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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.11.2011

Ein unentwirrbares Dilemma

Charles Lewinsky: "Gerron", Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2011, 540 Seiten

Charles Lewinsky wurde 1946 geboren und hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert.  (picture alliance / dpa / Patrick Lux)
Charles Lewinsky wurde 1946 geboren und hat Germanistik und Theaterwissenschaft studiert. (picture alliance / dpa / Patrick Lux)

In der Schweiz ist Charles Lewinsky vor allem durch seine Arbeit fürs Fernsehen bekannt. Über die Grenzen hinaus haben ihn seine Bücher bekannt gemacht. In seinem neuen Buch "Gerron" beschreibt Lewinsky die Lebensgeschichte des von den Nazis ermordeten Regisseurs Kurt Gerron.

Ein Künstler, gedemütigt und verstoßen, darf noch einmal seine Kunst beweisen. Ein Vollblutkomödiant, der immer fast treuherzig daran geglaubt hat, dass sich alles im Leben inszenieren lässt, soll einen Film inszenieren. Er hat drei Tage Zeit, sich zu entscheiden. Er weiß: Er hat keine Chance, diesen Film wirklich selbst zu inszenieren. Er ist selbst Teil einer anderen, viel größeren perfiden Inszenierung, die nur ein Leitmotiv hat: seinen Tod. Lehnt er ab, stirbt er sofort. Sagt er zu, lebt er etwas länger, verrät aber seine Kunst und seine Werte.

Das ist die Ausgangslage in Gerron, dem neuen Roman des Schweizer Schriftstellers Charles Lewinsky. Er erzählt von Kurt Gerron, Regisseur, Schauspieler, Sänger, so beleibt wie beliebt, bis die Nazis an die Macht kommen. Gerron ist Jude, er flieht, verpasst die Chance, sich in die USA zu retten, und landet mit seiner Frau Olga in Theresienstadt. In jenem "Vorzeige-KZ", aus dem aber täglich Züge nach Auschwitz rollen. Im August 1944 verlangt die SS einen Propagandafilm. Das Ausland soll sehen: Hier wird niemand umgebracht, das Rote Kreuz kann abziehen. Die Heimatfront soll die Lüge vom "jüdischen Siedlungsgebiet im Osten" glauben, wo es "den Juden" blendend geht, während "unsere" Landser ihr Leben fürs Vaterland lassen.

Lewinsky hat die wenigen nicht verloren gegangenen Fakten über viele Jahre zusammengesucht und dann eine kluge, weil radikale poetische Lösung gewählt: Er erfindet Kurt Gerron, indem er die ganze Geschichte in seinen Kopf verlagert. Sein Gerron entfaltet sich in inneren Monologen, nur sparsam durch Gewalthandlung unterbrochen. In Rückblenden erfahren wir nicht nur von Gerrons Kindheit, Jugend, Familie und der wunderbaren Liebesgeschichte mit Olga. Er lässt auch die Berliner 20er- und frühen 30er-Jahre grandios Revue passieren, die Theater, die UFA-Story, später die Schäbigkeiten mancher Zeitgenossen von Brecht bis Rühmann.

Das alles ist konzentriert auf die drei Tage bis zur Entscheidung zwischen Pest: Mittäter zu werden, um nicht Opfer zu werden, und Cholera: Eben damit seine Opferrolle zu bestätigen und womöglich trotzdem das Leben zu opfern. Ein unentwirrbares moralisches und existenzielles Dilemma. In solchem Dickicht siedelt oft gute Kriminalliteratur.

Aber einen Krimi hat Lewinsky nicht geschrieben, nicht schreiben können. Wenn die ganze Welt, in der man leben muss, zum Tatort von Kapitalverbrechen geworden ist, gibt es keinen archimedischen Punkt, um sie von innen aus den Angeln zu heben. Man kann nur noch hoffen, so lange zu überleben, bis jemand von außen sie mit Gewalt befreit.

Gerron dreht den Film im August/September 1944. Warum? Das war die Frage, die Lewinsky umgetrieben hat. Sein Roman ist seine Antwort, und das Erschütterndste an ihr ist gerade die unsentimentale Leichtfüßigkeit, mit der sie aufgeschrieben hat.

Kurt und Olga Gerron und die 22 Leute vom "Filmteam" gehen noch im Oktober auf den Transport nach Auschwitz. Am 28.10.1944 wird Gerron dort ermordet. Drei Monate später befreit die Rote Armee das Lager.

Besprochen von Pieke Biermann

Charles Lewinsky: "Gerron"
Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2011
540 Seiten, 24,90 Euro

Das Manuskript weicht an einer Stelle von der gesendeten Fassung ab.

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