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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2011

Ein Unterhaltungsroman im besten Sinne

Alex Capus: "Léon und Louise", Roman, Hanser Verlag, München 2011, 315 Seiten

Léon und Louise - in der Metro treffen sie sich wieder (AP)
Léon und Louise - in der Metro treffen sie sich wieder (AP)

"Auf immer und ewig" - so der Liebesschwur, den der junge Léon an seine geliebte Louise richtet, um sie dann für beinahe immer aus den Augen zu verlieren. Der neue Roman von Alex Capus ist ein sehr unterhaltsames Loblied auf die Liebe.

Louise, eine sperrige junge Person, keck und immer mit einer Zigarette im Mundwinkel, verliebt sich in Léon. Den Jungen, der mit mächtigem Freiheitsdrang sein Elternhaus verließ, um an dem kleinen Bahnhof von Saint-Luc-sur-Marne Funker zu werden. Schon vor der ersten gemeinsamen Nacht am Strand schwört er: "auf immer und ewig" – und kann nicht ahnen, wie wahrhaftig er in diesem Moment des jugendlichen Überschwangs gesprochen hat. Er wird nie aufhören, Louise zu lieben. Auch nicht in dem Jahrzehnt, in dem er nichts von ihr weiß und in den vielen Jahren, in denen er - als Ehemann einer anderen - vergeblich versucht, sie zu vergessen.

Nach der ersten und einzigen gemeinsamen Nacht - wir schreiben das Jahr 1918 - geraten die beiden auf dem Rückweg nach Hause in einen der letzten deutschen Bombenangriffe des ersten Weltkriegs. Und verlieren einander. Erst zehn Jahre später sehen sie sich wieder - in der Pariser Metro. In Zügen, die aneinander vorbeifahren.

Und nun beginnt eine Liebesodyssee, die man sich überraschender, zärtlicher, leidenschaftlicher und pragmatischer nicht vorstellen kann. Dem Schweizer Schriftsteller Alex Capus gelingt es mit Bravour, einen leisen, klugen, dramatischen und immer wieder auch komischen Roman zu schreiben über die Liebe zwischen einem kleinen Beamten, der im Labor des Polizeiministeriums Kartoffelgratin auf Arsenrückstände prüft und einer "Tippse" in der Banque de France. Eine Liebe, die zwei Weltkriege und manch andere Widrigkeit überlebt.

Immerhin bekommt Léon im Laufe der Jahre fünf Kinder mit seiner Frau. Und käme nie auf die Idee, sich von ihr zu trennen. Weiß alsbald aber auch, dass er nicht ohne Louise leben kann. Und so gelingt ihm das kleine lebensvernünftige Wunder, beiden treu zu sein – ohne Verrat zu begehen oder zu empfinden.

Das wird alles mit Tempo und gänzlich ohne Pathos oder gar Larmoyanz erzählt und bleibt immer ganz nah am Alltag der Protagonisten. In Kriegs- und Friedenszeiten. Denn scheinbar ganz nebenher erzählt uns Capus auch Weltgeschichte im Kleinen. Wie Léon versucht, manche Anweisungen der deutschen Besatzer zu boykottieren, dabei durchschaut wird und sich nun weigert, den guten Kaffee zu trinken, den ihm der Oberscharführer regelmäßig schickt. Wie er beginnt - ein gefährliches Geschäft - die Tüten auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. So kommt er zu Geld, zu viel Geld, das er unter die Leute bringt, die es dringend brauchen. Und die ihn natürlich prompt verdächtigen, ein Kollaborateur zu sein.

Das klingt vielleicht alles ein wenig zu gut und zu liebevoll für die Wirklichkeit. Und doch muss sich ein darob skeptischer Leser fragen lassen, warum er jedem literarischen Unhold zutraulich folgt, dem liebenswürdigen Menschenfreund dagegen gern misstraut.

Léon verliert darüber seine eigene Lebenslust nicht aus dem Blick: Louise. Diese schnodderig zärtliche Person. Die seine Liebe bleibt. Und seine Geliebte. Ob man den Roman nun einen Unterhaltungsroman nennen will, weil er sich wunderbar liest und im besten Sinne unterhält, scheint eine müßige Frage. Denn hier erzählt ein gelassen weitäugiger Autor mit bedachter Verve von einer hin- und mitreißenden Liebe.

Besprochen von Gabriele v. Arnim

Alex Capus: Léon und Louise. Roman
Hanser Verlag, München 2011
315 Seiten, 19,90 Euro

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