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Ein Sieg der "bürgerlichen Öffentlichkeit"

Der Sozialphilosoph Oskar Negt über die "Spiegel"-Affäre vor 50 Jahren

Moderation: Klaus Pokatzky

Der Philosoph Oskar Negt war 1962 Assistent von Habermas an der Universität Heidelberg.
Der Philosoph Oskar Negt war 1962 Assistent von Habermas an der Universität Heidelberg. (picture alliance / dpa - Jörg Carstensen)

In den Protesten gegen die Verhaftung von Augstein und Jacobi sei das "politische Element der Öffentlichkeit" zum ersten Mal deutlich geworden, sagt Philosoph Oskar Negt. Durch die Selbstverständlichkeit, mit der Journalisten "beharkt" wurden, sei ein neues Protestpotenzial mobilisiert worden.

Klaus Pokatzky: Wer ins Impressum des Hamburger Magazins "Der Spiegel" vom 14. November 1962 blickt, der findet dort angegeben als Herausgeber "Rudolf Augstein (zurzeit in Haft)". Und der findet dort "Chefredaktion: Claus Jacobi (zurzeit in Haft)". Das hätte gut gepasst ins wilhelminische Kaiserreich, wo die besonders aufsässigen Zeitungen eigene Sitzredakteure hatten.

Die mussten nicht besonders gut schreiben können, die mussten im Zweifelsfalle als verantwortliche Redakteure ins Gefängnis gehen, und da ein paar Monate Strafe absitzen. Die "Spiegel"-Affäre, die heute vor 50 Jahren ihren Anfang nahm, geschah aber nicht im wilhelminischen Kaiserreich, sie geschah in der Bundesrepublik Deutschland. Als die "Spiegel"-Affäre zu Ende war, verdiente die Bundesrepublik Deutschland dann auch diesen Namen.

Der Sozialphilosoph Oskar Negt, später Professor in Hannover, war damals im Oktober 1962 Assistent von Jürgen Habermas an der Universität Heidelberg. Guten Tag, Herr Negt!

Oskar Negt: Guten Tag!

Pokatzky: Haben Sie den "Spiegel" eigentlich vor der Affäre eigentlich schon regelmäßig gelesen?

Negt: Regelmäßig nicht. Aber der "Spiegel" war doch ein Ausdrucksmedium für kritische Intellektuelle, sehr weit gestreut. Das ist vielleicht nicht so ein kontinuierliches Lesemedium gewesen, aber doch bekannt genug, als dass das Fehlen des "Spiegel" viele Leute erregte.

Pokatzky: Es war auf jeden Fall ein Medium, aufsässig wie kaum eines gegen die Adenauer-Regierung, das heißt gegen die damals mit teilweise auch absoluter Mehrheit - 1957 hat Adenauer die absolute Mehrheit gewonnen - herrschende Union und natürlich ihren ewigen Koalitionspartner FDP.

Als Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und die Bundesregierung damals ernst machten gegen den "Spiegel", sprachen da diese augenscheinlichen Machtverhältnisse nicht eindeutig gegen den "Spiegel"?

Negt: Ja und nein. Es war ja zum Beispiel das Buch von Jürgen Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit" schon erschienen oder in Manuskriptform verbreitet. Das heißt, es öffnete sich schon etwas so, dass man sagen konnte, hier entsteht eine eigene Macht, die etwas anderes ist als die Anti-Atom-Bewegung, Wiederbewaffnungsbewegung. Das waren definierbare Feindpositionen, aber hier zum ersten Mal war es so, dass es das Bürgertum selber berührte.

Pokatzky: Änderte sich da etwas, was das Obrigkeitsdenken, das Verhältnis zu Staat und Obrigkeit anging, im Bürgertum?

Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein wird am 08.01.1963 nach dem dritten Haftprüfungstermin von zwei Polizeibeamten aus dem Gebäude des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe geführtSpiegel-Herausgeber Rudolf Augstein wird am 08.01.1963 nach dem dritten Haftprüfungstermin von zwei Polizeibeamten aus dem Gebäude des Bundesgerichtshofes in Karlsruhe geführt (picture alliance / dpa / Harry Flesch)Negt: Ja, es war nicht mehr so intakt. Ich meine, die Restaurationsphase begann, abgeschlossen zu werden. Es waren nicht mehr die alten Leute in den Universitäten, die das Regime Wissenschaft dominierten, sondern es war eben zum Beispiel die Berufung von Jürgen Habermas an eine klassische Universität wie Heidelberg, war auch ein Signal, dass sich in den Universitäten etwas rührte. Das heißt, das politische Element der Öffentlichkeit ist zum ersten Mal sehr deutlich gewesen in den Protestaktionen gegen die Verhaftung von Augstein und Jacobi.

Pokatzky: Also die Berufung von Habermas war ja vor der "Spiegel"-Affäre, dann kam die "Spiegel"-Affäre - was war damals für Sie die größte Überraschung, wenn Sie so an die Reaktion der Öffentlichkeit denken?

Negt: Na ja, es war doch eben die politische Qualität, die praktisch klassenübergreifend war. Es berührte die Gewerkschaften, es berührte aber auch die Redaktionen der einzelnen Tageszeitungen. Der politische Gehalt dieser Protestaktion gegen die Herrschenden war für mich sehr überraschend.

Pokatzky: Hatten die, diese - in Anführungszeichen - "Herrschenden" so völlig den Kontakt zur Realität verloren, dass sie das alles nicht mitbekommen haben und wirklich glaubten, also Strauß, Adenauer und so weiter, wer alles diese Affäre betrieben hat, hatten die wirklich die Vorstellung, dass sie da am längeren Hebel sitzen und den "Spiegel" aushungern lassen können, wo ja damals klar war: Wenn eine einzige Ausgabe nicht erscheint, ist der "Spiegel" wirtschaftlich ruiniert?

Negt: Ja. Na ja, ich meine, sie waren eben doch sehr machtbewusst und selbstsicher. Ich meine, die Redeweise von Adenauer, ein "Abgrund von Landesverrat" und solche Dinge zeigten ja an, dass hier die etablierten Parteien überhaupt nicht daran dachten, hier eine Niederlage erleiden zu müssen.

Das heißt also, das Herrschaftsbewusstsein war noch ziemlich intakt, und die Wahrnehmung einer Wirklichkeit, einer sich allmählich umgruppierenden Wirklichkeit ist in der Tat ja erst später gekommen.

Pokatzky: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit dem Sozialphilosophen Oskar Negt zur "Spiegel"-Affäre, die heute vor 50 Jahren ihren Anfang genommen hat. Herr Negt, Stichwort Macht. Wie hat diese Affäre das Verhältnis der Medien zur Regierungsmacht, auch zur politischen Macht des Parlamentes, also zur ersten und zweiten Gewalt im Staat verändert?

Negt: Ja, es war ein gewaltiger Einschnitt. Ich meine, das mit dem Landesverrat, das ist ja eben praktiziert worden in einer Weimarer Republik fortwährend, und die Gerichte haben immer gegen Ossietzky und den anderen Landesverrätern ...

Pokatzky: Also Karl von Ossietzky, den berühmten Publizisten, pazifistischen Publizisten der 20er-Jahre.

1962: In München demonstrierten Studenten gegen Polizei-Maßnahmen im Zuge der "Spiegel"-Affäre.1962: In München demonstrierten Studenten gegen Polizei-Maßnahmen im Zuge der "Spiegel"-Affäre. (picture alliance / dpa / Klaus-Dieter Heirler)Negt: Der hat auch einige Zeit in Gefängnissen verbracht immer wieder, und man dachte, das könnte jetzt also wiederholt werden. Es sind ja wirklich Traditionsbestände, die hier einfach transportiert wurden, so als ob das Dritte Reich nicht gewesen wäre. Da hat sich etwas vollzogen, was im Grunde dann auf die Protestbewegung der Studenten und Jugendlichen schon hinweist.

Pokatzky: Hat sich hier erstmals auch wirklich dann Medienmacht, natürlich mit all der Unterstützung dann, sie sagten schichten-, klassenübergreifend, aus der Bevölkerung als Vierte Gewalt in der Bundesrepublik in Szene gesetzt?

Negt: Meines Erachtens taucht auch dieser Begriff "Vierte Gewalt" erst in diesen Diskussionen auf, sodass im Grunde das, was bürgerliche Öffentlichkeit ist, erst tragfähig wird in den beginnenden 60er-Jahren.

Vorher war so etwas wie eine Kontrollöffentlichkeit, die man als bürgerliche Öffentlichkeit bezeichnen könnte, in Dimensionen wie in England oder in den Vereinigten Staaten gar nicht vorhanden.

Und der "Spiegel" gewinnt natürlich durch diese Aktionen erst seine politische Dimension, die sich dann immer stärker auch auf die 60er-Jahre auswirkt.

Pokatzky: Sie sprachen von einer Mentalität, die teilweise vorherrschte, als ob das Dritte Reich nicht gewesen wäre, als ob es so eine Kontinuität zwischen den 20er-Jahren, also Weimarer Republik, und der Verfolgung, Drangsalierung von Journalisten auch mithilfe der Mittel der Justiz in die Bundesrepublik Deutschland hinein gegeben habe, aber andererseits: Überall in der Bundesrepublik saßen ja auch noch die alten Nazis.

Sie saßen im Regierungsapparat, in der Verwaltung, in der Justiz, in den Medien. Nicht zuletzt, wie wir heute wissen, auch in der "Spiegel"-Redaktion. War dieses alles jetzt so ein Befreiungsschlag auch gegen diese Leute, die sich unter den Nationalsozialisten schlimmer Verfehlungen bis zu Verbrechen hatten schuldig machen lassen, dass gegen die jetzt auch so ein Aufbegehren auf einmal da war?

Negt: Na ja. Ich meine, es hört ja die Restaurationsphase so Mitte der 60er-Jahre auf. Also der Auschwitz-Prozess ist ein Einschnitt in die Verurteilung von bestimmten Verbrechen des Dritten Reiches. Also die Justiz arbeitet so allmählich sich ran an die Selbstreflexion eben dessen, was an Unrechtsurteilen stattfand.

Das heißt, es ist eine Umbruchphase, in die die "Spiegel"-Affäre reinkommt. Und insofern konstituiert sich so allmählich ein bürgerliches Gegenbewusstsein, das dann auch in die Protestbewegung der 60er-Jahre übergeht.

Pokatzky: Hat diese "Spiegel"-Affäre dann zur Entstehung eines, ja, neuen Bürgertums, eines liberalen, obrigkeitskritischen Bürgertums geführt?

Negt: Ja. Also so würde ich das ausdrücken. Es zeigte sich dann bei der Ermordung von Benno Ohnesorg, dass ...

Pokatzky: 1967, 2. Juni ...

Negt: ... dass jetzt so etwas wie eine bürgerliche Öffentlichkeit entstand, wo zum Beispiel ich eine Rede auf dem Römerberg hielt, aber auch ganz konservative Professoren da redeten. Das war das erste Mal, dass die Linke und die bürgerlichen Intellektuellen miteinander kooperierten.

Pokatzky: Wie gewinnbringend war die "Spiegel"-Affäre dann nicht nur für den "Spiegel", der ja mit Hilfe von anderen Redaktionen, vor allem der "Zeit" und des "Stern" weiter erscheinen konnte, ohne dass eine einzige Ausgabe ausfallen musste, der danach zu einem Monument unserer Medienlandschaft wurde und zu einem gewinnbringenden reichen Dukatenesel - also der Spiegel hat natürlich davon profitiert -, aber wie gewinnbringend war diese Affäre auch für die Bundesrepublik. Müssen wir Franz-Josef Strauß und denen, die ihm geholfen haben, gegen den "Spiegel" vorzugehen, heute nicht dankbar sein?

Negt: Na ja, hinterher kann man sagen, es ist hier ein Protestpotenzial mobilisiert worden gerade durch diese Herrschaftsallüren und die Selbstverständlichkeit, mit der Journalisten beharkt wurden, ist ein Protestpotenzial, ein bürgerliches, mobilisiert worden, was es so vorher nicht gegeben hat.

Pokatzky: Sagt der Sozialphilosoph Oskar Negt. Vielen Dank, Herr Negt. Noch ein paar Stunden, und dann ist es auf die Minute genau 50 Jahre her, dass Polizisten die Hamburger "Spiegel"-Redaktion besetzt haben.

Trinken wir um Mitternacht darauf, dass am Ende die Demokratie gesiegt hat.

Negt: Gut!

Pokatzky: Tschüss!

Negt: Tschüss!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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