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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.02.2013

Ein Verfechter der Moderne

Anne Sinclair: "Lieber Picasso wo bleiben meine Harlekine?", Kunstmann, München 2013, 280 Seiten

Paul Rosenberg organisierte 1923 die erste Picasso-Ausstellung in den USA.  (AP Archiv)
Paul Rosenberg organisierte 1923 die erste Picasso-Ausstellung in den USA. (AP Archiv)

Die französische Journalistin Anne Sinclair hat eine Biografie über den Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg geschrieben. Dabei erweist sich die Ex-Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn als liebevolle Porträtistin ihres Großvaters und als Chronistin "seiner" Zeit: ein beeindruckendes Buch.

Picasso in New York auszustellen – unmöglich. Die Menschen seien für "diese Malerei noch nicht offen", mahnte ein berühmter amerikanische Sammler den Pariser Kunsthändler Paul Rosenberg. Doch als leidenschaftlicher Verfechter der Moderne schlug dieser die Warnung in den Wind und zeigte den spanischen Künstler 1923 an der Fifth Avenue.

Tatsächlich war Rosenbergs Picasso-Gastspiel – in den Räumen des Kollegen Georges Wildenstein – die erste Ausstellung des heute weltberühmten Malers in den USA. Sie wurde ein Debakel. Rosenberg verkaufte kein Bild und schrieb mit leichtem Sarkasmus an den Künstler nach Paris: "Man muss verrückt sein wie ich, oder erleuchtet wie ich, um etwas Derartiges zu unternehmen."

Zu Hause, auf der anderen Seite des Atlantiks, lagen die Dinge längst anders. Seit Paul Rosenberg 1906 die väterliche Galerie übernommen hatte, war er durch Ausstellungen mit Werken von Renoir, Monet und Cezanne sowie nach 1918 auch von Picasso, Braque, Leger und Matisse zu einem der bedeutendsten Kunsthändler geworden. Doch während Kollegen wie Daniel-Henry Kahnweiler mit gewichtigen Büchern gewürdigt wurden, gibt es keine Literatur über Paul Rosenberg. Seine Enkelin, die bekannte französische Journalistin Anne Sinclair, hat nun mit einer so persönlichen wie berührenden Biografie endlich den ersten Schritt getan.

Eigentlich, so schreibt die 1948 geborene Autorin, Ex-Ehefrau von Dominique Strauss-Kahn und seit 2012 Chefin der französischen Ausgabe der Huffington Post, habe sie nur eine kleine Hommage an ihren Großvater verfassen wollen, doch dann habe es sie weggetragen. Das ist kein Wunder, denn tatsächlich spiegelt sich in der Geschichte ihrer großbürgerlichen jüdischen Familie eine ganze Epoche. Anne Sinclair erzählt sie meisterhaft – gestützt auf eigene Erinnerungen (sie war elf Jahre alt, als der Großvater 1959 starb) sowie auf eine Vielzahl bisher unveröffentlichter Quellen, darunter Tausende von Briefen. Illustriert ist das Werk zudem mit vielen Fotos aus dem Familienarchiv.

Die Autorin lässt die Höhepunkte von Rosenbergs großer Karriere Revue passieren. Die engen Freundschaften zu Picasso und Matisse gehören hierher, die unzähligen Gespräche über Kunst und Rosenbergs "famoses Auge". Die Reise in den Süden Frankreichs, wohin sämtliche (über 20) Familienmitglieder 1940 nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten geflohen waren; einige wenige Kunstwerke im Gepäck. Die letzte Etappe führt schließlich nach New York. Dort gelang Paul Rosenberg 1941 zwar ein neuer Anfang, nach 1945 musste er jedoch lange Jahre und in nicht wenigen Fällen erfolglos um Hunderte geraubte und in alle Welt verkaufte Bilder kämpfen.

Anne Sinclair erweist sich als liebevolle Porträtistin ihres Großvaters und zugleich als meisterhafte Chronistin "seiner" Zeit. Ihr ist ein rundum beeindruckendes Buch gelungen. Man wünscht ihm viele Leser und eine wissenschaftliche Fortsetzung. Das Familienarchiv befindet sich seit 2013 im Museum of Modern Art in New York.

Besprochen von Eva Hepper

Anne Sinclair: Lieber Picasso wo bleiben meine Harlekine? Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer
Kunstmann, München 2013
280 Seiten, 19,95 Euro