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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 13.01.2010

"Ein Sommer in New York - The Visitor"

Hans-Ulrich Pönack über einen feinfühligen Independentfilm

Nach dem Tod seiner Ehefrau hat das Leben eines Universitätsprofessors nur noch wenig Sinn. Erst als er sich mit einem jungen Paar anfreundet, das illegal in den USA ist, und sich für sie einsetzt, wird er wieder lebendig.

USA 2007, Regie: Thomas McCarthy, Hauptdarsteller: Richard
Jenkins, Hiam Abbass, Haaz Sleiman, ohne Altersbeschränkung, 108 Minuten


Regisseur Thomas McCarthy kennt man hierzulande vor allem als Schauspieler in Nebenrollen (zuletzt in "2012”; davor in "Mammouth”, Berlinale-Wettbewerbsfilm des Vorjahrs; in "Michael Clayton", 2007 oder in "Good Night, and Good Luck", 2005). 2002 schuf er seinen ersten eigenen Film (als Drehbuchautor und Regisseur), "Station Agent", der nur 550.000 Dollar kostete und weltweit über zehn Millionen Dollar einspielte. "Station Agent", mit dem kleinwüchsigen Schauspieler Peter Dinklage in der Hauptrolle, avancierte auch bei uns zu einem "Kleinfilm mit Kultgeschmack", als er 2004 hier anlief.

Jetzt hat der am 30. Januar 44 Jahre alt werdende Thomas McCarthy das zweite eigene Werk geschaffen. Aber was heißt jetzt: "The Visitor" entstand bereits 2007. Hauptdarsteller Richard Jenkins erhielt im Vorjahr eine "Oscar"-Nominierung, und damit geriet der Film erstmals in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit. Doch erst jetzt erreicht er bei uns das Kino. Aber zunächst zum 62-jährigen Richard Jenkins: Mag auch der Name bei uns (noch) nicht so geläufig sein, sein Gesicht ist es allemal. Wir kennen ihn aus vielen kleinen-großen Nebenrollen in Filmen wie "Burn After Reading – Wer verbrennt sich hier die Finger?", 2008, von den Coen-Brüdern; "Operation: Kingdom", 2007; "Wo die Liebe hinfällt ... ", 2005; "Ein (un)möglicher Härtefall" (2003, neben Clooney und Zeta-Jones); "Ich, beide und Sie" (2000) und "Absolute Power" (1997, von und mit Clint Eastwood) oder aus "Hannah und ihre Schwestern" (1986, von Woody Allen). Mal ist er als korrupter Regierungsbeamter unterwegs, mal tritt er als ein knödliger Fitnessstudio-Angestellter auf; mal ist er der Mistkerl aus "dem Apparat", mal der unauffällige, nette Papa oder Ehemann der Family. Jenkins ist das, was man einen guten Typ nennt; vielseitig " einsatzfähig. In der TV-Serie "Six Feet Under – Gestorben wird immer" (2001 - 2005) wurde er einem größeren Fernsehpublikum als Bestattungsunternehmer bekannt.

Jetzt hat er endlich seinen großen Leinwandauftritt und kann zeigen, was in ihm steckt. Er spielt den angesehenen Wirtschaftsprofessor Walter Vale. Der hat sich seit dem Tod seiner Ehefrau in seinem Landhaus in Connecticut vergraben, steht seinem Beruf inzwischen eher lustlos gegenüber, meidet soziale Kontakte. Als er zu einer Konferenz nach New York muss, findet er in seiner dortigen Zweitwohnung ein junges Paar vor, den aus Syrien stammenden Tarek (Haaz Sleiman) und seine senegalesische Freundin Zainab (Danai Guria). Weil die nicht wissen, wohin, bietet er ihnen spontan an, für einige Zeit bei ihm im Gästezimmer zu wohnen. Kontakt entsteht. Tarek ist Straßen- und Barmusiker und spielt auf der Djembé-Trommel.

Der Prof beginnt sich dafür zu interessieren, öffnet sich allmählich. Seine Lebensgeister erwachen. Diese Zufallsbekanntschaft beginnt sein Leben zu verändern, entwickelt sich auch zu einem freundlichen zwischenmenschlichen Kulturaustausch. Doch dann stellt sich heraus, dass sich Tarek illegal in den USA aufhält. Bei einer Kontrolle in einer U-Bahn-Station wird er festgenommen und in Abschiebehaft gesteckt. Walter ist aufgeschreckt. Schaltet einen Anwalt ein, bemüht sich, gemeinsam mit der angereisten verwitweten Mutter von Tarek, um Freilassung. Doch Amerika ist traumatisiert. Misstrauisch. Gerade gegenüber Menschen aus arabischen Staaten. Die Bürokratie fährt seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 einen rigorosen Kurs. Und der akzeptiert weder Mitmenschlichkeit noch Gnade. Die Fakten sind eindeutig, die Regeln auch.

Was sich möglicherweise zunächst plakativ und angestrengt anhört, ist keineswegs so. Ganz im Gegenteil. "The Visitor" zählt zu den leisen, zurückhaltenden, genau hinsehenden und dabei angenehm-unaufgeregt erzählenden, intelligent argumentierenden Dramen. Der Film will hier eben nicht "spektakeln", sondern von "normalen" Menschen sensibel berichten und dabei vor allem das zwischenmenschlich Mögliche spannend beobachten. Und dies in einer angenehm entspannten wie neugierig machenden wie äußerst unterhaltsamen Poesie-Weise, sodass man ihm (sehr) gerne gedanklich wie räumlich wie figurenmäßig folgt.
Dabei interessieren mehr "die körpersprachlichen Bewegungen", das Aufblicken, das Zur-Kenntnis-Nehmen, das Sehen und Erkennen überhaupt, die Mundwinkel, das Laufen, das Berühren, ohne Anzufassen. McCarthy benötigt nicht viele Worte, um klarzustellen, um Nähe herzustellen, um Interesse "zu provozieren". Dabei gelingen, wie schon beim Debütfilm "Station Agent", dem deutschen Kameramann Oliver Bokelberg völlig entspannte, atmosphärische Motive zwischen Menschen und "Großstadt".

Ein äußerst feinfühliger Independentfilm, der nie in stereotype Beschreibungen oder weinerliche Charakter-Klischees verfällt, sondern intelligente Denkspuren und "diskrete" emotionale Berührungen verfolgt. Sehr helfen ihm dabei die hervorragenden Akteure, allen voran natürlich Richard Jenkins. Sowie vor allem auch die einmal mehr wunderbare, franko-palästinensische Grand Dame Hiam Abbas ("Schmetterling und Taucherglocke", "Die syrische Braut", "Paradise Now") als Tareks Mutter Mouna Khalil, über die der Professor endgültig in das Leben zurückbefördert wird, ohne dass es hier aber zu banalen Gefühlsdoofheiten kommt. "Ein Sommer in New York" (was für ein einfältiger Dummtitel) – "The Visitor" zählt gegenwärtig zu den berührendsten, feinsten Neufilmen in unseren Lichtspielhäusern.

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