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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 05.10.2005

Ein wunderbares Land

Von Peter Zudeick

Peter Zudeick (WDR)
Peter Zudeick (WDR)

"Was macht einfach mehr Lust auf Deutschland?" Diese nun wirklich spannende Frage stellt in diesen Tagen weder die amtierende Bundesregierung noch die amtierende Opposition, sondern das Fonds-Unternehmen "Fidelity International". Und zwar geschieht das in ziemlich großen und ziemlich teuren Anzeigen in überregionalen Zeitungen.

Die Antwort auf die Frage wird den Lesern leichtgemacht, denn man hat zwei Möglichkeiten zum Ankreuzen. Erstens "Der Rat der Wirtschaftsweisen", zweitens "Deutschland-Fonds von Fidelity". Da ist die Wahl natürlich leicht. Denn im kleingedruckten Rest der Anzeige erfährt man, wie sensationell gut man mit deutschen Werten in deutschen Unternehmen liegt.

Also lautet die Botschaft: Kaufen, investieren, anlegen. Die gar nicht mal so heimlich mitgelieferte Botschaft lautet: Lasst euch von der Schwarzmalerei von Wirtschaftsweisen und anderen Depressionsinstituten nicht kirre machen, Deutschland geht’s viel besser, als alle immer sagen.

Parallel dazu konnte man in der vorigen Woche in den Wirtschaftsteilen der großen Zeitungen lesen, dass die Wirtschaft erstaunlich gut bei Laune ist. Wohlgemerkt: Nicht etwa nur so gut bei Laune, sondern erstaunlich gut bei Laune. Das müssen die Wirtschaftsredakteure von großen Zeitungen sagen, weil sie nämlich seit Jahren behaupten, dass alles ganz schön mies ist und sowas von den Bach runtergeht, runterer geht es eigentlich schon lange nicht mehr.

Wer sich freilich mit Daten, Zahlen, Fakten befasst, weiß schon lange, dass das so nicht stimmen kann. Ja, die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor dramatisch hoch, ja, die Zahl der Insolvenzen auch – aber gleichzeitig ist Deutschland bei den Exporten weltweit ganz vorn, hat einen enormen Leistungsbilanz-Überschuss und zählt trotz aller Widrigkeiten nach wie vor zu den stärksten Volkswirtschaften der Welt.

Das hat Funktionäre von Wirtschaftsverbänden noch nie daran gehindert, alles ganz schlimm und katastrophal zu finden. Auch das hat sich geändert. Nun heißt es: Die Wirtschaft ist zuversichtlich, dass es auch mit einer großen Koalition aufwärts geht. Kurz nach der Wahl klang das noch ganz anders. Nun wird man sagen: Die Herrschaften haben sich ins Unabwendbare geschickt und versuchen, das Beste draus zu machen. Denn das Schwarzmalen hat eben nicht zu dem Ergebnis geführt, das sie gerne gehabt hätten. Pech gehabt.

Besonders viel Pech freilich hat die Initiative "Partner für Innovation" gehabt. Die Häuser Springer, Burda, Bertelsmann, RTL und andere finanzieren unter diesem Namen eine hochedle Anzeigenkampagne mit dem Motto "Du bist Deutschland". Für alle, denen es inzwischen lästig bis langweilig geworden ist, Papst zu sein, ist das sicher eine willkommene Abwechslung.

Für die Initiatoren freilich muss die Aktion inzwischen eher peinlich sein. Denn es sieht ganz danach aus, als wäre die geplant worden im Hinblick auf eine erhoffte schwarz-gelbe Regierung. Und so, wie manche Unternehmer mit Investitionen warten, bis die ihnen genehme Regierung am Ruder ist, haben die "Du bist Deutschland"-Initiatoren wohl warten wollen, bis Merkel/Westerwelle am Ruder sind. Um dann in alle Welt hinauszutrompeten, wie toll das mit Deutschland ist. Wenn man nur will.

Was muss man wollen? Porsche sein zum Beispiel. "Du bist Porsche" heißt eine meiner Lieblingsanzeigen in dieser Serie. Da heißt es: "Für dich ist dein Auto Religion? Warum glaubst du dann nicht an dich?" Das ist so brettdumm, dass man kaum glauben mag, dass tatsächlich finanzstarke Akteure aus der Medienwirtschaft einen solchen Unsinn veranlasst haben. Die Textartisten der Werbebranche mögen solche unterirdische Sprach-Unlogik ja schick finden. Aber will man damit tatsächlich den jugendlichen Schrauber ansprechen, der sich jetzt gefälligst am Riemen reißen soll, um endlich Porsche zu werden?

Die Ideologie der ganzen Aktion ist allerdings genau von der Art, die solchen Flachsinn gebiert. Da mahnen Herrschaften wie Oliver Kahn und Günter Jauch, dass nun mal Schluss sein müsse mit der ewigen Rumjammerei. Das hört man sich von Millionären und Hätschelkindern der Schicki-Micki-Gesellschaft doch immer wieder gerne an.

Und wenn der Herr Kahn meint: "Du bist 82 Millionen", dann meint man doch, die Hochglanz-Artisten hätten von "Ton, Steine, Scherben" abgekupfert, die in den 70ern mal sangen: "Wir sind 60 Millionen, wir sind nicht allein". Die meinten das aber anders. Auch klingt dem, der es noch kennt, bei all dem Aufbruch-Getöse der alte Franz-Josef Degenhardt im Ohr und sein Refrain "Ärmel aufkrempeln, zupacken, aufbauen". Das war nämlich das, was Vati erzählte, wenn er über die rebellische Jugend schimpfte.

Das genau ist der Ton: Reiß dich zusammen, reih dich ein ins Kollektiv, glaub an "Du bist Deutschland" – und schon bist du Kahn und Jauch und Porsche oder sonst ein Millionär. Und wenn’s mit Deutschland nicht schneidig aufwärts geht, dann bist du schuld. Du ganz allein. Wie gesagt: Wäre als Kampagne für Merkel/Westerwelle nicht schlecht gewesen. Sieht jetzt etwas deplaziert aus. Pech gehabt.


Dr. Peter Zudeick, langjähriger Korrespondent in Bonn und jetzt in Berlin, Buchveröffentlichungen u.a. "Der Hintern des Teufels. Ernst Bloch - Leben und Werk", "Alternative Schulen" und "Saba - Bilanz einer Aufgabe".

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