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Lesart

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Lesart / Archiv | Beitrag vom 27.05.2012

Einblicke in die Unterschicht des alten Rom

Robert Knapp: "Römer im Schatten der Geschichte"

Rezensiert von Simone Schmollack

Das Kolosseum in Rom - bei Robert Knapp lernen wir mehr über das Leben der Gladiatoren.
Das Kolosseum in Rom - bei Robert Knapp lernen wir mehr über das Leben der Gladiatoren. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Sklaven, Gladiatoren, Freigelassene und Prostituierte machten einen großen Teil der Bevölkerung in der römischen Welt aus - aber in der Geschichtsschreibung blieben sie bislang unbeachtet. Robert Knapp ist es zu verdanken, dass wir jetzt mehr erfahren über die römische Unter- und Mittelschicht.

Leben im alten Rom, wie man es kennt: Kunst, Handel und Kultur, Bildung, Lebensqualität und Müßiggang. Aber so sah nur das Dasein der Römer aus, die zur Oberschicht gehörten und damit über 80 Prozent des gesamten Vermögens besaßen.

All die anderen, die ganz normalen Männer und Frauen, die Sklaven, Gladiatoren, Freigelassenen und Prostituierten, blieben bislang im Dunkeln. Dabei machten sie mit über 99 Prozent den Hauptteil der Bevölkerung in der römischen Welt aus. Robert Knapp ist es zu verdanken, dass wir jetzt mehr wissen über die sogenannte römische Unter- und Mittelschicht. Leicht und präzise beschreibt er den Alltag der Unsichtbaren.

Dass das erst jetzt geschieht, ist gar nicht so sehr die Schuld der Geschichtsschreibung. Die meisten Zeugnisse der römischen Epoche stammen vor allem von der römischen Elite. Der Historiker nutzte für seine Recherchen weitere Quellen: Fresken, Zeichnungen, Grabinschriften, Graffitis. Und Schriftstücke wie eine Sammlung aus Papyrustexten über Magie und Religion oder die "Satyrica", ein in Bruchstücken erhaltener Roman über erotische und antiheroische Abenteuer eines Mannes namens Petron. Aber auch Fabeln und Sprichwörter hat er ausgewertet.

Seine Fundstellen lassen verblüffende Rückschlüsse zu: Der Alltag der römischen "Normalbevölkerung" dürfte sich von dem in der Neuzeit nicht grundsätzlich unterschieden haben. Arbeit spielte eine große Rolle. Sie sicherte die Existenz und diente der Wertschätzung der eigenen Persönlichkeit, Ehe und Familie wurden hochgehalten, Monogamie war die Norm des sexuellen Zusammenseins.

In Vereinen, in Gasthäusern und auf der Straße pflegte man soziale Kontakte. In den Wirtshäusern und Bars ging es lebhaft zu, es wurde getrunken, gegessen und gespielt, über Politik gesprochen und geklatscht. Dort trafen sich zumeist Männer, Frauen tauchten eher als Prostituierte auf, Familien begegneten sich vor allem in den Bädern. Davon zeugt zum Beispiel eine Grabinschrift des Künstlers Pompeius Catussa:

"Pompeius Catussa errichtete dieses Monument für eine unvergleichliche Ehefrau, die sehr liebreich zu mir war, die 5 Jahre, 6 Monate und 18 Tage ohne jeden niedrigen Vorwurf mit mir lebte, und zu meinen Lebzeiten für sich selbst. Du, der dieses liest, gehe zu den Bädern des Apollo, um zu baden, wie ich es mit meiner Frau getan habe."

Frauen hatten es in der römischen Welt schwerer als Männer. Sie galten als körperlich und geistig minderwertig und waren für das "Private" zuständig, während ihre Männer in der Öffentlichkeit agierten. Der christliche Prediger Johannes Chrysostomos beschrieb sein Ideal der Paarordnung so:

"Gott hat jedem Geschlecht eine Rolle zugeteilt; die Frauen haben für das Haus zu sorgen, die Männer für die öffentlichen Angelegenheiten, für das Geschäftliche, für rechtliche und militärische Aufgaben. Denn die Frau kann keinen Speer werfen oder einen Pfeil abschießen; viel mehr kann sie spinnen, Tücher weben und alle anderen häuslichen Geschäfte übernehmen. Sie ist nicht befähigt, im Stadtrat zu sprechen, kann aber ihre Meinung sagen, was den Haushalt betrifft. Sie hält alle Unruhe fern und befreit ihren Ehemann von allen Sorgen, wenn sie die Verantwortung für die Speisekammer, das Spinnen der Wolle, das Kochen und die Bekleidung und alle anderen Aufgaben übernimmt, die für Ehemänner unpassend sind."

"Römer im Schatten der Geschichte" von Robert Knapp"Römer im Schatten der Geschichte" von Robert Knapp (Verlag Klett-Cotta)Die Frauen akzeptierten diese Vorgaben. Robert Knapp schlussfolgert sogar, dass Frauen über sich selbst nicht anders dachten, als die Männer es taten. In einem Orakelbuch ist folgende Frage einer Frau zu lesen:

"Werde ich heiraten und wird dies für mich von Vorteil sein?"

Die Ehe war ein Zweckbündnis, viele Beziehungen wurden arrangiert. Die romantische Liebe war zwar nicht ausgeschlossen, soll aber kaum vorgekommen sein. Im Leben der gewöhnlichen Römer waren Gewalt, Mord und Totschlag normal. So war auch die Ehe nicht immer ein Hort des Friedens. Im Idealfall waren Respekt und Partnerschaftlichkeit Grundlage für das Familienbündnis. Es diente vor allem dem Erhalt des Wohlstands und der Fortpflanzung. Und während die Frau keusch zu sein hatte, lebte der Mann seine Potenz auch bei Konkubinen und Prostituierten aus.

Prostitution war in der römischen Unter- und Mittelschicht weit verbreitet. Nicht wenige Frauen und einige Männer sahen darin eine Möglichkeit, ihr Geld zu verdienen. So wurden manche freiwillig zu Sexarbeiterinnen und Freiern, andere wiederum waren dazu gezwungen, weil sie sonst nicht überlebt hätten. Das Sexgewerbe hatte keinen allzu guten Ruf, aber wegzudenken aus dem römischen Alltag war es auch nicht, wie ein Grafitto in Pompeji zeigt:

"Sie, an die ich schrieb und die es einmal las, ist mit Recht mein Mädchen, sie, die ihren Preis nicht nannte, gehört nicht mir, sondern dem Volk."

Prostituierte, Sklaven, Freigelassene und Gladiatoren starben nicht nur früher als die anderen Römerinnen und Römer und sehr viel früher als die Männer und Frauen der Oberschicht. Ihr Dasein war oft ein täglicher Kampf um Leben und Tod. Sie waren der Willkür ihrer Herren ausgeliefert. Trotzdem blieben sie Menschen mit einer Würde. Freigelassene sollen sich sogar ohne Scham als "Ex-Sklaven" bezeichnet haben. Hin und wieder gelang es Söhnen von Freigelassenen, Karriere zu machen. Robert Knapp hat in der "Satyrica" die Geschichte eines Lumpenhändlers gefunden, dessen zwei Söhne studiert haben sollen.

Kaum eine Gruppe ist so mystifiziert wie die der Gladiatoren. Gladiatoren waren ausgebildete Unterhaltungskünstler, die mit Waffenspielen das Volk belustigten. In den Kämpfen blieb ihnen häufig aber nur die Wahl: Siegen oder Verlieren, Ruhm oder Tod. Dass die Kombination aus Lebensrisiko und Glamour einen großen Teil des Gladiatorenlebens ausmachte und welchen Gefahren die Kämpfer ausgesetzt waren, erzählt Robert Knapp meisterhaft. Ein recht umfangreiches Lesebuch und sehr zu empfehlen.

Robert Knapp: Römer im Schatten der Geschichte. Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich
Aus dem Englischen von Ute Spengler
Verlag Klett-Cotta Stuttgart

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