Mittwoch, 20. August 2014MESZ20:30 Uhr

Interview

Digitale Agenda"Einer muss den Hut aufhaben"
Der Bundesminister für Digitale Infrastruktur, Alexander Dobrindt (CSU, l-r), Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) stellen am 20.08.2014 vor der Bundespressekonferenz in Berlin die Digitale Agenda der Bundesregierung vor und beantworten Fragen von Journalisten.

Dass die Bundesregierung die digitale Welt mitgestalten möchte, sei zwar löblich. Sie hinke aber hinter den Entwicklungen der großen Akteure der digitalen Welt - wie etwa Google - hinterher, sagt Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission.Mehr

Wirtschaft"Der Westen könnte einen Boom erleben"
Das Frankfurter Bankenviertel

Dass viele Volkswirtschaften schwächeln, hat nichts mit dem Finanzsektor zu tun, sagt der US-amerikanische Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften, Edward Prescott. Die westlichen Volkswirtschaften litten unter einer zu hohen Regulierungslast, übermäßigen Staatsausgaben und Steuersystemen, die dringend reformiert werden müssten.Mehr

NetzpolitikDie Digitale Agenda ist ein "Bauchladen"
Einzelne Glasfaserkabel der Deutschen Telekom, aufgenommen bei Verlegearbeiten in Hannover.

Die Digitale Agenda der Bundesregierung muss nach Einschätzung der Politikwissenschaftlerin Jeanette Hofmann noch an vielen Stellen nachgebessert werden. So müsse sich die Regierung klarer zu den Bürgerrechten im Internet und zur Modernisierung des Datenschutzes bekennen.Mehr

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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.03.2011

Ein sehr wichtiger Schritt

Wissenschaftlerin: Deutschland hat Vorreiterrolle bei Imam-Ausbildung

Katajun Amirpur im Gespräch mit Nana Brink

DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh
DITIB-Merkez-Moschee in Duisburg-Marxloh (Deutschlandradio - Ulf Dammann)

Die Imam-Ausbildung an deutschen Hochschulen trägt zur "muslimischen Selbstfindung" bei, sagt die deutsch-iranische Wissenschaftlerin Katajun Amirpur. Denn in islamischen Ländern sei eine derart innovative Koran-Auslegung, wie sie dort stattfinde, derzeit kaum denkbar.

Nana Brink: Er war noch nicht lange Bundesinnenminister, und schon war ihm die Aufmerksamkeit sicher: Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich erklärte Anfang März, es gebe keinerlei historische Belege dafür, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Und wenn heute die Islamkonferenz zum ersten Mal unter der Leitung des neuen Bundesinnenministers zusammenkommt, wird ihn dieser Satz wohl begleiten.

Und ich bin jetzt verbunden mit der Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur, Professorin an der Uni Zürich im Fach Moderne Islamische Welt. Einen schönen guten Morgen, Frau Amirpur!

Katajun Amirpur: Guten Morgen!

Brink: Hat Sie der Ausspruch des neuen Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich, der Islam gehöre historisch gesehen nicht zu Deutschland, überrascht?

Amirpur: Ja natürlich. Also ich muss sagen, als Minister Schäuble 2006 die Islamkonferenz eröffnet hat und gesagt hat, der Islam gehört zu Deutschland, war das ein sehr, sehr gutes Zeichen. Das hatte hohen Symbolwert, dass er das so formuliert hat, und kam bei den Muslimen sehr gut an. Und dann fragt man sich schon, warum sagt Friedrich fünf Jahre später, dass das so offensichtlich nicht ist. Da ist wahrscheinlich ein deutlicher Kursschwenk eingeleitet worden und ich glaube nicht, dass das besonders konstruktiv ist, gerade im Hinblick auf eine Islamkonferenz, wo man ja nun mit Muslimen in den Dialog treten möchte. Also ich glaube, die Stimmung hat sich sehr geändert, was wir ja schon gesehen haben, als Bundespräsident Wulff eine ähnliche Äußerung getan hat vor wenigen Monaten. Da ist er auch sehr heftig kritisiert worden. Und da hat sich doch die Stimmung im Vergleich zum Eröffnungssatz von Schäuble sehr, sehr stark geändert inzwischen.

Brink: Aber hat er historisch gesehen nicht recht?

Amirpur: Na ja irgendwie hat er natürlich historisch gesehen recht, obwohl es da … Aber ich glaube, das war ja … Er wollte gar nicht wirklich differenzieren und sagen, historisch gehört er nicht dazu, aber heute gehört er wirklich dazu. Es ging ja nun, was sagt uns das, wenn ein Minister als quasi erstes Statement, bei seiner Amtseinführung quasi so einen Satz von sich gibt, wo er genau weiß, welche Sätze es zu dem Thema schon gab?

Also ich glaube, es geht nicht um diese Spalterei, gehört es nun historisch gesehen dazu oder gehört es nicht, sondern ich frage mich: Was möchte uns der Minister damit sagen und was ist die Aussage an die Wählerschaft und was ist die Aussage gegenüber den Muslimen? Und das halte ich eben für wenig konstruktiv.

Brink: Also Sie fühlen sich vor den Kopf gestoßen?

Amirpur: Nun, auf jeden Fall. Also ich glaube, oder es heißt ja immer so, Leute wie ich seien nicht angesprochen, wenn diese Debatte über den Islam in Deutschland geführt wird, weil wir seien ja schließlich die sehr, sehr gut integrierten Muslime, aber auch Leute wie ich, die in der Tat wohl sehr gut integriert sind, die Deutsch sprechen wie eine Nachtigall, fühlen sich durch solche Äußerungen vor den Kopf gestoßen, weil sie ja nun mal eben diese deutschen Muslime sind. Und wenn man auch über sie sagt, irgendwie gehört die Religion, die ihr glaubt, nicht wirklich zu Deutschland, das heißt, man kann eigentlich nicht richtig Deutscher werden. Ich glaube nicht, dass das ein Grund ist, sich übermäßig beleidigt zurückzuziehen, aber es ist sicherlich auch nicht konstruktiv im Sinne eines Dialogs.

Brink: Kommen wir auf das heutige Thema der Islamkonferenz zu sprechen, ja auch ein ganz wichtiges im Sinne von Integration, nämlich der islamische Religionsunterricht und die Ausbildung von Imamen und Lehrern. Bundesbildungsministerin Schavan hält den Unterricht für wichtig als Zeichen des Respektes. Wie sehen Sie das?

Amirpur: Das sehe ich ähnlich. Ich denke, das ist nun gerade ein Zeichen um zu sagen, der Islam gehört eben doch zu Deutschland. Wenn Muslime in Deutschland leben und Deutschland als ihre Heimat ansehen wollen und sollen, dann gehört natürlich auch dazu, dass ihre Kinder einen islamischen Religionsunterricht bekommen.

Und ich glaube, dass Deutschland da wirklich einen sehr wichtigen Schritt gegangen ist, auch eine Vorreiterrolle spielt europaweit gesehen, und jetzt praktisch den Ball ins Feld der Muslime gespielt hat und gesagt hat, das ist ein großes Angebot von unseren Seiten, von uns aus, wir bieten euch an, dass eure Kinder wirklich was lernen können über den Islam, wir nehmen das auch in die Hand – das kostet ja einen Haufen Geld, also insofern ist da wirklich eine große Bereitschaft aufseiten des deutschen Staates vorhanden, das zu machen –, und ich halte das für ein wichtiges Signal zum einen – und zum anderen natürlich auch ausgesprochen notwendig.

Also zum einen möchte auch ich, dass meine Kinder vernünftig etwas lernen über den Islam, und das Zweite ist, dass ich glaube, dass Lehrstühle, in denen islamische Theologie weiterentwickelt wird, durchaus auch zur muslimischen Selbstfindung beitragen können. Also hier wird ja dann eine Forschung stattfinden, eine Forschung angestoßen, die zum Teil so in den islamischen Ländern gar nicht möglich ist, weil, sobald etwas Innovatives auf dem Gebiet der Koranhermeneutik beispielsweise stattfindet, werden die Leute sehr, sehr schnell zu Ketzern erklärt.

Also ich glaube, dass Deutschland da auch wirklich eine Vorreiterrolle spielen könnte im Sinne eines Raumes, eines Denkraumes, wo wirklich neue Forschung und neue Perspektiven auf die Koranforschung entwickelt werden können von Muslimen selber.

Brink: Aber Sie haben es gerade selbst gesagt, der Ball liegt nun im Spielfeld der Muslime. Und genau da liegt ja auch das Problem: Es gibt eben nur eine unzureichende Organisation des Islam in Deutschland. Wo sind die Ansprechpartner?

Amirpur: Nun, das ist ein Problem, das sich nicht wirklich lösen lässt beziehungsweise sich eigentlich nicht im Sinne des Islams lösen lässt. Der Islam ist nun mal so organisiert, dass er nicht hierarchisch ist, wie wir das aus der Kirche kennen. Im Islam gibt es diese hierarchische Strukturierung nicht, es ist viel, viel basisdemokratischer. Aber man ist ja jetzt hingegangen und versucht trotzdem, also auch ohne wirklich einen Ansprechpartner aufseiten der Muslime, der sich einfach so nicht herausbilden kann. Also dazu sind viel zu viele unterschiedliche Strömungen vorhanden von Muslimen in Deutschland, die zum Teil nun mal auch was ganz anderes denken und glauben.

Aber man ist ja trotzdem inzwischen hingegangen und sagt, es geht eventuell auch ohne, wir können da auch einen Mittelweg finden und schaffen das auch, ohne wirklich eine Organisation zu haben, die für alle Muslime spricht. Und ich muss sagen, ich würde mich dagegen wehren, dass es eine Organisation gibt, die für alle Muslime spricht …

Brink: … also so was Ähnliches, pardon, wie zum Beispiel im Christentum, also die kirchenähnlichen Strukturen, die ja dann auch den Religionsunterricht tragen?

Amirpur: Genau, so was kann es einfach nicht geben, weil wir viel zu viele verschiedene Strömungen von Muslimen haben und weil der Islam das nicht vorsieht. Aber ich glaube, man kann sich da behelfen. Und darüber muss dann eben in der Islamkonferenz geredet werden, wie man sich da einfach anders strukturell behelfen kann.