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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.09.2008

Eine Abschiedsvorstellung

Ian Rankin: "Ein Rest von Schuld", Goldmann-Manhattan, 541 Seiten

Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Buchseiten (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

20 Jahre hat Ian Rankin seinen Detective Inspector John Rebus ermitteln lassen. Der wurde darob zur weltweiten Kultfigur, sein Autor zum wohl erfolgreichsten schottischen Schriftsteller und beider "Revier” zur touristischen Attraktion.

Die Romane wurden dicker und dicker, in der zweiten "Halbzeit" haben weit über 500 Seiten, zur Freude der Leser. Denn Rankin schreibt Schmöker in bester angelsächsischer Tradition - ordentlich geplottet, mit zumeist sauber vernähten Fäden und plausiblen Figuren, die gerade soviel Tiefe bekommen, dass man ihnen lesend nahe rücken, und gerade soviel Geheimnis bewahren, dass man nach dem nächsten lechzen kann. Und obendrein gut geerdet in Zeit, Ort und Genre: im heutigen Edinburgh und seiner (anti-)kriminellen Energie.

Dieser siebzehnte, im Original Exit Music, soll sozusagen "der letzte Wälzer" mit "Inspector Griesgram" sein. Das war absehbar und scheint unabwendbar. Denn Rebus ist zwar genau der anarchische Sturkopf, der keinen Wert aufs Erklimmen der Beförderungsleiter legt - "Das Problem mit dieser Leiter ist", erklärt er seiner Kollegin Siobhan Clarke, "an jeder Sprosse wartet ein weiterer Arsch darauf, geleckt zu werden." - und den folglich weder opportunistische Chefs noch Bürokratie klein kriegen.

Aber gegen die Biologie hat auch er keine Chance: Er ist im Pensionsalter, noch zehn Tage, dann - ja, was? Leere? Was wird aus seinen Altlasten? Big Ger Cafferty zum Beispiel, dem kleinen "Paten von Edinburgh", den er nie drangekriegt hat? Zum Glück - Rebus grübelt ungern über Emotionales - fällt eine Leiche an. Ein gediegenes Ehepaar und ein bibbernder Teenie stolpern über Alexander Todorow, einen nobelpreisverdächtigen russische Dichter-Dissidenten, der mit zermatschtem Gesicht in einer kleinen Straße liegt. Pech für DI Rebus allerdings ist, dass gleich bei der Tatortsicherung der junger Constable Goodyear aufkreuzt, der Rebus auf vertrackte Weise auf Cafferty zurückwirft.

Er hatte vor Jahr und Tag dessen Großvater hinter Gitter gebracht und damit die Familie zerstört. Es war das Prinzip "den Sack schlagen, aber den Esel meinen", der Esel hieß damals schon Cafferty, aber der alte Goodyear war kein kleines Bauernopfer, sondern veritabler Dreck an Rebus' Stecken. Dass er den nie aufgeräumt hat, rächt sich bitter - und klärt sich erst ganz am Ende, nach Dienstschluss.

Die Mordermittlung wird von innen und außen behindert. Höhere Polizeiränge möchten den Mord entweder als "aus dem Ruder gelaufenen Raubüberfall" abhaken oder als Fall von "Organisierter Kriminalität" an sich ziehen, und sind dabei allzu einig mit politischen Kreisen, die ihrerseits allzu eifrig Rücksicht auf gewisse Investorenkreise nehmen.

Die Investoren sind russische Oligarchen, einer von ihnen ein Jugendfreund des toten Dichters, die Politik kalkuliert ebenso zynisch mit der angestrebten Unabhängigkeit Schottlands wie die größte Bank des Landes, und als Makler zwischen all diesen Bermuda-Dreiecken entpuppt sich ausgerechnet - Cafferty. Und um den Fall richtig kompliziert zu machen, gibt’s eine zweite Leiche: Charles Riordan verbrennt mitsamt den Tonbändern, die er manisch von allem und jedem und gern heimlich mitgeschnitten hat.

Der Roman spielt im November 2006 und ist exakt getimt, was einen schönen Surplus beim Lesen bringt: Dass Jack Palance und Ferenc Puskás just um die Zeit das Zeitliche gesegnet haben und in London ein realer Dissident namens Litwinenko mit Polonium vergiftet wurde, läuft ebenso mit wie die Folgen des Rauchverbots für Pubs, die Ausläufer der Ära Blair, die Veränderungen des Stadtbilds durch Bau-Boom und allgegenwärtige Überwachungskameras, die dann doch nichts zur Aufklärung beitragen.

Der Showdown aber ist so schön offen, dass ausgefuchste Rebus-Fans schon spekulieren, ob die kleine Anspielung auf Arthur Conan Doyles Wohnung in Edinburgh vielleicht ein Hinweis ist. Der hatte weiland Sherlock Holmes bekanntlich aufgrund von Leserprotesten wiederauferstehen lassen müssen...

Rezension von Pieke Biermann

Ian Rankin: Ein Rest von Schuld
Roman
Aus dem Englischen von Ditte und Giovanni Bandini
Goldmann-Manhattan, Müchen 2008
541 Seiten, 19,95 Euro

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