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Profil / Archiv | Beitrag vom 27.03.2008

Eine angriffslustige Dichterin

Lydia Daher im Porträt

Von Carolin Pirich

Lydia Daher brachte einen Lyrik-Band heraus (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Lydia Daher brachte einen Lyrik-Band heraus (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Vor wenigen Jahren mischte Lydia Daher mit messerscharfen Texten die von Männern dominierte Poetry-Slam-Szene auf. Sie war so erfolgreich, dass sie mehrere Slam-Wettbewerbe gewann. Nachdem sie 2007 ein Album mit eigenen Songs herausbrachte, veröffentlichte sie nun den Lyrikband "Kein Tamtam für diesen Tag".

"Der Regen / fällt dieser Tage / wie ein über-/ flüssiges Statement / wahrscheinlich / um dem Grau einen / Grund zu geben / sich darin zu spiegeln."

Lydia Dahers Gedichte sind intensive, atmosphärische Momentaufnahmen von Stimmungen, Begebenheiten, Beobachtungen. Ihre Themen: Erwachsenwerden, Sinnsuche, das Ringen um Selbstbewusstsein – oder eine mal melancholische, mal freudige Liebessehnsucht.

Lydia Daher: "Ich gebe so ziemlich alles von mir preis, weil ich glaube, dass das die Aufgabe eines Dichters ist, eben keine Kompromisse einzugehen bei der Arbeit. Das ist manchmal ein schmerzhafter Prozess, aber er ist oft auch sehr hilfreich, weil man sich dadurch nahe kommt und dass das die einzige Chance ist, dass auch die Leser einem nahe kommen können."

Lydia Daher, 27, zierlich, lange braune Haare, spricht wie jemand, der sich über die Wirkung seiner Worte bewusst ist. Langsam, mit vielen Pausen. Dabei lächelt sie sehr oft, ein breites, leuchtendes Lächeln in einem fein geschnittenen Gesicht. Verbindlich und offen, vielleicht auch ein bisschen spitzbübisch. Ein Kontrast zu den vielen Fotos, die Zeitungen und Zeitschriften von ihr in den letzten Monaten abdruckten. Auf denen wirkt sie fern, verträumt, irgendwie visionär. Wie man sich eine Dichterin vorstellt. Die Lippen ein ernster Strich, ihre braunen Augen fixieren einen Punkt in der Ferne.

"Ich eilte zum Frühstück mit biblischer Wucht und schreckte potenzielle Feinde ab mutig vor nichts zurückschmeckend. Nein ohne Fleisch könnte ich nicht leben."

Lydia Daher wuchs in Köln auf und zog nach dem Abitur zum Studium nach Augsburg. Vor allem wollte sie weg aus Köln, um sich selbst neu zu finden, wie sie sagt, um nicht mehr nur die "lustige Lydia” zu sein.

Schon als Schülerin hat sie begonnen, zu schreiben. Gedichte, kleine Reflexionen über ihre Gefühlswelt. Aber sie traute sich nicht, sie Eltern oder Freunden zu zeigen. Sie suchte sich einen größeren, und doch, wie sie findet, anonymeren Rahmen – und trat zum ersten Mal auf einer Poetry-Slam-Bühne auf.

Lydia Daher: "Dann habe ich meinen Mut zusammengenommen und aus meinem kleinen Büchlein vorgetragen, sehr eingeschüchtert, ziemlich weit hinten auf der Bühne und sitzend. Ich wollte nicht, dass ich da groß auffalle."

Eine zierliche Frau in einer von Männern dominierten Szene. Nach einer Weile begann sie, mit ihrer Mädchenhaftigkeit zu spielen, zog sich extra rosafarbene T-Shirts an.

Lydia: "Ich glaube, das hat ein bisschen von dem Überraschungsmoment gelebt, dass auch ein paar Jungs anfangs gekichert haben. Oder blöde Sprüche kamen aus dem Publikum, wenn ich da stand. Aber sobald ich den dritten Satz abgefeuert hatte, war dann Stille."

Als ihr im heißen Sommer der Fußball-WM das Schreiben allein zu still wurde, blies sie den Staub von ihrer alten Gitarre und versuchte, ihre Texte zu vertonen. In ihrer Augsburger Studentenwohnung, wo sie immer noch wohnt, nahm sie die Klänge mit dem Computer auf und brachte sie Alaska Winter. Der Produzent hat in den letzten Jahren mehrere junge Augsburger Bands gefördert. Die Stadt ist in den letzten Jahren zu einer neuen Heimat des deutschen Pops geworden.

Entstanden ist ein Album, auf dem Lydia Daher ihre Texte in schräge, mal kräftige, mal leisere Gitarrenriffs verpackt: scharf, komisch, authentisch.

Zum Gespräch lädt Lydia Daher in den Keller des Augsburger Jugendzentrums. Hier fühlt sie sich wohl, hier probt sie. Hier hängen die Artikel, die über sie erschienen sind, in überregionalen Feuilletons und in den Augsburger Tageszeitungen.

Lydia Daher: "Manchmal finde ich es komisch, es ist klein hier und ich war schon so oft in der lokalen Presse, so dass mich meine Nachbarin aus dem Haus fragte, ob ich jetzt fest in der AZ wäre. Ich fühle mich ein bisschen aufdringlich, obwohl ich das gar nicht sein will."

Lydia Daher wundert sich etwas über ihren Erfolg. Nie steht bei ihr Perfektion im Vordergrund, sondern immer Authentizität. Vielleicht ist es aber genau das, was sie erfolgreich macht: Streben nach Wirkung ist ihr fremd. Weder in den Gedichten noch auf dem Album ist eine Absicht spürbar.

Lydia Daher: "Es ist sehr schnell und spontan entstanden. Mit keinem Gedanken an eine weitere Verwertbarkeit. Ich hatte Lust, Lieder zu machen. Und dann kam die ganze Reaktion darauf, und ich sehe mein Bild überall, und ich weiß nicht, es freut mich, aber ich kann das nicht wirklich auf mich beziehen, denn ich habe das Gefühl, ich bin schon wieder ganz woanders."

Vor kurzem hat sie ihren Job in einem Veranstaltungsbüro aufgegeben. Sie kann sich nun ganz auf ihre Texte konzentrieren. Neben Gedichten schreibt sie auch wieder Songs. Denn sie will nicht nur die introvertierte Dichterin sein, sondern auch ihre angriffslustige, ihre laute Seite ausleben.

Lydia Daher: "Weil ich eben beides in mir habe: Einmal das Hochkulturelle und andererseits die Club- und Kneipenlydia. Das ist wunderbar vereinbar. Ich kann nicht sagen, ich will nur auf Rockstar machen oder auf introvertierte Lyrikerin. Ich bin auf jeden Fall beides."

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