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"Eine Art Heimatfilm"

Mit "Quellen des Lebens" wirft Oskar Roehler einen schonungslosen Blick auf Kindheit und Gesellschaft

Oskar Roehler im Gespräch mit Britta Bürger

Der Filmregisseur Oskar Roehler.
Der Filmregisseur Oskar Roehler. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

In seiner Autobiographie "Herkunft" hat Oskar Roehler sehr eindringlich die seelischen Verletzungen seiner Kindheit beschrieben. Bei der Verfilmung des Stoffs habe er sich auch beim Heimatfilm bedient, sagt Roehler. Herausgekommen ist ein Psychogramm westdeutscher Nachkriegsprovinz.

Filmbesprechung von Ilka Lorenzen

Britta Bürger: Oskar Roehlers "Quellen des Lebens" – im Zeitraffer von Ilka Lorentzen. In seinem autobiographischen Roman hat Oskar Roehler sehr eindringlich über die massiven Verletzungen in seiner Kindheit gesprochen. Das Buch war ein ziemlich aggressiver Befreiungsschlag. Ich habe ihn gefragt, ob es deshalb jetzt im Film möglich war, sehr viel spielerischer mit dem Stoff umzugehen?

Oskar Roehler: Das auf jeden Fall. Also, es ist eigentlich im Grunde wirklich so, ich habe es verglichen neulich mal mit so, dass ich da ein guter Koch sein konnte, irgendwie. Wenn das Buch jetzt, sagen wir mal, ein wirklich guter Supermarkt irgendwie war, dann konnte ich irgendwie so durch die Reihen gehen und mir eigentlich so auswählen, für sagen wir mal sieben Gerichte so das Beste so zusammenzustellen und habe das so einem eigentlich Vergnügen gemacht, wie für so eine große Mahlzeit, die ich eigentlich vorbereite.

Britta Bürger: Da sind auch Kichererbsen dabei …

Roehler: Da sind auch Kichererbsen dabei – ich hab da immer nicht gewusst, weil manche Scherze waren dann auch so ein bisschen harmloserer Natur, aber es wird sehr gut angenommen und wird doch recht viel eigentlich, für meine Verhältnisse, dann im Film gelacht, was auch einfach das bestätigt, was Sie mich gerade gefragt haben, also …

Bürger: Sie haben ja ein großartiges Schauspielerteam. Jürgen Vogel und Meret Becker spielen ein Großelternpaar, Margarita Broich und Thomas Heinze das andere Großelternpaar. Die einen haben eine Gartenzwergfabrik, die anderen ersticken fast in ihrem Wohlstand. Ihr Vater wird von Moritz Bleibtreu verkörpert, Ihre Mutter von Lavinia Wilson. Allesamt altern mit Hilfe wirklich begnadeter Maskenbildner in ihren Rollen durch drei Jahrzehnte. Wie war das, waren die Schauspieler an manchen Drehtagen länger in der Maske als vor der Kamera?

Roehler: Nein, das geht mittlerweile irgendwie relativ gut. Ich hatte das vor acht Jahren bei "Elementarteilchen" mit Nina Hoss, die dann neun Stunden in der Maske war und nach drei Stunden komplett zerfloss. Das war wie so eine Mumie, die so in der Sonne dann irgendwie verschmorte. Und das geht jetzt mittlerweile. Aber natürlich ist es abenteuerlich, wenn du einen 41-jährigen Schauspieler hast, der dann plötzlich einen 80-Jährigen spielen muss. Und da musst du das in die Hände von jemand legen, der wirklich begnadet ist. Jürgen Vogel hat beispielsweise die Augen während der Maske lange Zeit immer geschlossen gehalten, um dann erst mal vor seinem eigenen Spiegelbild so ein bisschen zu erschrecken, wenn er sie wieder aufgemacht hat und sich als jemand anderer dann wiederzufinden.

Bürger: Sie haben ja zum ersten Mal auch mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet, die diese Zeit nicht miterlebt haben. Wie haben Sie denen zum Beispiel verklickert, was das für Sie bedeutete als Kind eines typischen 68er-Paares, dass man dem Vater beim Sex zuguckt und der Mutter bei der Betäubung mit Drogen und Ideologie?

Roehler: Gott – der Kleine war ja ein Beobachter dieser Szenen. Das ist ja im Grunde genommen die Rolle von ihm in den frühen Szenen auch für den Zuschauer, dass er einfach dasteht und sich dieses absurde Zeug, was da so vor ihm passiert, diese Groteske, die sich vollzieht vor ihm, auch so an Lebensbetrug und auch am Auseinandergehen der Ehe, dass er dasteht einfach wie so ein Kind mit großen Augen, genau wie man selber auch dastand und sich das einfach angeguckt hat. Da muss man nicht viel im Grunde wirklich erklären, weil, das begreift so ein Kind auch.

Bürger: Wir sehen in diesem Film ja ein Westdeutschland, das es so längst nicht mehr gibt. Ist "Quellen des Lebens" also eine Art Heimatfilm?

Roehler: Ganz bestimmt. Also so eine Art Heimatfilm. Es ist jetzt natürlich kein Genre. Es hat so Anleihen an den Heimatfilm, weil es spielt ja irgendwie in der tiefsten Provinz über lange Zeit, und da hat sich ja für mich auch so unser Land entwickelt. Weil das ist ja kein Land wie Frankreich mit einer Riesen-Hauptstadt, wo alle hinwollten immer schon. Nein, es war eingeteilt in kleine Provinzen, und die waren sicher auch auf eine bestimmte Art unterschiedlich, aber die waren auf eine ganz bestimmte Art mit all den Dingen, den drei Fernsehprogrammen, die es nur gab, den ganzen Ritualen, den Vorgärten, dem ein bisschen Spießigen, auch der Geschmacklosigkeit. Auch, sagen wir mal, in den 60er-Jahren der extremen – wie sagt man? Nicht Bedürfnislosigkeit, aber …

Bürger: Bescheidenheit?

Roehler: Bescheidenheit! Der Menschenschlag, der damals noch quasi wichtig war, bevor die 68er kamen, der war natürlich ganz stark geprägt von seiner Herkunft aus dem Dritten Reich. Und das Dritte Reich war ja plötzlich dann verschwunden, die Leute mussten sich mit einer neuen Wirklichkeit zurechtfinden, mussten das auch betäuben, mussten dann, wie das bei der anderen Familie lief, sich mit so Hollywood-Unterhaltungsfilmen unterhalten, um dann selber dem nachzueifern und so zu werden.

Das war natürlich die kitschige, sagen wir mal, Öffnung in den Westen, vor dem immer alle irgendwie gewarnt haben, der wurde, sagen wir mal, durch diese Art von Bürgertum und die Statussymbole von Mercedes und Chauffeur und Swimming-Pool und Frisur wie Lana Turner und vielleicht sogar goldene Wasserhähne, was meine Großmutter als Projekt auch noch verwirklichte, im Badezimmer irgendwann, und es sah einfach alles aus wie Klein-Hollywood auf der einen Seite, und auf der anderen Seite war das im Grunde, meiner Meinung nach fast ähnlich auch wie im Osten, also mein Großvater väterlicherseits – die Freunde, die immer kamen, die kamen aus der Ostzone, und die Pakete, die geschickt wurden, gingen in den Osten.
Und das waren irgendwie hundert Kilometer auseinander, vom Heimatdorf bis da, wo sie dann irgendwann gelandet sind. Und die Lebensweise und, sagen wir mal, dieses archaische Sich-dann-im-Vorgarten-abends-Aufhalten und Gemüsebeete-Umkehren und die Großmutter macht Abendessen … Und diese, sagen wir mal aber auch, irrsinnige Friedlichkeit, die für so ein Kind so beruhigend ist, die, die war natürlich so der Nährboden für so, sag ich mal, dafür, dass man von seinen ganzen schrecklichen Verwirrungen durch die Eltern irgendwie erst mal geheilt wurde. Dass es natürlich dann ideologisch irgendwann auseinandergekracht ist, als man selber erwachsen wurde, das war natürlich systemimmanent, das war ja klar. Das ist dann in jeder Generation immer komplett im Streit auseinandergegangen. In der vorher, in meiner – weil die natürlich Fundamentalisten waren und extrem autoritär und auch reaktionär. Da waren dann noch vier oder fünf Bauern, die irgendwie aus der Gegend kamen und that was fucking it.

Bürger: "Quellen des Lebens" – zum Start des neuen Films von Oskar Roehler sind wir mit ihm hier im Deutschlandradio Kultur im Gespräch. Bei jedem, der die Zeit miterlebt hat, da läuft, wenn man den Film sieht, natürlich auch noch mal ein eigener Film ab. Also ganz starke Impulse gibt da natürlich auch die Musik – von Cat Stevens bis hin zu dieser Schmuseschnulze "I love you to want me". Man denkt unwillkürlich, oh nein, das habe ich damals auch gehört, so habe ich damals auch ausgesehen, und natürlich auch, ja, so habe ich mich damals auch gefühlt. Erreicht der Film also eher eine Art kollektiver Erinnerung? Man guckt ihn ja auch im Kino mit anderen, während das Buch, "Herkunft", mehr das Leben von Oskar Roehler ist.

Roehler: Ich bilde mir ein, dass das genau der Punkt ist, dass es eben dadurch, dass man es dann sieht, und auch sieht, da hocken sie jetzt vorm Fernseher, haben geschuftet den ganzen Tag, er schimpft auf die Kommunisten, wenn irgendjemand von der SPD auftaucht, sie kippt ihren Rotwein runter, die Füße sind hochgelegt. All diese Bilder, all dieses Zeug, was da so gang und gäbe war in der sicheren kleinen Republik, aus der wir oder aus der ich komme. Aus diesem gefügten System von Wiederaufbau – es fällt mir immer dieses Wort nicht ein, was so signifikant ist für die Zeit – Genügsamkeit! Das ist das Wort! Genügsamkeit bis hin zum wahnsinnigen Geiz, bis zur absoluten Zweckmäßigkeit auch der Kleidung, und die Lederhose wurde drei Jahre getragen, wenn sie dann richtig, richtig eng wurde, sodass sie weh tat, dann bekam man vielleicht die nächste. Die sah aber genauso aus, war wieder drei Nummern zu groß, musste man wieder reinwachsen.

Genau das war irgendwie dieses Ding. Dann immer dieser Haarschnitt, der wirklich noch so war, an den Seiten rasiert, oben ein bisschen länger – also, wenn man sich das heute anguckt, dann ist man zurückversetzt so in die Zeit von 1938, sage ich mal, gefühlte. Und dann gab es ja auch noch diese Leute, die irgendwie nur ein Bein hatten oder nur einen Arm oder nur zwei Finger an jeder Hand, diese ganzen Leute, die aus dem Krieg heimgekehrt sind und so. Und dann rummelte und grummelte das immer so und überall war da so der Wiederaufbau. Und im Kleinen halt wurden die Häuschen gebaut, irgendwie eins neben dem anderen …

Aber eins muss man dieser Zeit zugutehalten, und ich glaube, das ist auch, was so ein bisschen Sympathie auch ausstrahlt: Die Menschen sind sich nicht so feindschaftlich begegnet wie heute. Es war einfach doch eine größere Freundlichkeit. Nicht jeder, der einem über den Weg gelaufen ist, war gleich unangenehm und wurde abgelehnt. Es war eine größere Offenheit unter den Leuten, und das hatte damit zu tun, dass diese Zeit eine Zukunft hatte, während heute die Leute irgendwie eigentlich keine Zukunft mehr haben oder nichts, worauf sie sich, glauben, dass sie sich freuen können. Früher haben sich die Leute auf die Zukunft gefreut. Ich glaube, das war das große Geheimnis.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Film von Oskar Roehler auf dradio.de:

"Quellen des Lebens" - Oskar Roehler hat seinen autobiografisch geprägten Roman "Herkunft" verfilmt

Die Kindheit, ein Martyrium - Ilka Lorenzen über "Quellen des Lebens", den neuen Film von Oskar Roehler

Eine Konfliktlage als Sohn - Oskar Roehler: "Herkunft", Ullstein Verlag, Berlin 2011

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