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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2011

Eine Geschichte der Umweltbewegten

Joachim Radkau: "Die Ära der Ökologie", C.H.Beck Verlag 2011, 782 Seiten

Spitzenpolitiker der Grünen - ein Schwerpunkt von Radkaus Arbeit sind die Verhältnisse in Deutschland. (AP)
Spitzenpolitiker der Grünen - ein Schwerpunkt von Radkaus Arbeit sind die Verhältnisse in Deutschland. (AP)

Von der Anti-Atom-Initiative bis zum Öko-Feminismus: Der Bielefelder Historiker Joachim Radkau zeichnet in diesem fulminanten Übersichtswerk die Entwicklung der weltweiten Umweltbewegungen nach.

Eine unmögliche Geschichte? Die Frage ist keineswegs nur rhetorisch gemeint zu Beginn von "Die Ära der Ökologie", dem neuen Buch des Bielefelder Historikers Joachim Radkau. Radkau stellt damit von vornherein klar, dass es keine einfache Antwort gibt, vielmehr ein ganzes Bündel an Antworten. Die Ökologie – hier als Bewegung, nicht als Fachdisziplin verstanden – versammelt unter ihrer Fahne zahlreiche, auf den ersten Blick sehr disparate Bewegungen. Das reicht von der Antiatomkraft-Initiative bis zur Hausbesetzung, vom Waldschutz bis zum Ökofeminismus, von der Rettung des Fleckenkauzes bis zur Bewahrung indigener Völker. Natur- und Umweltschutz haben sich mit Arbeits- und Verbraucherschutz in immer wieder neuen Koalitionen verbündet.

Bei aller Vielfalt gibt es für den Autor doch eine wichtige Gemeinsamkeit: die Gewaltlosigkeit all dieser Bewegungen. Sie ist für ihn ein Grund dafür, dass es zwar Heroen des Umwelt- und Naturschutzes gibt, aber keine Märtyrer.

Radkaus Öko-Ära ist keine klassische chronologische Zeit-geschichte, vielmehr eine Sammlung vieler oftmals gleichzeitig ablaufender, sich kreuzender, ineinanderfließender Geschichten.
Sie sind in drei große Zeitabschnitte gegliedert, denen jeweils eine Zeittafel mit den wichtigsten Ereignissen vorangestellt ist. Es gibt eine lange Vorgeschichte, dann die Jahre der ökologischen Revolution um 1970 und die Jahre der Umweltkonjunktur um 1990. Joachim Radkau erzählt kenntnisreich und lebendig von Vordenkern wie Rachel Carson oder Petra Kelly ebenso wie von den verschiedenen Bewegungen – von den Bäume umarmenden Frauen der indischen Chipkobewegung bis zu den amerikanischen Ökosaboteuren von "Earth First". Typisch ist nicht eine gemeinsame Ideologie oder Theorie, sondern die Unübersichtlichkeit der ständig sich ändernden Motive, Themen und Ziele.

Natürlich hat Joachim Radkau aus der Fülle zehntausender Ökoinitiativen ausgewählt, und ein Schwerpunkt liegt eindeutig bei deutschen Aktivitäten. Dennoch ist sein Buch der mit Abstand beste Überblick über die weltweiten Umweltbewegungen. Sie alle zusammen konstituieren eine Ära der Ökologie. Und sie haben - das zeigt Radkaus Rückblick deutlich – tatsächlich vieles erreicht.

So sind z.B. Wasser und Luft, Fabriken und Autos sauberer geworden, zahlreiche schädliche Chemikalien sowie die Ozonschicht schädigende Substanzen verboten, zahl-reiche Tierarten, große Landflächen geschützt worden. Auffällig ist dabei, dass kleine, entschlossene, aufeinander eingespielte Gruppen sich häufig als durchsetzungsfähiger erwiesen haben als anonyme Großkollektive.

Immer wieder zeigt sich zudem das eigentümliche Zusammenspiel von Bürgeraufbegehren und staatlicher Reaktion: So medienwirksam Proteste auch sind, erst Gesetze und Verordnungen führen zu tatsächlichen Veränderungen. Beides bedingt einander.

Natürlich wertet ein Historiker und man wird nicht mit allen Bewertungen Radkaus einverstanden sein – etwa seiner Skepsis gegenüber Klimamodellierern oder den Propagandisten Erneuerbarer Energien. Aber sein fulminanter Überblick bietet unglaublich viel Material. Ein großer Wurf.

Besprochen von Johannes Kaiser

Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte
C.H.Beck Verlag 2011
782 Seiten, 29,95 Euro

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