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Religionen / Archiv | Beitrag vom 14.07.2012

Ein ungewöhnlicher Rahmen für ein besonderes Thema

Die Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Artheon veranstaltet eine Bankettdebatte über die Kultur der Liebe

Horst Konietzny im Gespräch mit Anne Françoise Weber

Reich an Speisen, reich an Debatten - das "Das Fest der Liebe zur Kunst".
Reich an Speisen, reich an Debatten - das "Das Fest der Liebe zur Kunst". (AP)

Die Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Artheon will eine Debatte anregen. Das Thema: "Das Fest der Liebe zur Kunst". Damit das aber nicht so trocken wird und das Publikum intensiver teilnimmt, haben die Veranstalter ein ungewöhnliches "Bankett" organisiert, wie der Münchner Regisseur Horst Konietzny erläutert.

Anne Françoise Weber: "Das Fest der Liebe zur Kunst", so heißt eine Veranstaltung, die an diesem Wochenende anlässlich der Documenta 13 in Kassel stattfindet. Initiatoren sind unter anderem die Gesellschaft für Gegenwartskunst und Kirche Artheon, das Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland und das Marburger Institut für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart. Kernstück der Tagung ist ein Bankett heute Abend in der Alten Brüderkirche. Da sollen in Anlehnung an Platons Symposion sieben prominente Gäste aus Theologie, Kunst, Philosophie und so weiter Tischreden halten. Das Publikum schmaust ebenfalls, und darf auf der Tischdecke notieren, was behaltenswert erscheint - denn die lässt sich nachher zerreißen und in kleinen Stückchen mit nach Hause nehmen. Künstlerischer Leiter ist der Münchner Regisseur Horst Konietzny. Ich habe vor der Sendung mit ihm gesprochen und ihn zunächst gefragt, wie eng man denn da an der Vorlage bleiben wird. Für Platon endet das Symposion ja im Trinkgelage.

Horst Konietzny: Bei uns fängt es mit dem Trinkgelage an. Das ist sozusagen die Aufschlagshilfe, das ist die Grundlage, die diese ganzen unterschiedlichen Menschen erst mal auf ein Thema vereinigt und es ihnen auch nahelegt, dieses Symposium auch noch mal zu lesen, um einfach von der gleichen Startrampe zu starten und dann sich dem Thema zu nähern, nämlich dem Thema der Liebe zur Kunst. Was ja das Berührende an dem Platonschen Gastmahl ist: Dass es da so ausschließlich und so entschieden um die Leidenschaft geht, um diese Vorstellung, dass die Dinge, Menschen, die Natur von Liebe als zusammenhangstiftender Kraft durchdrungen ist und dass es dann eben verschiedene Facetten dieser Liebe gibt, die unterschiedliche Effekte auf den Menschen haben, aber letztlich erotisch, stimulierend, impulsgebend sind. Das ist sozusagen die Startrampe, von der aus wir starten und dann sehen, wo wir heute Abend landen werden, weil es natürlich auch einen experimentellen Teil insofern hat, als man sieben Geistesgrößen natürlich nicht kontrollieren kann. Also Sie haben mich in der Anmoderation Regisseur des Ganzen genannt, das ist toll und so würde ich mich vielleicht auch sehen, aber ich glaube, das ist doch auch eine sehr fluide Gruppe und eine sehr irisierende Gemengelage von Geistern, die man gar nicht so kontrollieren kann. Also jetzt kürzlich habe ich wieder gehört, dass Herr Huizing zum Beispiel mit einer Publikumsbeschimpfung anfangen wird. Die kommt bei Platon gar nicht vor. Aber das ist eben das Schöne, dass man ganz frei auch mit so einer Ausgangsbasis oder mit so einer Grundlage umgehen kann.

Weber: Das ist eben die künstlerische Freiheit. Aber haben Sie denn die Rollen verteilt? Wissen Sie denn, wer den Sokrates geben wird? Das ist ja doch die zentrale Figur.

Konietzny: Also es gibt keine zentralen Figuren, weil jeder auch exakt gleiche Redezeit hat, aber Thomas Erne hat auf seinem Besetzungszettel tatsächlich Sokrates stehen, und Petra Bahr die Diotima.

Weber: Jetzt müssen wir noch kurz erklären: Thomas Erne ist der Direktor des Instituts für Kirchenbau und kirchliche Kunst der Gegenwart, und Petra Bahr ist die Kulturbeauftragte des Rates der EKD.

Konietzny: Genau.

Weber: Ist denn aber trotzdem dieses Thema der erotischen Leidenschaft so wirklich geeignet für eine Kirchenveranstaltung? Also wenn Sie sagen: "Liebe und Kirche"- natürlich, da kann man sich eine Verbindung vorstellen, aber der Eros, der war doch von der Kirche her immer so etwas kritisch beäugt.

Konietzny: Ja gut, also wenn man jetzt mal die homoerotischen Aspekte zur Seite lässt, die bei Platon natürlich eine große Rolle spielen: Die spielen bei uns tatsächlich auch jetzt keine Rolle. Aber darum geht es ja in dem Symposion nicht ausschließlich, sondern es ist wirklich die Vielfalt von Liebesphänomenen zum Thema genommen. Und das ist schon eine ganz gute Startbasis, um sich diesem Thema der Kunst zu nähern, denn wenn man über Kunst redet, kommt man sehr schnell vom Hundertstel ins Tausendstel. Und wenn man sich überlegt: Was ist denn der Urimpuls, an was denke ich denn, warum beschäftige ich mich denn mit Kunst? Und wenn ich jetzt von mir ausgehe, dann kann ich schon sagen, dass es eine Leidenschaft ist, dass ich irgendwelche Phantasien mit Kunst verbinde, die was mit Erlösung zu tun haben, die irgendwas mit Selbstentgrenzung zu tun haben, mit, ja, mit Leidenschaft und auch tatsächlich auch mit etwas ganz Liebevollem, etwas so Rätselhaftem, wie die Liebe eben auch ist. Also man kann es nicht genau fassen, aber es ist doch irgendwie eine große Neigung. Also der Amateur, der Dilettant, alle diese Randgestalten der Kunst sind ja alle verbunden durch die Liebe. Und das war also der Gedanke, dass man das als zentrale Klammer nimmt, und so, wie sie relevant für die Kunstbetrachtung ist, ist sie natürlich für die Kirche auch. Also ich denke, die zentrale Botschaft der christlichen Religion hat sehr stark 'was mit Liebe zu tun.

Weber: Kunst und Kirche und Kunst und Religion haben nun nicht unbedingt das, was man ein Liebesverhältnis nennen könnte. Öfter mal sehen Religionsvertreter in vor allem zeitgenössischer Kunst religiöse Gefühle verletzt, und wir hatten jetzt anlässlich der Documenta den Fall ja ein bisschen andersrum: Die künstlerische Leiterin fühlte sich durch eine Skulptur des Bildhauers Stefan Balkenhol im Glockenturm einer katholischen Kirche bedroht. Wie sieht das aus mit dem Verhältnis von Kunst und Kirche?

Konietzny: Also ich denke, das ist eine Frage des Verhältnisses der Institutionen, also der institutionalisierten Kunst, auch dem Betriebssystem Kunst, was ein bestimmtes Machtgepräge hat, und auf der anderen Seite der Institution der Kirche, die natürlich auch jetzt mit bestimmten Machtinteressen verbunden ist. Und ich denke, das ist eher so ein Abgrenzungsphänomen, dass man die Kunst natürlich benutzt, um die eigene Position zu untermauern, und in dem Fall der Documenta, das ich auch nur aus der Presse kenne, könnte man vermuten, dass es einfach darum geht, zu zeigen: Wir prägen das Label dieser Documenta, wir sind diejenigen, die die Gestaltungshoheit haben und wollen uns da nicht in die Suppe spucken lassen. Also das könnte so was sein. Natürlich ist es ein sehr empfindliches Verhältnis, weil man immer natürlich das Thema der Zensur sehr schnell hat, denn gerade im 20. Jahrhundert ist diese ursprüngliche Verbindung, die ja sehr stark war traditionell - also die Kirche war der große Auftraggeber für Künstler über Jahrhunderte -, das ist im 20. Jahrhundert verändert, und zwar denke ich in dem Maß, in dem die Kunst selber Erlösungsphantasien entwickelt hat. Also da hat man im gleichen Feld gewildert, und das könnte ein Grund dafür gewesen sein, dass es zu nachhaltigen Problemen gekommen ist. Ich denke, die Probleme sind natürlich differenzierter, also wenn man jetzt zum Beispiel sich vorstellt, wie moderne Kunst in einer Kirchengemeinde funktioniert, da erlebt man auch sehr oft, dass die Kunstbeauftragten da sehr experimentell durchaus denken und einen weiten Kunsthorizont haben, aber die Kirchengemeinden da nicht mitkommen. Also das ist jetzt auch noch mal ein Vermittlungsproblem in die Kirchen, in das kirchliche Klientel hinein. Also ich denke, das ist eine unterschiedliche und sehr differenzierte Gemengelage, die man nicht so pauschal jetzt, glaube ich, auf einen Nenner bringen kann.

Weber: Sie selbst haben beim Ökumenischen Kirchentag in München 2010 das Programm der dortigen Kulturkirche kuratiert. Lief denn da die Begegnung zwischen Kunst, Kultur, Kirche und Gemeinde so ganz konfliktfrei?

Konietzny: Das lief ganz wunderbar, also das war für mich das erste Mal, dass ich mit Kirche so intensiv gearbeitet habe mit einem künstlerischen Projekt Und ich muss sagen, ich war sehr überrascht, wie gut es funktionieren kann, denn das, was wir gemacht haben, das war durchaus ungewohnt, sage ich mal, jetzt auch für ein Kirchentagspublikum. Also ich glaube, es ist wichtig, dass man es vermittelt, was man da macht, dass man jetzt eben einem kunstungewohnten Publikum die Möglichkeit bietet, das zu verstehen. Aber man muss nicht von vornherein zurückschrecken und Angst vor der eigenen Courage haben, sondern man kann durchaus auf die Kompetenz auch der Gläubigen in Kunstfragen vertrauen, und man kann diesen neutralen ... also er ist nicht wirklich neutral, er ist natürlich aufgeladen, aber er ist jetzt sagen wir mal aus den Kunstüblichkeiten herausgenommen, der Kirchenrahmen, sondern er ist ein spezieller, er ist ein Rahmen, der zu Kontemplation einlädt, der wirklich erleichtert sich auch mit den existenziellen Fragestellungen, die die Kunst ja anbietet, auseinanderzusetzen und wegzukommen von den Äußerlichkeiten, von den Oberflächlichkeiten des Kunstbetriebes.

Weber: Ja, und mehr über das Liebesverhältnis zwischen Kunst und Religion und Kirche heute Abend dann also beim "Fest der Liebe zur Kunst". Vielen Dank, Horst Konietzny, Regisseur und künstlerischer Leiter dieser Fests, das verschiedene evangelische Institutionen an diesem Wochenende in Kassel ausrichten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.