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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.10.2012

"Ein sehr nasskalter, harter Wind"

Wischenbart: Eine Fusion von Random House und Penguin ist nötig

Rüdiger Wischenbart im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Die Verlage Penguin und Random House stehen möglicherweise vor einer Fusion
Die Verlage Penguin und Random House stehen möglicherweise vor einer Fusion (picture alliance / dpa / Andy Rain)

Der mögliche Zusammenschluss der Verlagsgruppen Random House und Penguin würde für großen Druck in der Branche sorgen, meint der Journalist Rüdiger Wischenbart. Die Fusion sei aber aufgrund von E-Books und Online-Handel unvermeidlich.

Klaus Pokatzky: Mehr als 11.000 Neuerscheinungen und 500 Millionen verkaufte Bücher. Das präsentiert die internationale Verlagsgruppe Random House aus dem Hause Bertelsmann als ihre Jahresleistung. Mit fast 200 Verlagen in 15 Ländern und in Deutschland allein 45 Verlagen, darunter Goldmann und Heine, Luchterhand, Siedler, der Deutschen Verlagsanstalt und Manesse. Die britische Verlagsgruppe Penguin wiederum gehört zum Konzern Pearson und sagt von sich, dass sie der weltweit größte Publikumsverlag für Literatur und Sachbücher sei, also das führende Haus im Bildungsbereich. Diese beiden Giganten sprechen nun über ihre Hochzeit. Rüdiger Wischenbart ist Journalist in Wien und ein Experte für den internationalen Buchmarkt. Er war auch Pressesprecher der Frankfurter Buchmesse. Guten Tag nach Wien, Herr Wischenbart!

Rüdiger Wischenbart: Hallo!

Pokatzky: Würden Sie da gerne Trauzeuge sein und würden sich freuen, wenn es zu dieser Gigantenhochzeit kommt?

Wischenbart: Ich glaube, da geht es nicht drum, ob es einen freut oder nicht. Dass so etwas passieren würde, dass so etwas angesagt ist, das zeichnet sich seit einiger Zeit ab, weil wir einen so umfassenden Umbruch auf den Buchmärkten beobachten können, angetrieben vom E-Book, vom Digitalen auf der einen Seite, aber auch einer sehr, sehr starken Globalisierung auf der anderen Seite. Da konnte man schon erwarten, dass genau solche Gruppen jetzt auch neue Taten setzen würden.

Pokatzky: Aber es sind doch beides Giganten. Haben die das finanziell überhaupt nötig, dass sie dann noch mit einem weiteren Giganten ins Boot oder ins Bett steigen?

Wischenbart: Ja. Absolut ja. Lassen Sie mich ein paar Größenvergleiche herstellen. Im Moment ist das, wie Sie es nennen, die Hochzeit der Nummer drei und der Nummer vier. Der größte Publikumsverlag ist Hachette. Hachette hat rund zwei Milliarden Umsatz im Jahr, hauptsächlich in Frankreich, in Großbritannien und in Amerika. Aber Achete, ähnlich wie Penguin, hat in den letzten Jahren schon systematisch begonnen, Büros in Peking, in Brasilien, in anderen Teilen der Welt aufzumachen. Gleichzeitig aber gibt es über diesen Elefanten noch zwei andere Ligen. Das eine sind die Wissenschafts- und die Bildungsverlage. Pearson Education, also der Bildungsarm von Penguin und Pearson, macht allein über fünf Milliarden Umsatz, und die beiden zusammen bilden erst wirklich die Nummer eins auf dem Weltmarkt. Jetzt, wo aber dann auch noch so Großgewichte wie Amazon, Apple oder Google auf das Feld drängen und sagen, wir machen uns den Buchmarkt, wie er uns passt, verschiebt sich das alles noch einmal ganz drastisch.

Pokatzky: Was würde eine solche Fusion denn für den Buchmarkt international und speziell in Deutschland bedeuten?

Wischenbart: Erstens voll ganz in Richtung E-Book und digital, zweitens eine viel, viel höhere Integration auf der internationalen Ebene. Also heute zum Beispiel, auch bei den größten Bestsellern, die wir haben, ist es nicht ausgemacht, dass die einzelnen Landesfilialen dieser Konzerne eben auch die Übersetzungsrechte haben. Nur ein Beispiel: Der schwedische Verlagskonzern Bonnier, zu dem Ullstein und Piper in Deutschland gehören, hat für Deutschland zwar privilegierte Rechte bei "Shades of Gray" gekriegt, aber nicht für die schwedische Mutter, weil da andere Prioritäten gesetzt worden sind. Und solche viel stärker integrierte Konzerne würden das natürlich unter einem Dach versuchen, abzuwickeln. Dritte Geschichte: Für alle anderen weht da ein sehr nasskalter, harter Wind. Da kommen ganz andere Konkurrenzgeschichten und ein breiterer Konsolidierungsdruck auf uns alle zu.

Pokatzky: Was würde das so für die kleineren Verlage mit den ganz großen exzellenten Namen wie Suhrkamp oder Hanser oder C.H. Beck oder Fischer bedeuten?

Wischenbart: Fischer klammern wir aus, weil Fischer ist Teil wiederum eines Konzerns ...

Pokatzky: Holtzbrinck. Ist Holtzbrinck mit Rowohlt und ein großer Zeitungskonzern, aber dann nehmen wir jetzt mal diese Buchverlage: Suhrkamp, Hanser, C.H. Beck.

Wischenbart: Aber genau die, die Sie gesagt haben, vielleicht noch Hoffmann & Campe dazu, die spüren diesen Wind ganz frontal, weil die müssen dann auf einmal in einer Liga mitbieten, die für sie außer Reichweite ist.

Pokatzky: Also wenn es um jetzt ausländische Lizenzen geht und solche Geschichten?

Wischenbart: Aber auch natürlich im nationalen Markt, weil da die Vorhand dieser marktführenden Konzerne in der Innovation, in Neuentwicklungen, im Erwerb internationaler Rechte und Lizenzen, aber auch im Abgreifen und in der Präsenz bei den Vertriebskanälen innerhalb von Deutschland ganz anders dastehen. Und da kann man sich erwarten und wirklich schon kalkulieren, dass da - das wird ein tiefer Einschnitt sein.

Pokatzky: Im Deutschlandradio Kultur fragen wir den Buchmarktexperten Rüdiger Wischenbart nach den Folgen einer möglichen Verlagsfusion von Random House und Penguin. Herr Wischenbart, es ist natürlich immer dieses große Stichwort E-Book-Markt und Onlinebuchhandel - was würde da eine Fusion dieser beiden großen Konzerne bedeuten?

Wischenbart: Da müssen wir einmal Onlinehandel und E-Book auseinander halten. Beim Onlinehandel haben wir jetzt schon einen sehr stark dominanten Akteur, das ist Amazon, der in Deutschland so wie davor auch in Amerika oder Großbritannien deutlich die Marktführerschaft hat. Und diese Konzerne wie Amazon, die fangen an, alle anderen Rollen auch unter ihrem Dach zu versammeln und selbst zu machen. Also die sind dann selbst Verlag. Die sind selbst Leihbücherei und so weiter.

Und die werden natürlich leichter mit den paar Großkonzernen bei der Verlagsseite sich auf Spielregeln vereint verabreden als mit kleineren. Und für die werden dann die Margen auch einfach noch härter verhandelt. Beim E-Book kommt dann noch dazu, dass wir bis jetzt sehen, dass in den letzten 12, 18 Monaten, wo das E-Book-Geschäft jetzt wirklich Form angenommen hat in Deutschland, die paar ganz großen und ein paar ganz wenige mittelgroße wie Lübbe das unter sich ausgemacht haben und alle anderen mittelgroßen und kleineren Verlage haben das Feld den großen Elefanten überlassen. Und da kommt jetzt noch einmal so ein Druck dazu. Und wir erwarten alle mit relativ soliden Zahlen im Hintergrund, dass im Weihnachtsgeschäft 2012 das Thema E-Book wirklich sehr massiv losgetreten werden wird bei den Konsumenten. Das heißt, wie ich gesagt habe, ganz massive Veränderungen in der Konkurrenzlandschaft.

Pokatzky: Wenn wir uns jetzt mal auf ein Schwerfeld vorstellen würden mit aller Kraft unserer Phantasie, wir würden jetzt nicht in einer digitalen Welt leben, sondern wir würden in der Verlagswelt wie vor 30 Jahren leben - wären die Konzerne dann auch gezwungen, überhaupt über eine solche Fusion nachzudenken?

Wischenbart: Nein, absolut nicht. Das war ja genau bis zum letzten großen Einschnitt auf der Ebene so der Fall, wie Sie es schildern, und der war vor 14 Jahren, als die Verlagsgruppe Bertelsmann über die Mutter den damals größten Publikumsverlag Random House in New York übernommen hat. Das war das eigentliche erste Startsignal Richtung Internationalisierung. Da entstand dann dieses Dreieck Deutschland, USA, Großbritannien. Und ein paar Jahre später das gleiche auf der französischen Seite durch Hachette. Bis dahin war immer, dass die einzelnen Buchmärkte nationale kulturelle Märkte sind. Die Deutschen wissen, was sie im deutschen Sprachraum wollen. Und sie sind nur sehr bedingt für andere Dinge interessiert und umgekehrt.

Pokatzky: Wenn wir uns jetzt mal diese beiden Häuser ansehen: Auch traditionsreiche Verlage sind dort versammelt. Welche Unternehmenskulturen treffen da aufeinander? Passen die überhaupt zusammen?

Wischenbart: Da bin ich sehr neugierig. Gut, dass Sie das ansprechen, weil das normalerweise außen vor gelassen wird. Penguin ist erstens ein 100-jähriges Traditionshaus mit allen Penguin Classics, wenn Sie Jane Austen in Großbritannien oder in Deutschland oder in Indien lesen wollen, dann ist das Penguin. Aber gleichzeitig, in den letzten fünf, sechs, sieben Jahren haben die den Laden komplett umgekrempelt, sehr stark in Richtung Digitales, sehr stark in die Internationalisierung ausgebaut, also das ist eine sehr dynamische und auch selbstbewusste Gruppe hier, die da sehr gut aufgestellt ist.

Bei Random House war doch das Schwergewicht auf den drei nationalen Märkten, da sehe ich viel weniger Integration, viel weniger Gemeinsames. Und da wird sich schon einiges zusammenrütteln müssen. So ganz einfach wird das nicht abgehen. Und dann sind auch die Führungsfragen. Und wo ist das dann beheimatet? Ist das nun wirklich, dass ich von Gütersloh aus nach Indien kommuniziere? Weil Penguin ist dort der größte Verlag und das ist einer der wichtigsten, stark wachsenden Märkte. Also da sind viele, viele Fragen zu beantworten noch.

Pokatzky: Sagt Rüdiger Wischenbart, Buchmarktexperte in Wien, zu den Verhandlungen über eine mögliche Verlagsfusion von Random House und Penguin. Vielen Dank, Herr Wischenbart, und alles Gute nach Wien!

Wischenbart: Danke schön! Schöne Grüße nach Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.