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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.08.2011

Ein Spaziergang durch die Architektur

Claudia Pineiro, "Der Riss", Unionsverlag, Zürich 2011, 253 Seiten

Claudia Pineiro wurde 1960 in Buenos Aires geboren. (Alejandra Lopes)
Claudia Pineiro wurde 1960 in Buenos Aires geboren. (Alejandra Lopes)

Die argentinische Autorin Claudia Pineiro nimmt in ihrem jüngsten Roman "Der Riss" die Perspektive eines Mannes ein. Es geht um den Architekten Pablo Simó, der seit zwanzig Jahren in einem Architekturbüro arbeitet und sich in Tagträume flüchtet.

Die Geschichten der erfolgreichen argentinischen Schriftstellerin Claudia Pineiro zeichnen sich durch ihre Vielschichtigkeit aus und sind schwer in ein Genre einzuordnen. Sie schreibt keine klassischen Krimis, obwohl es in ihren Romanen immer mindestens eine Leiche gibt. Diese ist jedoch nur ein Katalysator, um eine schon seit Langem verfahrene Situation auf die Spitze zu treiben.

So auch in dem jüngsten Roman "Der Riss". Neu ist diesmal, dass Claudia Pineiro die Perspektive eines Mannes einnimmt. Es geht um den Architekten Pablo Simó, der seit zwanzig Jahren sehr gradlinig, aber persönlich wenig erfolgreich in einem Architekturbüro in Buenos Aires arbeitet. Auch seine zwanzigjährige Ehe mit Laura ist zur reinen Gewohnheit verkommen. Lediglich Lauras hysterische Ausbrüche über ihre pubertierende Tochter verlangen von Pablo eine gewisse Solidarität. Er flüchtet sich in einen Tagtraum, in dem er immer wieder den Entwurf eines Hochhauses zeichnet, von dem er weiß, dass er es in Buenos Aires niemals wird bauen können.

Da taucht im Büro eine junge Frau auf, um nach einem gewissen Nelson Jara zu fragen. Damit verunsichert sie Pablo Simó, seinen Chef und die weitere Mitarbeiterin aufs Höchste. Ebendieser Nelson Jara hatte vor Jahren vom Architektenbüro eine hohe Summe Schadensersatz verlangt. Er hatte behauptet, durch einen Neubau dieser Firma sei in einer Wand seiner Wohnung ein langer Riss entstanden. Pablo sollte den Mann beruhigen, doch dieser gab nicht auf und wurde nach einem äußerst mysteriösen Unfall von Pablo und seinen beiden Kollegen in die beanstandete Baustelle einbetoniert.

Während das Interesse der jungen Frau an Nelson Jara schnell nachlässt, kommen die Täter nicht zur Ruhe. Pablo Simó beginnt sein bisheriges Leben und die Gewissheiten, die ihn dabei getragen haben, komplett infrage zu stellen. Auch fühlt er sich zu der jungen Frau hingezogen und fragt sich schließlich, ob er mit fünfundvierzig das Ruder seines Lebens noch einmal herumreißen kann.

Claudia Pinero beschreibt diese Midlife-Crisis mit viel Empathie. Sie nutzt aber Pablos Geschichte auch dazu, die Heuchelei und den Selbstbetrug der argentinischen Mittelschicht anzuprangern und die schmutzigen Tricks der Immobilienbranche zu entlarven. Äußerst flüssig und prägnant entwickelt die Autorin ihre Geschichte, die spannungsreich wie ein guter Film vor den Augen des Lesers abläuft und ihn einlädt zu einem Spaziergang durch die Architektur von Buenos Aires. Verspielt nutzt sie den Jugendstil einiger Gebäude als Symbol für Pablos erotische Fantasien. Der Riss zieht sich nicht nur durch die Wand, sondern auch durch Pablos Leben und führt zu einem fantastischen Ende, wie es nur Claudia Pineiro mit ihrem schwarzen Humor schaffen kann.

Besprochen von Birgit Koß

Claudia Pineiro: Der Riss
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
Unionsverlag, Zürich 2011
253 Seiten, 19,90 Euro

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