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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.09.2013

Eine Geschichte aus der Hölle

Michel Laub: "Tagebuch eines Sturzes", Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 175 Seiten

Erst beim näheren Hinsehen, wird die Katastrophe erkennbar.  (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Erst beim näheren Hinsehen, wird die Katastrophe erkennbar. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Michael Laub hat in Brasilien als Autor der jungen Generation bereits Gewicht. In seinem fünften Roman verknüpft er drei Männerbiografien zu einer aufwühlenden Familiengeschichte.

Traumatisierte Menschen schweigen oft über ihre Erlebnisse. Und geben sie dennoch innerhalb der Familie weiter. Auswirkungen sind selbst noch in der Enkelgeneration zu spüren, ein Phänomen, das die Psychologie als "transgenerationelle Übertragung" bezeichnet.

Der 1973 geborene, brasilianische Journalist und Autor Michel Laub gilt in seiner Heimat als einer der wichtigsten Autoren seiner Generation. Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse, deren Schwerpunkt in diesem Jahr Laubs Heimatland ist, erscheint sein fünfter Roman in deutscher Übersetzung.

Darin setzt Laub Bruchstücke drei miteinander verbundener Männerbiographien zu einer aufwühlenden Familiengeschichte zusammen. Laubs Großvater, ein deutscher Jude, überlebte Auschwitz und wanderte nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Brasilien aus. Laub hat ihn nicht kennengelernt. Sein Großvater starb, als sein Vater gerade erst vierzehn war. Die Großmutter erzählte später nur, er habe nach dem Aufstehen eine Viertelstunde Gymnastik gemacht und nicht viel gesprochen. Doch schaffte es der von Typhus genesende Neueinwanderer, ihr Herz zu erobern und eine Arbeit als Nähmaschinenvertreter zu finden. Er eröffnete ein Geschäft, das so gut lief, dass Laubs Vater es erfolgreich erweiterte, und der Autor so "als Erbe eines kleinen Firmenimperiums zur Welt kam".

Nach außen hin wirkt diese Familiengeschichte unauffällig, erzählt sogar von gelungenem sozialen Aufstieg: vom Flüchtling zum Geschäftsmann zum angesehenen Autor. Bei näherem Hinsehen aber enthüllt sich eine durchgängige Katastrophe.

Laub nennt in diesem autobiographischen Roman - mit Ausnahme eines ehemaligen Schulkameraden - keine Namen. Auch der Ich-Erzähler ist namenlos. So erhält die Geschichte etwas Exemplarisches. Sie erklärt schonungslos, wie schwer es ist, mit Unausgesprochenem zu leben, mit blinden Flecken, mit Scham, Angst und Gewalt. Und macht deutlich, wie stark das Leben der Vorfahren die eigene Gegenwart prägt.

Auslöser, der eigenen Geschichte auf den Grund zu gehen, ist die persönliche Krise des Erzählers in seinem vierzigsten Lebensjahr. Er ist Alkoholiker, sein Vater an Alzheimer erkrankt, seine dritte Ehefrau droht, ihn zu verlassen. Er erinnert sich daran, wie er das erste Mal mit Gewalt und Scham konfrontiert war: beim Sturz jenes Schulkameraden an dessen dreizehnten Geburtstag. Joao besucht als Nichtjude ein jüdisches Gymansium, wird als Goi und Hurensohn verspottet und schließlich beim Hochleben von den Gleichaltrigen in die Höhe geworfen - aber nicht aufgefangen.
Monatelang laboriert er an den Folgen des Sturzes, der Ich-Erzähler ist der einzige, der sich schämt, an dem lebensgefährlichen "Scherz" beteiligt gewesen zu sein.

Laub beschreibt den danach einsetzenden eigenen Sturz: Ausbrüche von Scham, Gewalt und Selbstzerstörung fast drei Jahrzehnte lang. Der Kraft des Erzählers, das auszuhalten und dem Vermögen des Autors, davon zu berichten, muss man tiefen Respekt zollen. Auch sie haben eine Hölle durchquert - können aber davon sprechen.

Besprochen von Carsten Hueck

Michel Laub: Tagebuch eines Sturzes
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler,
Klett-Cotta, Stuttgart 2013,
175 Seiten, 19,95 Euro

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