
nennt der Autor auch prompt als Vorbilder. Aber anders als zum Beispiel in Richard Bachs "Die Möwe Jonathan" geht es in Paul Youngs "Hütte" nicht um Mystik, sondern um Verstehen. Um ein wohlwollendes Verständnis dessen, was Protestanten in "Martin Luthers kleinem Katechismus" aufbewahren.

Man kann dem Roman zugute halten, dieses religiöse Grundwissen auf unterhaltsame Weise zu vermitteln. Man kann ihm anlasten, honigsüß und erbaulich frömmelnd den Leser zu missionieren. Für den Roman spricht, dass konservative evangelikale Verlage ihn als dogmatisch unkorrekt abgelehnt haben. Gegen ihn spricht, dass der gesamte Plot nur auf Grund konservativ evangelikaler Denkvoraussetzungen funktioniert. "Die Hütte" wird niemanden kalt lassen, wie gesagt.

Besprochen von Andreas Malessa

William Paul Young: Die Hütte. Ein Wochenende mit Gott
Aus dem Amerikanischen von Thomas Görden
Reihe Allegria im Ullstein Verlag, Berlin 2009
302 Seiten, 16,90 Euro