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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.11.2013

Eindringlich und effektvoll inszeniert

Thilo Reinhardts "Jud Süß" in Zwickau

Von Bernhard Doppler

In "Jud Süß" schlägt Abneigung in puren Antisemitismus um.  (AP)
In "Jud Süß" schlägt Abneigung in puren Antisemitismus um. (AP)

Im Mittelpunkt der "Jud Süß"-Inszenierung von Thilo Reinhardt steht der Versuch, einen Juden zum Sündenbock zu machen. Ein aktuelles Thema, doch der Regisseur erliegt der Versuchung nicht, diese Aktualität zu beweisen. Stattdessen zeigt er eine handwerklich sehr geschickt gebaute Oper.

Detlev Glanerts Oper über den jüdischen Finanzrat Joseph Süß Oppenheimer, der 1738 zum Sündenbock einer repressiven Wirtschaftspolitik gemacht und ohne Urteilsbegründung gehenkt wurde - und 1942 von den Nationalsozialisten in dem berüchtigten antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" vorgeführt wurde - enthält nach wie vor einen höchst aktuellen Stoff.

"Das Bündnis für Demokratie und Toleranz" hat die Opernpremiere von "Joseph Süß" auch an den Beginn ihrer "Novembertage. SpurenSuche in Zwickau" gestellt, in denen in Lesungen, Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen und Bürgerforen über Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der Region vom 1. bis 12.11. diskutiert werden soll. Dass in Zwickau jahrelang Terroristen des selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" lebten, hat für solche Probleme hellhörig gemacht.

Barock kostümierte Gesellschaft auf der Suche nach einem Sündenbock

Dennoch! Der Versuchung, eine vordergründige Aktualität der Oper zu beweisen, ist Regisseur Thilo Reinhardt nicht erlegen. Er belässt das Geschehen in der Barockzeit, zumal die Behandlung des Falls "Süß" ja auch zeigt, wie gefährlich schnell Philosemitismus in Antisemitismus umschlagen kann. Im Mittelpunkt seiner Inszenierung stehen Versuche einer barock kostümierten Gesellschaft, einen "Fremden", einen "Juden" zum Sündenbock für bedrängende Probleme zu machen. Der Staatsrock des Finanzrats wird nach der Hinrichtung dem Publikum im Zuschauerraum angeboten. Wer wäre für seinen Posten bereit?

Die Zwickauer Aufführung ist bereits die siebente Produktion von Glanerts Oper (Uraufführung 1999 in Bremen), inzwischen also ein Repertoirestück. "Joseph Süß" ist dabei weniger ein Musiktheaterexperiment, sondern ein geradezu konventionelles Schulbeispiel für eine handwerklich sehr geschickt gebaute Oper.

Da ist zunächst das kluge Libretto von Werner Fritsch und Uta Ackermann! Poetisch die Geschichte verdichtend, gibt das Libretto eine geschlossene Struktur und einen Rahmen vor: Ausgangs- und Endpunkt ist die Todeszelle von Joseph Süß, der in Rückblenden, in Halluzinationen und Träumen sein Leben erinnert.

Die Komik vertieft das tragische Geschehen

Die dunklen Wände des Kerkers werden Tapetenwand des herzogischen Schlosses (Bühne: Andreas Auerbach), bei der sich viele Tapetentüren öffnen lassen. Das Orchester ist nicht allzu groß und weist den verschiedenen Personen unterschiedliche Instrumente, unterschiedliche Ausdrucksformen zu. Elektronische Verstärkung, Geräusche, der Wechsel von Sprechen und Gesang werden dramaturgisch effektvoll eingesetzt. Vor allem vertieft auch Komik das tragische Geschehen. So sind es ausgerechnet die hohen Kosten der Oper, die das Volk so sehr unter der immensen Steuerlast und unter seinem jüdischen Finanzrat stöhnen lassen.

Handwerkliches Geschick zeigt Glanert aber auch in den wohl kalkulierten Anforderungen, die er in "Joseph Süß" an ein Stadttheater mittlerer Größe und einen gut funktionierenden Opernchor (Friedemann Schulz) stellt.

Shin Thaniguchi in der Titelrolle ist ein weicher warmer intellekueller Finanzrat, der vor seiner Hinrichtung bestimmt jedem Glauben an Gott entsagt. Eindringlich und effektvoll vor allem aber die Inszenierung Thilo Reinhardts! Detlef Glanert dürfte zufrieden gewesen sein. Er war zuletzt bei den Proben dabei und hat für die Zwickauer Inszenierung noch einige Takte dazukomponiert.

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