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Thema / Archiv | Beitrag vom 28.09.2012

Eine Erdplatte reißt im Indischen Ozean auf

Geologe erläutert die Zusammenhänge

Rainer Kind im Gespräch mit Joachim Scholl

Kind: "Leider können wir Erdbeben nicht vorhersagen."
Kind: "Leider können wir Erdbeben nicht vorhersagen." (dapd / Landesamt fuer Geologie Baden-Wu)

Das See-Erdbeben im Indischen Ozean am 11. April 2012 machte wenig Schlagzeilen, weil niemand zu Schaden kam. Als Folge davon könnte sich aber in ferner Zukunft die indo-australische Platte in zwei Teile spalten, erklärt Rainer Kind vom Deutschen GeoForschungsZentrum.

Joachim Scholl: Die Flutwelle war nur 30 Zentimeter hoch, der Tsunami blieb aus, die Schäden waren vergleichsweise gering. Das Seeerdbeben im Indischen Ozean am 11. April dieses Jahres machte Gottlob wenig Schlagzeilen, doch Geologen weltweit befürchten, dass dieses Beben dramatische, bedeutende Folgen hat. Da reißt nämlich eine ganze Erdplatte, sind sich US-Forscher sicher, die ihre Erkenntnisse jetzt in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift "Nature" veröffentlicht haben. Und wir sind jetzt mit Professor Rainer Kind verbunden, der Geologe arbeitet am deutschen GeoForschungsZentrum Potsdam. Guten Tag, Herr Kind!

Rainer Kind: Ja, guten Tag!

Scholl: Was war das Besondere an diesem Beben im April, Herr Kind, dass Ihre amerikanischen Kollegen ja von einer "Sensation" sprechen?

Kind: Ja, das Besondere war, dass es ein sehr starkes Beben war, das im Inneren einer Platte stattfand. Die stärksten Beben sonst weltweit geschehen ja an sogenannten Subduktionszonen, das heißt, Gebiete, wo eine Platte unter eine andere sich schiebt. Dabei kommt es zu starken Verschiebungen in vertikaler Richtung. Dort passieren immer die größten Beben, zum Beispiel Japan, Südamerika oder auch vor dem indonesischen Inselbogen. Dieses Beben war jetzt weit weg von dem Inselbogen, mehr im Inneren einer Platte, und war trotzdem sehr, sehr stark, 8,7. Das ist bisher noch nicht so beobachtet worden, das ist mindestens eine ganze Magnitude – also ungefähr ein Faktor zehn – stärker, als man bisher erwartet hatte.

Scholl: Und dass dieses Beben jetzt in der Platte sozusagen stattgefunden hat und nicht vertikal an einem Rand zwischen zwei Platten, das hat dann auch die Folge gehabt, dass also die Schäden jetzt nicht so groß waren, also kein Tsunami passierte?

Kind: Ja, das war natürlich erstens ein untermeerisches Beben, wo sowieso niemand zu Schaden kommen kann normalerweise, und ein Tsunami ist also nicht entstanden, wie Sie sagten, weil es nur zu horizontalen Verschiebungen der Erdplatten kam. Ein Tsunami kann nur entstehen, wenn sich der Meeresboden vertikal sehr stark bewegt, wie das im Jahre 2004 vor der Küste von Sumatra der Fall war. Und bei diesen Horizontalverschiebungen kann das nicht passieren. Deshalb war der Tsunami, der beobachtete, nur sehr gering.

Scholl: Es hat tausende von Nachbeben nach diesem Aprilerdbeben jetzt in diesem Jahr gegeben, bis nach Kalifornien waren sie messbar, und jetzt sagen die Forscher: Wir sind uns ziemlich sicher, dass dieses Beben darauf hindeutet, dass hier eine Erdplatte entzweibricht. Wie müssen wir uns das vorstellen, Herr Kind?

Kind: Ja, das sind zwei sehr unterschiedliche Fragen. Einmal: Das Erstaunliche ist, dass dieses Beben weltweit eine große Anzahl von Nachbeben verursacht hat, die Erdbebenaktivität weltweit auf der ganzen Erde war für etwa einige Tage ein Faktor fünf höher als das normal ist. Das ist ein sehr bemerkenswertes Ergebnis, eine sehr bemerkenswerte Beobachtung, wofür es noch keine vernünftige Erklärung ist. Der zweite Punkt ist das Auseinanderreißen einer Platte, der indisch-australischen Platte. Das kommt daher, dass sich der australische Teil dieser Platte mit etwa fünf Zentimetern pro Jahr – das sind immerhin fünf Meter pro Jahrhundert, das ist ganz beträchtlich für einen ganzen riesigen Kontinent mit dem ozeanischen Anteil dabei – bewegt sich also mit dieser Geschwindigkeit nach Nordosten, während die indische Platte, der indische Anteil der indo-australischen Platte sich nur mit zwei, drei Zentimetern Geschwindigkeit pro Jahr bewegt. Dadurch kommt es zu internen Spannungen der Platte, und die reißt dadurch auseinander. Indien kann sich nicht so schnell bewegen wie Australien, weil Indien sich ja in den eurasischen Kontinent hineinbohrt, während Australien sich nur gegen eine ozeanische, gegen die pazifische Platte verschiebt. Also langfristig, über Millionen Jahre gesehen, wird sich also die indo-australische Platte aufspalten in eine unterschiedliche, separate indische und eine separate australische Platte.

Scholl: Das heißt, dieser Vorgang dauert jetzt noch Jahrmillionen?

Kind: Ja, genau.

Scholl: Aber die Folgen sind sozusagen jetzt schon spürbar? Ich meine, dieser Vorgang, der findet jetzt in einer Meerestiefe statt, in die man gar nicht vordringen kann. Man kann also nicht beobachten, was sich da tut, nur messen. Wie sicher kann man demnach sein, dass also wirklich so eine massive Erdbewegung stattfindet?

Kind: Ja, es werden ja seismische Wellen abgestrahlt, und die haben ganz charakteristische Signalformen, die mit weltweiten Seismometer-Netzen übertragen werden. Die Daten werden zum Beispiel auch in Echtzeit nach Potsdam in das GeoForschungsZentrum geleitet. Diese Wellenformen kann man analysieren und herauslesen, wie sich die Platten gegenseitig verschoben haben, auch in welcher Tiefe die Verschiebungen stattfanden. So etwas gelingt alles mithilfe von Seismometer-Netzen.

Scholl: Vor Indonesien, vor Sumatra könnte eine ganze Erdplatte reißen. Im Deutschlandradio Kultur sind wir im Gespräch mit Rainer Kind vom Deutschen GeoForschungsZentrum Potsdam. Herr Kind, was wird nun geschehen, mit welchen Folgen muss man, ja also vor allem die Bewohner in dieser jetzt doch seismisch wahrscheinlich hochaktiven Region jetzt rechnen?

Kind: Ja, zum Glück ist das ja ein Auseinanderreißen einer Platte, was unter dem Meeresboden geschieht, also dort kommt niemand zu Schaden. Die einzige Gefahr, die entsteht, ist ein Tsunami, aber wie gesagt, durch diese Horizontalverschiebung ist diese Gefahr auch gering. Aber eine größere Bedeutung hat diese Beobachtung dieser enormen Stärke dieses Bebens, die liegt darin, dass man jetzt damit rechnen muss, dass auch andere Innerplattenbeben sehr viel stärker sein können als bisher vermutet war. Auch Deutschland befindet sich ja in einem Platteninneren und hat Erdbeben, die Magnitude sechs haben, die größten ungefähr. Im 14. Jahrhundert gab es ein vielleicht größeres Erdbeben in Deutschland. In China die Beben sind auch Innerplattenbeben. Aber die sind alle bisher eine Größenordnung unter dem Beben gewesen wie jetzt dieses Innerplattenbeben im Indischen Ozean. Man muss also auch damit rechnen, dass die inneren Plattenbeben doch noch deutlich stärker ausfallen können als bisher, und das kann natürlich eine große Gefahr bedeuten.

Scholl: Hat man denn eine Erklärung dafür, dass jetzt also solch starke Beben in diesen Platten auftreten?

Kind: Nein, bisher noch nicht. Das ist also eine Überraschung. Wir beobachten ja erst in den letzten 100 Jahren instrumentell Erdbeben, das ist natürlich nur eine kurze Zeit, es ist einfach für geologische Verhältnisse eine sehr kurze Zeit. Es kann einfach nur Zufall gewesen sein, dass es in diesem Zeitraum also kein so starkes Innerplattenbeben gegeben hat. Es ist möglich, dass solche Beben durchaus normal sind, dass sie nur halt in größeren Zeitabständen auftreten.

Scholl: Jetzt prognostizieren die Forscher in den USA also tausende von Beben in der Zukunft, also jetzt nicht in der nächsten Zukunft, aber einfach: Diese Region wird nie wieder zur Ruhe kommen. Könnten das ähnlich katastrophale Beben sein wie das von 2004? Wir erinnern uns gut: 300.000 Menschen hat es damals in den Tod gerissen.

Kind: Nein, diese Beben im Inneren der Platte werden nicht in dieser Region ... werden nicht so gefährlich sein, weil eben dort niemand direkt in dieser Region wohnt. Die einzige Gefahr ist der Tsunami, und die ist gering. Die Gefahr, die von Tsunamis ausgeht, ist viel größer bei den Subduktionszonen an den Plattenrändern.

Scholl: Inwieweit lassen sich solche Beben vorhersagen?

Kind: Ja, leider können wir Erdbeben nicht vorhersagen, allerdings: Was wir machen können, sind Gefährdungsanalysen. Wir können also darauf hinweisen, welche Regionen in welchen Zeiträumen besonders gefährdet sein könnten. Dafür ist die Beobachtung dieses ungewöhnlichen Bebens jetzt doch von großer Bedeutung. Man wird also seine Gefährdungsanalysen verbessern müssen.

Scholl: Ist es denn eigentlich schon mal so in der zivilisierten Weltgeschichte vorgekommen, dass solche Erdplatten auf diese Weise entzweigebrochen sind?

Kind: Ja, ich hatte ja Deutschland erwähnt oder auch China, das sind also Gebiete, wo es auch Erdbeben gibt, in China relativ stark, in Deutschland nicht so starke. Das sind Regionen, die sich aufspalten, wo Risse entstehen. Ein besonders klares Beispiel ist zum Beispiel Ostafrika. Ostafrika teilt sich im Moment ab entlang der großen Seenkette in Ostafrika vom restlichen afrikanischen Kontinent. Madagaskar hat sich so schon abgeteilt, und als Nächstes, innerhalb der nächsten Millionen Jahre, wird sich auch gesamte Ostafrika vom Hauptkontinent Afrika abspalten.

Scholl: Ist das für Geologen jetzt eine, ja, eine besondere Entwicklung, die also jetzt auch wahrscheinlich fachwissenschaftlich besonders spannend ist für Sie?

Kind: Ja, natürlich. Das ist sehr spannend. Es zeigt also, wie lebendig unser Planet Erde ist und dass das also alles in unserer Zeit, in unserer Gegenwart geschieht und dass wir damit rechnen müssen, dass die Erde lebt, aktiv ist und dadurch auch Gefährdungen verursacht.

Scholl: Eine Erdplatte reißt im Indischen Ozean. Rainer Kind vom Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam hat uns die Zusammenhänge erläutert. Danke für das Gespräch, Herr Kind!

Kind: Ich danke auch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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