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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 08.12.2014

Ein Vater erzählt"Mein Kind geht nicht zur Schule"

Lernen ohne Schule

Leeres Klassenzimmer mit hochgestellten Stühlen, aus dem ein Drittklässler läuft. (picture alliance / dpa - Armin Weigel)
Schulverweigerern in Deutschland drohen hohe Strafen. (picture alliance / dpa - Armin Weigel)

Der achtjährige Jakob hat noch nie eine Schule besucht - weil seine Eltern es nicht wollen. Und das obwohl in Deutschland eine strenge Schulpflicht herrscht. Hier erklärt der Vater, warum er und seine Frau diese Entscheidung getroffen haben.

Du schickst deine Kinder nicht in die Schule? Aber was ist mit der Schulpflicht? Habt ihr dafür eine Genehmigung?

Das werde ich gefragt, wenn jemand hört, dass unser achtjähriger Sohn Jakob, das älteste unserer drei Kinder, keine Schule besucht. Wie seine jüngeren Geschwister auch, war Jakob noch nie im Kindergarten, und eine Schule hat er bisher nur betreten, um seine Freunde nach Unterrichtsende zum Spielen abzuholen. Jakob geht ins Bett, so spät er will, und selten ist er morgens vor neun wach.

Dann schmökert er, bastelt Armbänder aus bunten Gummiringen, spielt mit seinen Geschwistern oder hört Hörbücher. Er genießt diese ruhigen Vormittage - und er freut sich auf die turbulenten Nachmittage, an denen er mit anderen Fußball spielt, herumtobt, Neuigkeiten austauscht. Seine Freunde beneiden Jakob. Schule vermisst er nicht.

Keiner von uns tut das, und nein: Wir haben keine Genehmigung, und wir würden auch keine bekommen, denn die deutschen Behörden setzen die Schulpflicht eisern durch. Wenn wir entdeckt werden, haben wir schlechte Karten, unser Fall käme irgendwann vor ein Familiengericht, das uns Teile des Sorgerechts entziehen könnte. Fast alle Deutschen finden das richtig so. Ich nicht. Ich finde, mein Sohn hat eine tolle Kindheit.

Er lernt ganz von selbst, er liest, schreibt, rechnet so gut wie andere Kinder - alles ohne Unterricht. Denn wir praktizieren kein "Homeschooling", wo Eltern ihr Kind unterrichten, sondern das sogenannte "Freilernen", auf Englisch sagt man: "Unschooling". Unterricht ist eine unglaublich ineffiziente Art der Wissensvermittlung. Kinder lernen von Natur aus, freiwillig, sie saugen Wissen geradezu auf!

Klar lernt euer Sohn jetzt gern. Er ist noch klein! Aber was ist später mit höherer Mathematik, Integralrechnung, wie lernt er denn das?

So fragen uns Freunde. Mathematik? Sage ich dann - spricht das wirklich für die Schule? Geh auf die Straße und frag irgendwen nach dem Mathestoff der siebten, achten Klasse. Bei den meisten ist kaum etwas übrig, viele können nicht einmal sicher schriftlich dividieren! Die meisten Menschen fragen mich genau deshalb nach Mathematik: Weil ihnen die Schule so große Angst davor eingejagt hat. Und darum soll Schule notwendig sein? Das finde ich absurd. Studien haben gezeigt, dass zwei Jahre nach Schulabschluss 90-95 Prozent des mühsam gelernten Stoffs schon wieder vergessen sind.

Aber es geht ja in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung! Schule hat andere Ziele, Sozialisierung, Toleranz, Auseinandersetzung mit anderen!

Ist Schule wirklich ein guter Ort für soziales Lernen? Sie reglementiert Kommunikation streng, die meiste Zeit sind soziale Interaktion und Auseinandersetzung in der Schule ja verboten - man darf nicht einmal miteinander reden, weil das den Unterricht stört! Alles, was für soziales Lernen fruchtbar ist, muss die Schule aufgrund organisatorischer Notwendigkeiten minimieren, Statistiker haben errechnet, dass jedes Kind sich in einer Schulstunde durchschnittlich ungefähr zwanzig bis dreißig Sekunden äußert. Der Frontalunterricht überwiegt nach wie vor bei weitem. Und in einer sozial so sterilen Umgebung soll soziales Lernen funktionieren?

Aber man braucht doch Abschlüsse im Leben. Was ist, wenn Eure Kinder studieren wollen? Was soll aus ihnen werden?

Abschlüsse kann man nachmachen, auch wenn man nie in der Schule war. Wir kennen viele Familien, wo das funktioniert. Eine befreundete Mutter hat mir einmal gesagt, als ihr Sohn sich auf die Mittlere Reife vorbereitete, der war vorher nie auf der Schule: Mein Gott, dieser Stoff ist so dürftig, wie schafft die Schule es bloß, die Kinder zehn Jahre lang hinzuhalten, bis sie diese lächerliche Prüfung machen dürfen?

Das gilt vielleicht für Familien der Mittelschicht! Aber was ist mit bildungsfernen Eltern? Da ist Schule für die Kinder doch ein Segen!

Aber diese Kinder sind doch gerade die Verlierer des Schulsystems! Das zeigen alle Studien, seit Jahrzehnten, alle Reformen haben daran kaum etwas geändert: Bildung ist gerade in Deutschland sozial hoch selektiv. Ich finde das auch logisch, denn Schule ist von ihrer Grundstruktur her als Wettrennen um die guten Noten organisiert, und wer vom Elternhaus her mit einem Vorsprung in dieses Rennen einsteigt, der geht auch eher als Sieger daraus hervor. Darum wehren sich ja gerade Eltern aus der Mittelschicht mit Händen und Füßen gegen die Abschaffung von Noten, obwohl längst wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die zum Lernerfolg nichts beitragen.

Soziologisch gesehen, ist Schule ein System gesellschaftlicher Reproduktion - und eine Gesellschaft, die sozial geschichtet ist, wird sich durch diese Institution auch immer als geschichtete reproduzieren. Dass man ausgerechnet die Schule aus Heilmittel dafür anpreist, ist ein Widerspruch in sich!

Aber du kannst doch nicht leugnen, dass sich viel verändert hat! Heute will Schule zumindest den Benachteiligten helfen, sie will sie fördern, ist das kein Fortschritt?

Ich bin nicht sicher. Das Wort "fördern" kommt aus der Sonderpädagogik, darum heißt es ja "Förderschulen". Letztlich steckt darin eine seltsame Bevormundung. Früher herrschte das Bild vom wilden Kind vor, das die Pädagogik bändigen musste. Das war autoritär, aber immerhin eine klare Sache.

Dieser Förder-Diskurs hat dazu geführt, dass Kinder eher als hilflose, defizitäre Wesen gesehen werden, wie Autos, die man ständig anschieben muss. Man sagt so gern, die "Förderschulen" gehören abgeschafft, der Inklusion wegen - ich würde umgekehrt sagen: Dieser bevormundende Gestus der heutigen Schule macht tendenziell alle Schulen zu Förderschulen.

Verräterisch finde ich, dass man in den Leitbildern vieler Schulen heute steht, man wolle die Kinder "fördern und fordern" - das ist eine Formel aus der Hartz-IV-Debatte über Langzeitarbeitslose! Dieses ganze fürsorgliche Zwangssystem hilft in Wahrheit benachteiligten Kindern überhaupt nicht. Es schreibt die Unmündigkeit, aus der es sie angeblich befreit, eigentlich nur fort.

Aber was ist denn die Alternative? Letztlich kann man später auch nicht machen, was man will. Man muss sich irgendwann unterordnen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft!

Irgendwann landet jedes Gespräch über Schule an diesem Punkt: Freiheit schön und gut, aber später muss man sich arrangieren. Ich finde das schockierend! Angeblich geht es um Bildung, Mündigkeit, Demokratie, aber am Ende sagt fast jeder, mit dem ich spreche, das Gegenteil: lernen, sich unterzuordnen. Ich glaube, darum hängen wir so an der Schulpflicht. Es ist der tief in uns verwurzelte Glaube, dass Menschen Zwang brauchen, es ist Angst vor der Freiheit.
Wir sichern alles ab, versuchen alles zu planen, zu managen, unsere Gesellschaft ist so angstbesetzt und kontrollversessen - und ein Symptom dieser Angst ist Schule. Frei aufwachsende Kinder, dafür hat dieses Land, das angeblich so kinderfreundlich ist, in Wahrheit panische Angst. Selbst wenn ich die Zukunft meines Kindes planen könnte, ich würde es nicht tun, das darf ich gar nicht, das wäre ein Verbrechen! Der große Pädagoge Janusz Korczak hat das einmal als Grundrecht des Kindes formuliert, das "Recht auf den heutigen Tag". Ich darf die Freiheit meines Kindes keiner Zukunft unterordnen, die ich doch gar nicht kenne!

Freiheit bedeutet Ungewissheit, und es ist meine Pflicht, sie auszuhalten, meinem Kind den Raum dieser Ungewissheit offenzuhalten - erst dann kann Bildung entstehen, als aktiver Prozess, der vom Kind ausgeht. Wir kennen viele Familien, die in Deutschland heimlich, illegal ohne Schule leben. Das Recht darauf ist ein Bürgerrecht. Es ist ein Kinderrecht. In den meisten anderen Ländern Europas gibt es dieses Recht.

Ich fordere es auch für mich, für meine Kinder - als das, was das Grundgesetz jedem deutschen Bürger garantiert, das Recht auf ein Leben in Selbstbestimmung und Freiheit. Wir haben das Recht auf Bildung in einer geradezu orwellschen Sprachverdrehung in einen paternalistischen Bildungszwang verdreht, der Lernen behindert und Mündigkeit erstickt. Bildung aber, so hat es schon Wilhelm von Humboldt gesagt, und die wunderbare Entwicklung unserer Kinder bestätigt das für mich täglich - Bildung braucht Freiheit.

Mehr zum Thema:

Keine Angst mehr vor der Schule?
(Deutschlandfunk, PISAplus, 22.12.2007)

Neue Hoffnung für Schulverweigerer
(Deutschlandfunk, PISAplus, 22.12.2007)

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