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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.01.2013

Einblick in indische Verhältnisse

Krishna Baldev Vaid: "Tagebuch eines Dienstmädchens", Heidelberg 2012, 285 Seiten

Verschiedene Projekte wollen indische Frauen ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. (picture alliance / dpa /  Jens Kalaene)
Verschiedene Projekte wollen indische Frauen ermutigen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Der Fall der vergewaltigen und ermordeten indischen Studentin wirft ein bezeichnendes Licht auf das Verhältnis von Männern und Frauen auf dem Subkontinent. Auch Vaids Roman thematisiert Gewalt gegen Frauen und ihre Ausbeutung - und gewinnt dadurch eine nicht beabsichtigte Aktualität.

"Ma sagt, Sahibs und Memsahibs sind von Natur aus bösartig. Trau keinem von ihnen, sie kennen kein Mitleid mit uns." Schon der erste Satz, mit dem der Roman "Tagebuch eines Dienstmädchens" eröffnet, macht dem Leser klar: Es herrscht tiefes Misstrauen zwischen arm und reich.

Die einen – die ‚Sahibs’ und ‚Memsahibs’, sprich: die ‚Herren’ und ‚Herrinnen’ – leben in sorgenlosem Luxus in Delhis feineren Wohngegenden. Die anderen – ihre Heerscharen an Dienern und Dienerinnen – leben nachts in Slums und trostlosen Hütten, während sie tagsüber die Häuser der Reichen sauber halten, für sie kochen und putzen, einkaufen und Wäsche waschen. Auch die 19jährige Shano, Ich-Erzählerin und Verfasserin des fiktiven Tagebuchs , arbeitet, wie ihre Mutter, als Dienstmädchen. Aber Shano ist eine stille Rebellin. Sie tritt uns als selbstbewusste junge Frau entgegen, die mit unsentimentalem Blick aus ihrem Leben erzählt.

Als Leser erhält man auf diese Weise einen ungeschminkten Einblick in den Alltag sowohl der Armen wie der Reichen und zugleich in die Machtverhältnisse der indischen Gesellschaft: Die ‚Sahibs’ werden als Lustmolche bezeichnet, die ‚Memsahibs’ als meckernde Matronen. Schwiegertöchter kommen neuerdings aus Dubai; die Tochter von Shanos bengalischer Dienstherrin verliebt sich verbotenerweise in einen Muslim, muss abtreiben und nimmt sich das Leben. Shanos eigene Schwester wiederum wird von ihrem Mann geschlagen, wagt aber lange nicht, ihn zu verlassen; Shanos Bruder ist ein Kleinkrimineller – und wird dennoch von der Mutter vergöttert, wie alle Söhne in Indien.

Vaid – 1927 im heutigen Pakistan geboren und einer der profiliertesten Erneuerer der Hindi-Kurzgeschichte in Indien, der sozialkritisches Engagement stets mit explizitem Formbewusstsein verbunden hat – verleiht Shanos Notizen dabei bewusst den Tonfall anekdotischer Momentaufnahmen. Doch daraus fügt er ein mosaikartiges Gesamtbild, das die entlarvende Rechtlosigkeit derer geißelt, die keine Macht haben, dafür aber vermeintlich schlechtes 'Karma'.

Eines Tages empört sich Shanos Freundin Lalita, auch sie ein Dienstmädchen: "Diesen Schwachsinn mit dem Karma denken sich die Reichen doch nur aus, um uns klein zu halten und auszunutzen!" Tatsächlich weitet sich Shanos Blick, je öfter sie schreibt. Zugleich weichen die Beschreibungen der äußeren Realität mehr und mehr einem inneren Monolog, anhand dessen wir Shanos eigenen Bewusstwerdungsprozess ablesen können und das bis in die Sprache hinein.

Verleiht Vaid ihren Aufzeichnungen zu Beginn einen eher mündlichen Tonfall, so gewinnen ihre Formulierungen immer stärker an subtiler Poesie, ohne dass dies den authentischen Gehalt ihrer Stimme mindert. Auch Shanos gesellschaftliche Stellung verbessert sich im Laufe ihrer Aufzeichnungen: Sie erhält eine Vollzeitstelle. Doch am Ende erweisen sich die eingefleischten Vorurteile der Reichen gegenüber ihren Angestellten als unüberwindbar. Shano wird kündigen – und die Klassengrenzen, die ihr gesetzt sind, auf genau diesem Wege überschreiten.

Besprochen von Claudia Kramatschek


Krishna Baldev Vaid: Tagebuch eines Dienstmädchens
Aus dem Hindi von Anna Petersdorf
Draupadi Verlag, Heidelberg 2012
285 Seiten, 19,80 Euro

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