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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.12.2010

Eindrücke aus dem Dreiländereck

Uwe Rada: "Die Memel", Siedler Verlag, München 2010, 367 Seiten

Die vielfältige Geschichte der Memel hat Autor Uwe Rada in seinem Buch zusammengetragen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Die vielfältige Geschichte der Memel hat Autor Uwe Rada in seinem Buch zusammengetragen. (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Die Memel ist aus dem Bewusstsein vieler Menschen verschwunden, auf Karten sucht man sie vergebens. Der Autor erweckt nun die zeitweilig ausgelöschte und in Deutschland vergessene Geschichte des Flusses wieder zum Leben.

"Von der Maas bis an die Memel" – die erste Strophe des "Deutschlandlieds" wird nicht mehr gesungen: Deutschland hat beide Flüsse durch zwei Weltkriege verloren. Während viele die Maas als Seitenarm des Rheins kennen, ist die Memel aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Auf Karten sucht man sie vergebens, denn sie hat mit dem Untergang des Deutschen Reichs ihren Namen verloren, ist zur Rusne geworden, einem russischen Strom. 1945 endeten mit dem Sieg der Sowjetunion 700 Jahre ostpreußischer Geschichte. An diese Geschichte erinnert jetzt der Berliner Publizist Uwe Rada.

Er ist ihr nicht nur ihren literarischen Zeugnissen nachgegangen, sondern hat auch Biographien, Zeitdokumente, Geschichtsbücher ausgewertet und sich vor Ort umgeschaut. So mischen sich historische Berichte mit persönlichen Eindrücken aus dem Dreiländereck Litauen, Weißrussland und Russland, den heutigen Anrainerstaaten der Memel. Die beginnt in den Sümpfen Weißrusslands nahe Minsk als Njoman, wird in Litauen zur Neman, um schließlich als Rusne in das kurische Haff zu fließen. Memel hieß sie nur auf ihren letzten 200 Kilometern, bevor sie in die Kurische Nehrung floss.

Seit die Kreuzritter 1289 sich südlich des Stroms festsetzten, um von dort aus zu immer neuen Eroberungszügen gen Osten aufzubrechen, hat der Strom immer wieder wechselnde Herren gesehen. Litauer, Polen, Russen, Deutsche kämpften um die Vorherrschaft über die Ländereien beiderseits des Flusses. Ein Viel-völkergemisch mit unterschiedlichen kulturellen Traditionen lernte mal mehr, mal weniger friedlich miteinander auszukommen.

Uwe Rada erzählt diese Geschichten nicht in chronologischer Reihenfolge. Er springt mit seinen Kapiteln in der Kulturgeschichte hin und her. Mal erkundet er die Ursprünge des Sprachengewirrs aus Litauisch, Deutsch, Polnisch, Russisch und Jiddisch, sichtet die Romane und Gedichte, die den Fluss und seine Landschaft besingen. Dann kümmert er sich um geschichtliche Einzelereignisse wie Napoleons Eroberungszug, folgt den Flößern, die den Strom jahrhundertelang beherrschten und seine Hafenstädte aufblühen ließen. Als schwierig erweisen sich seine Erkundungen des weitgehend von Hitler vernichteten jüdischen Lebens. Unterbelichtet bleibt die Natur, die hier vielen bedrohten Arten noch letzte Zufluchtsstätten bietet.

Uwe Radas Entdeckungen sind nicht zuletzt ein Resultat des Zusammenbruchs der Sowjetunion, denn Moskau hatte 1945 zur Stunde Null erklärt, so als habe es Königsberg und die deutsche Geschichte an den Ufern der Memel nie gegeben. Heute besinnt man sich in den nunmehr unabhängigen Staaten auch wieder auf die verfemten Vorfahren, die Ostpreußen. Der Berliner Journalist versteht es sehr geschickt, die zeitweilig ausgelöschte und in Deutschland vergessene Geschichte wieder zum Leben zu er-wecken. Sein Kaleidoskop bunter Bilder erweckt beim Lesen den Wunsch, die Länder an der Memel möglichst bald zu besuchen.

Besprochen von Johannes Kaiser

Uwe Rada: Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes
Siedler Verlag, München 2010
367 Seiten, 19,95 Euro

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