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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 16.04.2012

Ein unübertroffener Roman aus Afrika

Chinua Achebe: "Alles zerfällt", S. Fischer, Frankfurt 2012, 237 Seiten

Chinua Achebe
Chinua Achebe (picture alliance / dpa / Peter Cunliffe-Jones)

In seinem Roman "Alles zerfällt", einem Klassiker der afrikanischen Literatur, erzählt Chinua Achebe von Sehnsüchten, die keine Zukunft haben. In seinem Meisterwerk schreibt Achebe in einer Sprache, die dokumentarisch und poetisch ist: Mit dem Roman erhielt Afrika eine Stimme.

Der 1930 im Osten Nigerias (dem späteren Biafra) geborene Schriftsteller Chinua Achebe hat mit seinem ersten Roman "Alles zerfällt" von 1958 den Klassiker der afrikanischen Gegenwartsliteratur geschrieben; ein Buch, dessen Lektüre für viele spätere Schriftsteller des Kontinents prägend war, weil es - nicht über Afrikaner - sondern ganz aus der Innenperspektive geschrieben ist und weil es rekapituliert, was die afrikanische, genauer die Igbo-Dorfwelt, vor der Kolonisierung war und wie deren Werte und Regeln durch die Briten zerstört wurden. Heute lebt und lehrt der durch einen Verkehrsunfall gelähmte Achebe in den USA und hat 2011 erneut eine nationale Würdigung des nigerianischen Staates abgelehnt.

"Alles zerfällt" erzählt vom Aufstieg Okonkwos aus ärmlichen Verhältnissen, von seinem unbedingten, "aus Angst vor sich selbst" gespeisten Willen nach Sicherheit, Erfolg, Macht und Anerkennung. Die Erinnerung an seinen schwachen Vater gilt es zu tilgen, den Widrigkeiten der Natur zu trotzen und ungebrochene Männlichkeit zu verkörpern. So wird er ein geachteter Kämpfer, hart gegenüber sich selbst und seiner Umgebung, hart in seinem Urteil, seiner Unnachsichtigkeit anderen gegenüber: "Er verstand es, die Seele eines Mannes zu töten".

Drei Frauen und acht Kinder leben in Okonkwos weitläufigem Gehöft, von dessen tagtäglichen Routinen Achebe erzählt, dessen Vernetzung in die Dorfgemeinschaft, in den weiteren Verwandtenkreis und in den Zusammenschluss von insgesamt neun Dörfern anlässlich von Besuchen, Markttagen und Festen Konturen gewinnt. Familie und gesellschaftliche Beziehungen unterliegen strengen Regelungen und noch unbedingter sind Glaubensvorstellungen und -anforderungen verankert. Dass vor allem Okonkwo sie rigider auslegt als andere in der Gemeinschaft, wird deutlich, als er den Rat eines Freundes in den Wind schlägt, sich nicht nur dem Mordkommando anschließt, sondern seinen Ziehsohn eigenhändig umbringt. Er war seiner Familie gewissermaßen als Unterpfand nach einem Mord anvertraut worden und ihm ans Herz gewachsen.

Wegen eines Unfalles mit Todesfolge verlangt das Gericht der Erdgöttin eine siebenjährige Verbannung zum Clan der Mutter, wo Okonkwo mit seiner Familie ein neues Leben in Abhängigkeit beginnen muss. Und allmählich gerät die Welt aus den Fugen. Die Ankunft der Weißen sorgt für Unruhe, sein als Schwächling verhöhnter Sohn verlässt ihn, um sich britischen Missionaren anzuschließen. Nichts ist mehr wie es war, als Okonkwo nach sieben Jahren zurückkehrt in sein Dorf. Auch dort drängen sich bisher unbekannte Regeln und Politiken in den Vordergrund, denn die Weißen haben neben der Religion auch eine "Regierung" und ihre eigenen Gesetze mitgebracht, die sie mittels Einschüchterung, Erniedrigung und Gewalt durchsetzen.

Vor allem die "Mühseligen und Beladenen", die in der Hierarchie des Dorfes am weitesten unten stehen, zieht es zu dem tröstlichen Versprechen umfassender Brüderlichkeit. Schuld und Unschuld werden neu definiert, die Macht der alten Götter "entweiht". Alles zerfällt, weder Ältestenrat noch eigene Gesetze können an der schieren Überlegenheit der neuen Herren rütteln: "Der weiße Mann, dessen Macht Du nur zu gut kennst, befiehlt, die Versammlung aufzulösen." Den Boten dieses Befehls tötet Okwonko in ohnmächtiger Wut - und beendet sein eigenes Leben mit einem "Frevel gegen die Erde", um nicht den Briten ausgeliefert zu werden.

Achebe zeigt die Gültigkeit der alten Ordnung, in der jeder seinen festgelegten Platz hat. Durch Wiederholungen immergleicher Handgriffe und Abläufe, durch Andeutungen in religiösen Dingen, die nicht erklärt beziehungsweise ausgesprochen werden dürfen entsteht die unverrückbare Matrix der Lebenswelt im Dorf. Außerdem hält sich Achebe an den Duktus der mündlichen Rede, erzählt ohne auktoriale Instanz in einem langsamen Fluss, zeigt, wie die von Außen verursachte Beschleunigung die Beteiligten buchstäblich kopflos macht.

Der Roman endet mit einem Buch, das der britische Comissioner über seine Erlebnisse zu schreiben beabsichtigt: Es würde eines der Exkulpierung britischen Unrechts, eines der Furcht und rassistischen Ressentiments werden - kurzum: alles andere als das Buch, das Chinua Achebe geschrieben hat zu einem Zeitpunkt, als all diese Texte aus der Feder von Weißen längst schon kursierten.

Und weil Achebe eben diesen Übergang markiert und eine Welt erschafft vor dem Abgrund der angeblichen "Geschichtslosigkeit", vor dem abwertenden, überlegenen kolonialen Blick, ist "Alles zerfällt" ein bis heute unübertroffener Roman aus Afrika. Und dies umso mehr, als er kein besseres Vorher konstruiert, keine nostalgischen Bedürfnisse befriedigt, auch die Härten dieser früheren Gesellschaft, ihre eigenen magisch und durch Furcht begründeten Ausschlusskriterien deutlich macht.

Besprochen von Barbara Wahlster

Chinua Achebe: Alles zerfällt
Aus dem Englischen von Uda Strätling
S. Fischer, Frankfurt 2012
237 Seiten, 20,60 Euro


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