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Lesart / Archiv | Beitrag vom 09.08.2009

Einblicke in Calvins Leben und Denken

Klaas Huizing: "Calvin...und was vom Reformator übrig bleibt", Volker Reinhardt: "Die Tyrannei der Tugend", Uwe Birnstein: "Der Reformator"

Rezensiert von Klaus Möllering

Eine Calvin-Statue in Genf (AP)
Eine Calvin-Statue in Genf (AP)

Zum 500.Geburtstag von Johannes Calvin liegen drei neue Bücher vor. Volker Reinhardt befasst sich in "Die Tyrannei der Tugend" mit dem Genf des Reformators. Klaas Huizing analysiert in "Calvin... und was vom Reformator übrig bleibt" die Geisteshaltung Calvins. Und Uwe Birnstein zeichnet in "Der Reformator" dessen Lebensgeschichte nach.

"Max Weber, der große deutsche Soziologe, hat nicht zufällig den Calvinismus als Motor des Kapitalismus ausgemacht. Der sprichwörtliche Fleiß der Calvinisten, die sparten um sich künftig Haus und Autos leisten zu können, beförderte die Akkumulation von Kapital. Angetrieben wurde der Fleiß aber durch die Angst. ...Religiöse Angst, gemischt mit Hoffnung, war also das Schmierfett des Kapitalismus."

Vom Calvinismus zum Kapitalismus – so kommt einem Calvin rasch näher als man dachte. Mal knapp und kurz wie im Comic, mal als kundiger Reiseführer durch Lebensgeschichte wie Theologie Calvins blättert Huizing anschaulich auf, was die Genfer damals für Erfahrungen mit dem strengen Calvin machten, der aus ihrer lebenslustigen Handelsstadt einen frommen Gottesstaat machen wollte.

Klaas Huizing: "Calvin...und was vom Reformator übrig bleibt" (Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH)Klaas Huizing: "Calvin...und was vom Reformator übrig bleibt" (Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH)Aber im milderen Lichte von 500 Jahren Abstand gesehen lohnt es sich auch für heutige, postsäkulare Zeitgenossen, diesen Erfahrungen nachzugehen. Das ist das Fazit des gut lesbaren Essays von Huizing. Der meint: Selbst mit seiner rigorosen Strenge, die keinen ausnahm, sorgte Calvin letztlich doch vor allem für Transparenz und wurde so zu einem – Zitat - "Erzvater der Demokratie". Und den theologische Elan eines Calvin sieht er sogar bis in die Geisteswelt, bis in die künstlerischen Ziele eines Piet Mondrian hineinreichen, der mit der Macht seiner Bilder Menschen von der alten, sündigen Welt erlösen wollte.

Ob sich die Bilderstürmer der Reformationszeit das je hätten träumen lassen?

Der Schweizer Historiker Volker Reinhardt geht dagegen nicht in solch gewagten Gedankensprüngen, sondern gründlich, Schritt für Schritt vor. Seine Buch "Die Tyrannei der Tugend" ist eine interessante Expedition ins 500 Jahre entfernte Genf Calvins. Reinhardt schildert einleuchtend und differenziert, was uns heute wie ein großes Menschheitsexperiment vorkommt. Ein strenger Reformator, der in Genf beispielhaft die Reformation durchsetzen will. Rücksichtslos sorgt er für Zucht und Ordnung, die Bibel liefert ihm dafür die Vorbilder. Ohne jedes schlechte Gewissen predigt Calvin:

"So vollzieht Moses an seinen Feinden blutige Rache, aber er bleibt dabei dennoch reinen Sinnes. ...Und so hat David viel Blut vergossen, doch nicht aus Grausamkeit. Alle diese rächenden Taten waren von Gott und kein Werk sterblicher Menschen."

Reinhardts sprachlich wie argumentativ sehr überzeugende Untersuchung findet dagegen viele Zwischentöne. Genf als Gottesstaat?

Volker Reinhardt: "Die Tyrannei der Tugend – Calvin und die Reformation in Genf" (Verlag C.H. Beck)Volker Reinhardt: "Die Tyrannei der Tugend – Calvin und die Reformation in Genf" (Verlag C.H. Beck)"Die Handelsstadt lavierte zwischen dem Herrschaftsanspruch des katholischen Frankreichs und dem bisweilen bevormundenden Schutz des wehrhaften evangelischen Bern andererseits. Da blieb kaum politischer Spielraum für einen fundamentalistischen Gottesstaat unter Pastorenherrschaft. Stattdessen wurde langsam und mühsam immer wieder versucht, Glaube und Macht, hoffnungsvollen Aufbruch und gottgefällige Ordnung in eine neue Balance zu bringen."

Manches gängige Vorurteil kippt Reinhardt. Genf als Wiege der Demokratie?

"Alle standen zwar unter der gleichen, erdrückenden sozialen Kontrolle. Das hieß Bespitzelung und harte Strafen. Aber es gab auch eine beispielhafte Fürsorge für die Armen. Und was die Sittlichkeit anging: Es gab in Genf eine damals in Europa tatsächlich einmalig niedrige Rate außerehelicher Geburten."

Und was ist mit Genf als Wiege des Kapitalismus?

"Der Reformator erlaubte nur 5, höchstens 7 Prozent Zinsen, unüblich wenig damals."

Glauben, wie es Bibel und Gewissen gebieten – aber ohne jede Toleranz?

"Es gab einen enormen Glaubenszwang. Alle Bürger mussten einen Eid auf den neuen Glauben schwören. Und Ketzer wie der spanische Arzt Michael Servet wurden rücksichtslos verbrannt, da stand Calvin der katholischen Konkurrenz kaum nach. Aber Genf war andererseits so offen; in wenigen Jahren konnte es seine Einwohnerzahl verdoppeln, weil es so viele Glaubensflüchtlinge aufnahm."

Und Reichtum als Gradmesser von Gottes Erwählung?

"Das meinte man allenfalls Jahrhunderte später, korrigiert Reinhardt. Calvin selbst kam es nicht auf den Erfolg des Einzelnen, sondern auf die Lauterkeit der Kirche an - als Erweis, dass sie die rechte war. Deshalb unterzog er die Genfer einer drakonischen Kirchenzucht."

Heiligte also der fromme Zweck fast jedes Mittel? Calvins Zeitgenosse Machiavelli lässt grüßen. Dennoch war das Wirken Calvins und sein Erfolg in Genf erstaunlich, ja einzigartig, findet Reinhardt.

"Bei aller Fremdheit zur Gegenwart ist die Reformation Calvins in Genf ein Lehrstück für alle Zeit. Zugleich ist sie eine Herausforderung für die Geschichtswissenschaft. Wie konnte diese unmögliche Mission überhaupt gelingen, die strengste aller Reformationen in einer Stadt zu verwirklichen, die durch nichts auf diesen Rigorismus der Lebensführung und Moralkontrolle vorbereitet war? Wie konnte sich ein rechtloser Fremder durchsetzen, der am Anfang nicht nur die überwältigende Mehrheit seiner Amtsgenossen, sondern auch die meisten Vertreter der politischen Führungsschicht gegen sich hatte?"

Uwe Birnstein: "Der Reformator – Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte" (Wichern-Verlag)Uwe Birnstein: "Der Reformator – Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte" (Wichern-Verlag)Wer sich knapper und entspannter auf eine kleine Bildungsreise durch das Leben Calvins begeben will, kann darin dem Journalist und Theologen Uwe Birnstein folgen in seinem Porträt: "Der Reformator – wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte". Darin findet sich das Wesentliche aus dem Leben dieses Theologen, der eigentlich Jurist war. Und dessen Kirchenordnungen wie theologische Lehraussagen entsprechend streng Ordnung und Gesetz atmen.

Calvin selbst kommt zwischendurch auch immer mal zu Wort, wenn Birnstein anschaulich erzählt, warum die Genfer diesen advocatus dei eben wegen seiner Strenge rauswarfen beim ersten Anlauf, Genf zur Vorzeigestadt der Reformation zu machen. Warum sie ihn dann aber doch noch ein zweites Mal baten, bis er blieb. Und mit ihm viel Zucht. Aber wie viel Freiheit damit blieb, in einer Zeit voller Pestangst, Folter, Hexen- und Ketzerverbrennung, diesen Abgrund lotet Birnstein dann doch lieber nicht aus.

Klaas Huizing: Calvin... und was vom Reformator übrig bleibt
edition chrismon, Hansisches Druck- und Verlagshaus GmbH, Frankfurt am Main 2008
160 Seiten, 9,90 Euro

Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend – Calvin und die Reformation in Genf
Verlag C.H. Beck, München 2009
271 Seiten, 24,90 Euro

Uwe Birnstein: Der Reformator – Wie Johannes Calvin Zucht und Freiheit lehrte
Wichern-Verlag, Berlin 2009
120 Seiten, 9,95 Euro

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