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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.12.2012

Eine Exkursion in Rilkes "Malte"

Rainer Maria Rilke: "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge'", Wallstein Verlag, Göttingen 2012

Paris ist der Schauplatz von Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge".  (AP)
Paris ist der Schauplatz von Rilkes "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". (AP)

Zwei Bände, zusammen fast 500 Seiten: So opulent kommt das Manuskript des sogenannten "Berner Taschenbuches" einher, ein Büchlein, in das Rilke seinen einzigen Roman schrieb. Jetzt ist ein Faksimile und eine Textedition veröffentlicht worden. Und sie bieten interessante Einblicke in Rilkes Schreibprozess.

Rainer Maria Rilkes einziger Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" erschien 1910. Im Zentrum des Handlungsgeschehens steht ein 28-jähriger Mann, der in behüteten Verhältnissen in einer ländlich geprägten Gegend in Dänemark aufgewachsen ist. Als er nach Paris kommt, verwirrt ihn das pulsierende Treiben der modernen Großstadt. Durch diese Schockerfahrung wird Malte, der schriftstellerische Ambitionen hat, in eine tiefe Sinn- und Lebenskrise gestürzt.

Als Haltepunkte erweisen sich seine Erinnerungen an die Kindheit, wobei ihm das vertraute Vergangene zum Refugium in einer anonymen Gegenwart wird. Intensiv beobachtet Malte die ihn umgebende Wirklichkeit und vor allem die Menschen, die ziellos im steinernen Meer der Großstadt umhertreiben.

Rilkes "Malte" gilt heute als der erste moderne deutschsprachige Großstadtroman. Das Geschehen entwickelt sich nicht chronologisch, sondern die Paris-Eindrücke des Helden werden unterbrochen von Kindheitserinnerungen, sodass Ort und Zeit ständig wechseln. In seiner formalen Gestaltung verweist der Roman auf die Sinnkrise des Erzählens, von der Hofmannsthal in seinem berühmten Prosatext "Ein Brief" an Lord Chandos spricht. In Rilkes "Malte" heißt es: "Dass man erzählte, wirklich erzählte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein. Ich habe nie jemanden erzählen hören."

Eine "relativ endgültige Fassung" des "Malte" hat Rilke in zwei Notizbücher festgehalten. Während das erste Notizbuch als verschollen gilt, befindet sich das zweite, das als "Berner Taschenbuch" bezeichnet wird, seit 1953 im Rilke Teilnachlass im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Im "Wallstein Verlag" ist dieses "Berner Taschenbuch" nun zum ersten Mal publiziert worden. Die Ausgabe besteht aus zwei Teilbänden, die in der äußeren Form fast identisch mit dem originalen Taschenbuch ist. Der erste Teilband enthält das "Berner Taschenbuch" als Faksimile, der zweite bietet die textgenetische Edition.

Während die Liebhaber von Rilke-Autographen am ersten Teilband ihre Freude haben werden, macht die im zweiten Teilband gelieferte Transkription der Handschrift deutlich, wie Rilke gearbeitet hat. Erkennbar ist, welche Abschnitte er mit Tinte und welche mit Bleistift notiert worden sind. Auch alle gestrichenen Fassungen werden im Text und nicht in einem Apparat nachgewiesen, sodass man einen Eindruck bekommt, wie intensiv er Textfassungen ausprobiert hat.

Die Ausgabe des "Berner Taschenbuchs" erweist sich als idealer Ausgangspunkt für eine Exkursion in das Textlabyrinth von Rilkes "Malte" und es lädt dazu ein, sich nach diesem Ausflug die vollständige Ausgabe vorzunehmen. Diese vorbildliche Edition erhellt, welchen Weg das Manuskript von der handschriftlichen Fassung bis zum Druck durchlaufen ist und schlägt so einen interessanten Bogen zur Endfassung des Romans.

Besprochen von Michael Opitz

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, das Manuskript des 'Berner Taschenbuchs', Faksimile und Textgenetische Edition
Hrsg. v. Thomas Richter und Franziska Kolp, mit einem Nachwort von Irmgard M. Wirtz
Wallstein Verlag, Göttingen 2012
2 Bände, 260 und 215 Seiten, 39,90 Euro