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Lesart / Archiv | Beitrag vom 10.02.2013

Einblicke ins Leben von Fidel Castro

Carlos Widmann: "Das letzte Buch über Fidel Castro", Carl Hanser Verlag

Von Hans Christoph Buch

Der ehemalige kubanische Staatspräsident Fidel Castro.
Der ehemalige kubanische Staatspräsident Fidel Castro. (AP)

Carlos Widmann ist ein Urgestein deutscher Auslandsberichterstattung. Er stammt aus Argentinien und begleitete schon Bundespräsident Heinrich Lübke auf dessen Reise durch Lateinamerika. Diese Erfahrungen machen sein Buch über Fidel Castro zu einem großen Leseerlebnis.

Um es vorweg zu sagen: Dies ist das beste Buch über Fidel Castro und sein Regime, das ich bisher gelesen habe: Nicht, weil sein Autor mehr über Kubas máximo líder weiß als andere Zeitzeugen, sondern weil er besser schreibt als viele Journalisten und Historiker und seine Einsichten und Erkenntnisse treffsicher auf den Punkt zu bringen versteht.

"Er regierte sein Land genauso lange wie sechs deutsche Bundeskanzler das ihre, und die Aufzählung aller US-Präsidenten, die von immer demselben Gegenspieler in Havanna provoziert wurden, liest sich noch imposanter. Selbst im Vergleich mit den Machthabern des Sowjetreiches wirkt Fidel Castro einzigartig: An Herrschaftsdauer hat er Lenin plus Stalin plus Chruschtschow übertroffen und noch zwei Jahre Breschnew draufgepackt."

Im Lauf der Jahre wurde Carlos Widmann zum Senior und Mentor der Südamerika-Korrespondenten, denn er hatte ihnen einen uneinholbaren Vorsprung voraus: Er stammt aus Argentinien und hat sein Wissen nicht nur theoretisch angelesen, sondern als Reporter vor Ort praktisch erfahren und erlebt.

Cover: "Das letzte Buch über Fidel Castro" von Carlos WidmannCover: "Das letzte Buch über Fidel Castro" von Carlos Widmann (Carl Hanser Verlag)Widmann ist ein Urgestein deutscher Auslandsberichterstattung, seit er den damaligen Bundespräsidenten Lübke bei dessen Rundreise durch Lateinamerika begleitete, wo man, anders als Lübke vermutete, nicht lateinisch, sondern spanisch spricht.

Und er wurde zur lebenden Legende nicht aufgrund seines Fachwissens, sondern weil er frühzeitig begriff, dass die Geschichte, großgeschrieben, aus Geschichten besteht, für die ein Journalist sich interessieren sollte, weil sie komplizierte Sachverhalte anschaulich machen, die sonst umständlich erklärt werden müssen – akademische Theorien oder abstrakte Begriffe sind dafür kein Ersatz.

Carlos Widmann ist ein Meister im Erzählen von Anekdoten, die nicht nur Atmosphäre, Ort und Zeit evozieren, sondern die Stärken und Schwächen der Akteure sichtbar machen, deren Irrtümer und Illusionen, Charisma oder Charme politische Entscheidungen beeinflussen und Entwicklungen in die eine oder andere Richtung lenken.

"Sehet her, der Zeigefinger zittert nicht. Es wurde mucksmäuschenstill in der Aula Magna, und alle blickten wie hypnotisiert auf den ausgestreckten Arm des Oberkommandierenden. Mit weit aufgerissenen Augen und dramatisch erhobenen Brauen bewegte Fidel ganz langsam seinen waagrecht vorgestreckten rechten Arm und schien im Halbrund auf jeden der Anwesenden zu zeigen, ehe er zum Abschluss seines Kabinettstückchens hohnlachend feststellte, die ihm zugeschriebene Parkinson-Krankheit sei nichts als eine Erfindung des amerikanischen Geheimdienstes."

Carlos Widmann ist eher ein Geschichtenerzähler als ein Geschichtsschreiber, und gerade das macht den vorliegenden Essay, den er ironisch "das letzte Buch über Castro" nennt, so lesenswert:

Keine umfangreiche Biografie, die Allgemeinplätze über die kubanische Revolution wiederkäut und vor Bäumen den Wald nicht sieht, sondern ein temperamentvoller Überblick über die Karriere eines begnadeten Selbstdarstellers, der seit einem halben Jahrhundert die Welt zum Narren hält und seinem Volk immer neue Opfer abverlangt: Von Castros Kindheit als Sohn eines aus Galizien eingewanderten Farmers über seine kriminellen Umtriebe an der Universität bis zum gescheiterten Sturm auf die Moncada-Kaserne in Santiago de Cuba; und vom Guerillakampf in der Sierra Madre bis zum triumphalem Einzug in Havanna.

Der Rest der Geschichte ist aktenkundig, aber Widmann wirft neue Schlaglichter auf bekannte Ereignisse: Von Massenerschießungen angeblicher Konterrevolutionäre über Castros Zerwürfnis mit Che Guevara und den Schauprozess gegen den des Drogenhandels angeklagten General Ochoa bis zu seiner lange geheim gehaltenen Erkrankung und seinem halben Rückzug von der Macht, bei dem der greise Revolutionär das Zepter seinem im Dienst ergrauten kleinen Bruder übergab.

"‚Die Geschichte wird mich freisprechen!’ hatte der glattrasierte junge Rechtsanwalt Fidel Castro im Oktober 1953 vor Gericht in Santiago de Cuba theatralisch ausgerufen. Aber schon fünf Jahre später hat jener Anwalt – nun als bärtiger Guerillaführer – tatsächlich an der Geschichte des 20. Jahrhunderts mitgeschrieben. Wie weit das bekömmlich war für die Welt und für die Kubaner, steht auf einem anderen Blatt. Fidel Castro mag ein Anachronismus sein: Er bietet wie manch anderer Diktator des 20. Jahrhunderts das Paradebeispiel für den unmäßigen Einfluss einer Einzelperson auf den historischen Prozess. Mehr als alle anderen Faktoren haben Castros Hang zur Selbstverwirklichung, sein formidables Ego, sein Machthunger und sein Führungswille bewirkt, dass das ‚Erste Freie Territorium Amerikas’ (Selbstdefinition Kubas seit 1960) sich zur Bühne, zum Mitwirkenden, Antreiber oder Spielverderber im Ringen der Großmächte aufschwingen konnte."

Carlos Widmann: Das letzte Buch über Fidel Castro
Carl Hanser Verlag, München 2012
336 Seiten, 19,90 Euro, auch als ebook 15,99 Euro