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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.05.2013

Ein schreibender Aufbewahrer

Vor zehn Jahren starb der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Walter Höllerer

Von Christian Linder

Walter Höllerer 1971: Er war Mitbegründer der Literaturzeitschrift "Akzente" (picture alliance / dpa / 90060/KPA)
Walter Höllerer 1971: Er war Mitbegründer der Literaturzeitschrift "Akzente" (picture alliance / dpa / 90060/KPA)

Walter Höllerer schaffte es, aus seiner provinziellen Heimat Sulzbach auszubrechen und im ganz großen Literaturzirkus mitzuspielen. So machte er West-Berlin in den 60er-Jahren zu einem Zentrum der literarischen Moderne. Treu geblieben ist er seiner Heimat aber bis zum Schluss.

Es gibt viele Schriftsteller, die jedes von ihnen im Berufsleben beschriftete Blatt Papier aufbewahren, und sei es ein Schmierzettel. Aber dass Walter Höllerer einen am 5. März 1932 in der Volksschule im bayerischen Sulzbach geschriebenen Aufsatz präsentieren und daraus zitieren konnte, zeugte von einer gewissen Einzigartigkeit unter den schreibenden Aufbewahrern:

"Ich habe mal in einem Aufsatz geschrieben mit elf Jahren: ‚Ich werde verreisen in alle Länder und werde dann nach Hause kommen und einen Zirkus gründen und dann schreibe ich ein Buch.‘"

Dieser Traum ist in Erfüllung gegangen. Der "Zirkus" war der westdeutsche Literaturbetrieb der Nachkriegszeit, und als einer ihrer "Direktoren" war Walter Höllerer unumstritten. Seine Rolle zum Beispiel als frühes Mitglied der Gruppe 47 oder als Mitbegründer der Literaturzeitschrift "Akzente" im Jahr 1954 oder als Professor für Literaturwissenschaft an der Technischen Universität Berlin seit 1959 oder als Initiator des 1963 gegründeten und in einer schönen alten Villa am Berliner Wannsee untergebrachten "Literarischen Colloquiums" konnte er zwar nach außen hin sichtbar genießen, aber nicht auf unangenehme Weise – auch weil er so herrlich über sich selbst lachen und andere damit anstecken konnte; zugleich traten Eitelkeiten sofort in den Hintergrund, wenn erst einmal seine Neugier auf etwas Fremdes geweckt war. Diese Neugier stand schon hinter dem Traum des jungen Höllerer.

"Mit dieser Neugier, mit diesem Wegkommen-Wollen ist verbunden, dass man auch die Leute, die man dort kennenlernt, als Leute sieht, die eine Heimat haben und eine Besonderheit haben. Diese Nähe von Nachbarschaft, die hat mir sehr geholfen und hat mir auch meinen Literaturbegriff mitgeprägt, mein eigenes Schreiben sehr stark geprägt, aber auch meinen Versuch, zu fördern und herauszugeben."

Seiner eigenen Heimat, dem Städtchen Sulzbach, das heute Sulzbach-Rosenberg heißt und wo er am 19. Dezember 1922 geboren wurde, ist Walter Höllerer, auch wenn er sich später in der größtmöglichen Entfernung aufhielt, immer treu geblieben – und seinem Traum, schreiben zu wollen. Nach seinem Debüt 1952 mit dem Gedicht-Band "Der andere Gast" setzte sich Walter Höllerer auch für die Lyrik anderer Autoren ein, gab zum Beispiel 1956 die laut Untertitel als "Lyrikbuch der Jahrhundertmitte" angelegte Anthologie "Transit" heraus. Warum Lyrik?

"Ich versuche mit meinen Gedichten das zu sagen, was sich den Leitartikeln und dem programmatischen Reden entzieht, was aber als harte Realität nicht zu verleugnen ist. Gedichte schreiben ist für mich ein notwendiger Vorgang gegen jede Versimpelung und gegen das Sand-in-die-Augen-Streuen, gegen böswillig gesteuerte und genährte Denk- und Faktenverschiebungen und gegen uneingesehene, unreflektierte Vorurteile …"

Walter Höllerer machte West-Berlin zu einem Zentrum der literarischen Moderne. Legendär die von ihm initiierten Lesungen etwa der publikumsscheuen Ingeborg Bachmann oder der Amerikaner John Dos Passos und Allen Ginsberg. Als Professor an der Technischen Universität förderte er viele junge Leute, die später herausragende Autoren wurden wie Hermann Peter Piwitt, oder gründete die Zeitschrift "Literatur im technischen Zeitalter", in der die Ideen des Strukturalismus und der Linguistik zum ersten Mal in Deutschland eine breitere Wirkung entfalten konnten.

Bei all den vielfältigen öffentlichen Aktivitäten fand Höllerer immer noch Zeit zur eigenen Literatur, schrieb neben Lyrik Prosa wie den Roman "Die Elephantenuhr" oder Essays zum Beispiel über Heimat. "Oberpfälzische Weltei-Erkundungen" nannte er, wohl in Verbeugung vor dem verehrten Jean Paul, ein Buch, in dem er über seine Reisen von Sulzbach-Rosenberg hinaus in die Welt und wieder zurück in die, wie er sicher zu wissen meinte, "trotz allem schönste Gegend der Welt" Rechenschaft abgab. Nach dem Tod Walter Höllerers am 20. Mai 2003 bedankte man sich in seiner Geburtsstadt für seine Heimat-Bekundungen, indem man eine Schule nach ihm benannte. Provinz? Den Einwurf kannte Höllerer:

"Provinz ist nicht gut. – Provinz ist nicht schlecht. – Provinz ist eine Möglichkeit. – Berlin ist Provinz. – Provinz Regensburg. – Provinz Sulzbach/Saar – und Sulzbach-Rosenberg. – Provinz ist, was du – daraus machst!"

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