Kritik / Archiv /

Eine faszinierende, aber umstrittene Frau

Ralph V. Turner: "Eleonore von Aquitanien. Königin des Mittelalters", C.H. Beck, München 2012. 496 Seiten

Blick über Weinhänge bei Bordeaux - dem Zentrum von Aquitanien.
Blick über Weinhänge bei Bordeaux - dem Zentrum von Aquitanien. (picture alliance / dpa / Thomas Muncke)

Sie war die Enkelin des berühmten "Troubadour-Herzogs" Wilhelm IX. von Aquitanien, wurde dann Frau des französischen König Ludwig VII. und später Gemahlin von Heinrich II. von England: Eleonore von Aquitanien. Turner stellt ihre Geschichte in den historischen Kontext und erzählt ihr Leben flüssig und sachlich.

"Und wär auch die ganze Welt mein, von dem Meer bis an den Rhein, all das würde ich aufgeben, damit die Königin von England in meinen Armen läge." So lautet einer der berühmtesten Verse der "Carmina Burana"; er ist Eleonore von Aquitanien gewidmet, einer der faszinierendsten, aber auch umstrittensten Frauengestalten des Mittelalters.

Geboren 1124 als Großtochter des berühmten "Troubadour-Herzogs" Wilhelm IX. von Aquitanien und bereits 1137 im Alter von 13 Jahren selbst Herzogin von Aquitanien und damit Erbin praktisch des ganzen Südens von Frankreich, heiratete sie im selben Jahr den kaum älteren französischen König Ludwig VII. Sie brachte nicht nur ihr riesiges Erbe – ungefähr ein Drittel der Fläche des heutigen Frankreichs – in die Ehe mit ein, sondern auch ein entsprechendes Selbstbewusstsein sowie südliche Sitten, die sie in Paris suspekt machten.

In den fünfzehn Jahren ihrer Ehe mit dem französischen König gebar sie "nur" zwei Töchter; der völlig misslungene und verlustreiche Zweite Kreuzzug (1147-1149), den sie zusammen mit ihrem Ehemann unternahm, tat das Übrige, um die Ehe zu zerrütten. 1152 wurde sie annulliert und noch im gleichen Jahr nahm Eleonore den rund zehn Jahre jüngeren Heinrich Plantagenet, Herzog der Normandie und Graf von Anjou, zum Ehemann. Dieser besaß über seine Mutter Matilda einen Anspruch auf den englischen Thron, den er in den nächsten Jahren militärisch durchsetzte;

1154 wurde er als Heinrich II. zum König von England gekrönt – ein England, das sich dank der französischen Territorien des Ehepaars weit ins Festland hinein erstreckte. Die zweite Ehe Eleonores war weitaus fruchtbarer als ihre erste: fünf Söhne und drei Töchter gebar Eleonore in den folgenden Jahren – darunter die zwei berühmten nachmaligen englischen Könige Richard "Löwenherz" und John "Lackland" (Johann Ohneland). Allerdings kaum weniger konfliktreich: Eleonore lebte jahrelang von Heinrich getrennt an ihrem eigenen Hof in Poitiers, von 1173 bis 1189 hielt Heinrich sie sogar als Gefangene, nachdem sie sich einer Revolte eines ihrer Söhne gegen den Vater angeschlossen hatte.

Viele populäre Sachbücher und Romane sind dieser faszinierenden Frauengestalt gewidmet worden; Eleonore wird darin wahlweise als schöne Verführerin, machthungrige Königin oder auch als Protofeministin gezeichnet. Das detaillierte Werk des Historikers Ralph V. Turner stellt dagegen mit großer wissenschaftlicher Sachlichkeit und Sachkenntnis, aber flüssig erzählt, das Leben und Wirken Eleonores in seinen historischen Kontext.

Die Tatsache, dass kaum verlässliche Berichte über Eleonore als Person überliefert sind, hingegen sehr viel Polemik gegen sie, stellt er an den Anfang des Buches und enthält sich im Folgenden der Spekulation über ihre persönlichen Motive; vielmehr ordnet er Eleonores Handeln in die politischen Kämpfe ihrer Zeit ein. Dabei entsteht zwar kein psychologisches Bild einer Person, sehr wohl aber ein großes und buntes Bild einer Epoche, in der Frauen zwar von einer zunehmend misogynen Kirche immer mehr aus dem politischen Leben verdrängt wurden, aber doch noch immer europäische Reiche lenken konnten, wenn sie es geschickt anstellten.

Besprochen von Catherine Newmark

Ralph V. Turner: Eleonore von Aquitanien. Königin des Mittelalters.
Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber
C.H. Beck, München 2012.
496 Seiten, 24,95 Euro



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Kritik

SachbuchWarum alle Wege nach Rom führen

Rom und seine Prachtbauten waren beispielgebend für den Städtebau in den neu eroberten Gebieten des Imperiums. Neben den "Kopien" in den Provinzen widmet sich Paul Zanker vor allem auch der spannenden römischen Stadtgeschichte.

Science-FictionAm Wochenende nach der Apokalypse

Colson Whitehead gelingt der Science-Fiction-Kick: die mythische Überhöhung des Alltäglich-Banalen.

Das Buch von Colson Whitehead "Zone One" spielt in Manhattan. Es ist eine Kombination aus Science-Fiction und Zombie-Roman, in der alle Katastrophenszenarien vorkommen, die uns beunruhigen.

BelletristikStudien über die Sinnsuche und Sehnsüchte

Blick über eine durch Dauerfrost (Permafrost) gezeichnete Landschaft auf der zur Russland gehörenden Bolschewik Insel, während im Vordergrund noch Packeis herrscht ist im Hintergrund die Landschaft schon aufgetaut und schlammig.  

An 14 Orte und durch menschliche Seelen reist Ilma Rakusa im Roman, und trägt einiges an Träumen, Schicksalen und Verlusten zusammen. So auch eine heimatverbundene Geigenspielerin in Ungarn und hoffnungslose Russen im Dauerfrost.

 

Literatur

PoesiePapusza

Auf dem Bild sind Hochhäuser im Zentrum der polnischen Hauptstadt Warschau zu sehen, aufgenommen am 13.10.2010. 

Vom Aufstieg einer Analphabetin zur gefeierten Dichterin